Jan-Philip Senfft/Dirk Drüppel/Asadeh Karimi-Starke/André Jancevski/Konstantinos Mattheou: Nachtstreife. 6‑teilige Dokumentationsreihe (SWR Fernsehen)

Auf Rasanz getrimmt

13.11.2020 •

Vor 18 Jahren begann es, dass der Privatsender Sat 1 in der Reihe „Toto & Harry“ zwei Bochumer Streifenpolizisten bei ihren Einsätzen im Revier folgte. Die in mehreren Staffeln ausgestrahlte Reihe lebte weniger von brisanten Fällen als vom kumpelhaften Tonfall der beiden Protagonisten, der auch bei ihrem Umgang mit Delinquenten zum Tragen kam.

Es hat eine Zeit gedauert, bis auch die öffentlich-rechtlichen Sender das dokumentarische Blaulicht-Fernsehen für sich entdeckten. Und nun geschieht es in den Dritten Programmen der ARD: Seit 2017 begleitet die Reihe „Feuer und Flamme“ in der inzwischen dritten Staffel im WDR Fernsehen Feuerwehrleute im Ruhrgebiet bei ihren Einsätzen (vgl. MK-Kritik), im vergangenen Jahr gab es im HR Fernsehen die Serie „112 – Wir retten Hessen“ und im Februar 2020 folgte im SWR Fernsehen „112 – Retter im Einsatz“.

Nun werden beim SWR Fernsehen zur besten Sendezeit in der neuen Reihe „Nachtstreife“ Polizisten in Mainz bei der Arbeit begleitet. Dabei geht es vornehmlich rasant zur Sache. Schon im Vorspann erscheint die beschauliche rheinland-pfälzische Landeshauptstadt mit ihren wenigen Hochhäusern wie Manhattan. Auch im weiteren Verlauf jeder Folge sieht man, durch eine Drohnenkamera eingefangen, immer wieder Polizeiwagen mit eingeschaltetem Blaulicht durch dunkle Straßenschluchten flitzen. Was nachts natürlich spektakulärer aussieht als bei prallem Sonnenschein.

Der Sendetitel „Nachtstreife“ klingt für sich eher nüchtern, aber dahinter steckt, dass die Reihe grundsätzlich und durchgehend auf den besonderen Kick der Nacht setzt. Im Nachtdienst, sagt Polizistin Michelle Jung zu Beginn der ersten Episode, sei der Adrenalinkick entschieden höher, da mehr Menschen verrücktspielten als tagsüber. Die 25-Jährige gehört zu rund einem Dutzend der uniformierten Protagonisten, die in verschiedenen Teams unterwegs sind und vom Fernsehteam begleitet werden. Zu den Streifenbeamten kommen Mitglieder des Kriminaldauerdienstes (KDD) hinzu, die vorwiegend mit Menschen zu tun haben, die eines nicht natürlichen Todes gestorben sind, und außerdem die Truppe einer nahen Dienststelle der Autobahnpolizei.

Der erste Einsatz für Michelle Jung und ihren Kollegen ist ein Allerweltsfall. In einem Club soll es zu einer Schlägerei gekommen sein. Der Verursacher, offensichtlich angetrunken, macht einen verwirrten, aber nicht unbedingt aggressiven Eindruck. Am Ende fahren ihn die Polizisten auf seinen Wunsch netterweise sogar zum Bahnhof. Die beiden Kollegen vom KDD bekommen es in den ersten beiden Folgen mit zwei Suizidfällen zu tun. Wobei der erste insofern spektakulär oder, wie der Beamte sagt, „super interessant“ ist, weil sich der Mann mit einer Armbrust ins Auge geschossen hat. Was sein Kollege, als er im Auto von dem Fall per Funk hörte, zunächst mit „Ach du Scheiße!“ kommentierte. Der Anblick des Toten wird den Zuschauern natürlich erspart, wie auch die Gesichter der Straftäter oder sonstiger Personen unkenntlich gemacht sind, die nicht zu den polizeilichen Protagonisten zählen. „Alle erkennbaren Beteiligten haben der Ausstrahlung zugestimmt“, heißt es dazu im Insert zu Beginn jeder Folge. Offenbar wollten aber auch einige Polizisten, die in manchen Szenen im Hintergrund zu sehen sind, ihre Gesichter für die TV-Reihe nicht in die Kamera halten.

Auf der anderen Seite kommen Leichen hier durchaus explizit ins Bild. Ein anderes Suizid­opfer, das sich in seiner Wohnung umgebracht hat, ist halbnackt auf dem Sofa zu sehen, wobei die über die Lehne hängenden Füße gänzlich unnötig in Großaufnahmen eingefangen werden. Und der Schutz der Privatsphäre gilt auch nicht für Privatwohnungen, die von den Beamten betreten werden und in denen sich die Kameras ausgiebig umsehen. Wenn man davon ausgeht, dass diese Szenen juristisch gedeckt sind, hat das Ganze dennoch einen höchst unschönen Beigeschmack von Voyeurismus.

Ansonsten nehmen sich im Großen und Ganzen die Fälle in den ersten beiden Folgen so unspektakulär aus, wie sie im Polizeialltag vermutlich auch sind. Hier ein lautstarker Randalierer in einer Arrestzelle, da ein Mann, der auf der Autobahn angehalten wird und keinen Führerschein hat. Und als Beamte nach einem gemeldeten Einbruch in einer Bootswerft den Dieb am Tatort zu stellen versuchen, kommt vorübergehend so etwas wie Action-Feeling auf – aber schließlich erweist sich der Fall als falscher Alarm, der von einer defekten Anlage ausgelöst wurde.

Bemerkenswert ist allerdings, mit welchem Aufwand der normale Polizeialltag hier auf Rasanz getrimmt wird. Dazu gehören nicht nur Blaulicht und viel Tatütata, sondern auch eine effekthascherische Musik, eine hohe Schnittfrequenz und eine bewegliche Kamera, die stets sehr nah bei den Protagonisten ist. Bisweilen so nah, dass man jede Hautirritation auf den Gesichtern der Beamten erkennen kann. Und wenn ein Polizist bei Schichtbeginn seine Dienstwaffe ins Holster steckt, ist das eine Großaufnahme wert. So als sollte man sich als Zuschauer auf ein baldiges Feuergefecht einstellen. Dabei fällt in den Folgen kein einziger Schuss. Was auch nicht weiter verwunderlich ist. Schließlich würden Polizisten zu einem wirklich brisanten Einsatz kaum ein Kamerateam mitnehmen.

In der „Nachstreife“-Reihe – produziert von der Kölner Firma Fandango – wird auf einen Off-Kommentar verzichtet, man lässt die Protagonisten ihre Sicht der Dinge selbst schildern, mal direkt in die Kamera, mal im Zwiegespräch im Streifenwagen. Dabei zeigen sie sich allesamt begeistert von ihrem Job, klagen aber auch mal über den abnehmenden Respekt vor Uniformen und lassen hie und da auch einige Details aus ihrem Privatleben durchblicken. Das ist alles nicht spektakulär, soll aber unbedingt so aussehen.

In den Abspännen ist angegeben, dass Jan-Philip Senfft Executive Producer der Reihe ist. Für die Realisation der Folgen waren Dirk Drüppel, Asadeh Karimi-Starke, André Jancevski und Konstantinos Mattheou verantwortlich, für Kamera und Ton die White Rock Company. Alle sechs „Nachstreife“-Folgen stehen für ein Jahr in der ARD-Mediathek zum Abruf bereit.

13.11.2020 – Reinhard Lüke/MK

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