Jan Georg Schütte/Wolfgang Seesko/Sebastian Schultz: Kranitz – Bei Trennung Geld zurück. 6‑teilige Serie (NDR Fernsehen/ARD-Mediathek)

Entfesseltes Fernsehen

07.12.2021 •

Gemeinsam stundenlang fernsehen. Sich auf die Nerven gehen. Und wenn man sich anschaut, dann ist der Funke weg: So resümieren Manni (Bjarne Mädel) und Sandy (Anna Schudt) ihre stagnierende Beziehung. Aber: „Und dies ganze Package, diese tiefe Gleichgültigkeit, die sich breitmacht, irgendwann, das ist Beziehung. Das ist das, was 98 Prozent aller Menschen leben. […] Darin finden sie tiefes Glück.“

Mit dieser – eigentlich niederschmetternden – Diagnose macht der Paartherapeut Klaus Kranitz (Jan Georg Schütte) seine beiden Patienten auf der Couch glücklich. Dank eines Tricks, den man im professionellen Jargon als „paradoxe Intervention“ bezeichnet, hat der schlitzohrige Psychologe einen brutalen Inkassoschläger und eine hinterhältige Heiratsschwindlerin, also ein Paar, das von Berufs wegen bindungsunfähig ist, überraschend auf den – langweiligen, aber irgendwie doch erfüllten – Pfad der Tugend zurückgebracht. Fürwahr, ein Kunststück.

Diese Szene, komisch und berührend zugleich, steht pars pro toto für den im Auftrag des NDR produzierten Sechsteiler „Kranitz – Bei Trennung Geld zurück“, eine Serie, die thematisch durchaus im Trend liegt. Das Thema der psychologischen Behandlung erfreut sich seit geraumer Zeit erstaunlicher Beliebtheit. Die israelische Serie „BeTipul“ von Hagai Levi wurde in zahlreichen Ländern adaptiert. Auf großes Interesse stieß die bei Arte ausgestrahlte Version „In Therapie“ der beiden Filmemacher Éric Toledano und Olivier Nakache, die Hagai Levis Konzept an die französische Situation anpassten. Die von der Produktionsfirma Ufa Fiction nach einem Buch von Ipek Zübert realisierte Serie „The Mopes“ mit Nora Tschirner als bösem Geist variierte mit viel Phantasie das Themenspektrum Panikattacken, manische Schübe und posttraumatische Belastungsstörung (der Sendetitel leitet sich vom englischen Verb „to mope“ ab, das „Trübsal blasen“ bedeutet). Die Serie wurde für den Pay-TV-Sender TNT Comedy produziert – der seit dem 25. September Warner TV Comedy heißt – und im Frühjahr 2021 ausgestrahlt.

Nun also „Kranitz – Bei Trennung Geld zurück“. Jan Georg Schütte, der die Hauptrolle spielt, Regie führt und zugleich als Koautor verantwortlich zeichnet, adaptierte damit seine eigene Hörspielserie, die 2017 von Radio Bremen im Programm Bremen Zwei ausgestrahlt wurde, fürs Fernsehen. Die erfrischend andere Serie – deren Untertitel übrigens im Vorspann nicht eingeblendet wird – basiert auf zwei simplen, aber effektvollen Grundideen. Die erste betrifft die rustikale Abhandlung des Themas Psychotherapie: „Wenn ich mein Auto in die Werkstadt bringe, erwarte ich, dass es wieder fährt. Warum sollte man von einer Paartherapie weniger erwarten?“ So fasst Klaus Kranitz sein Arbeitsethos zusammen.

Was nach einer Parodie der Psychotherapie klingt, basiert auf einer Art von social engineering, einer in den USA entwickelten Behandlungsform, gemäß der Menschen, bei denen buchstäblich eine Schraube locker ist, nach ingenieurischen Gesichtspunkten ‘repariert’ werden sollen. Sündhaft teure 1500 Euro verlangt Kranitz für diese Reparatur, die er in nur drei Therapiesitzungen hinzubekommen verspricht. Der Erfolg der Therapie wird garantiert. Ansonsten bekommen die Klienten – wie es der Titel der Serie besagt – ihr Geld zurück. 

Gewiss, das klingt nach einer perfiden Merkantilisierung einer intimen seelsorgerischen Tätigkeit. Erinnert man sich jedoch daran, dass eine Psychotherapie oder eine Psychoanalyse hierzulande für gewöhnlich von der Krankenkasse finanziert wird, so kann man sich vor Augen führen, dass Patienten dank dieser bequemen Vollfinanzierung oftmals gar nicht die rechte Motivation für ihre seelische Gesundung aufbringen. Der schlitzohrig anmutende Deal, den Kranitz mit seinen Patienten schließt, erscheint so in einem ganz anderen Licht. Denn wer (selbst) zahlt, der ist motiviert. (Und Kranitz muss natürlich kein einziges Mal das Honorar zurückzahlen.)

Doch damit nicht genug. Denn Klaus Kranitz ist eigentlich gar kein Therapeut, sondern ein halbseidener Immobilienspekulant, der seine Kunden – und ebenso seine Patienten – im obersten Geschoss eines leerstehenden Bürohochhauses empfängt. Dass das alles nahtlos zusammenpasst, liegt an der zweiten Grundidee, die wiederum gut zum psychologischen Sujet passt. Wie schon bei der Hörspielversion gibt es auch bei der Fernsehproduktion kein fertig ausgearbeitetes Skript mit vorgegebenen Dialogen. Die Schauspieler kennen ihre jeweiligen Charaktere nur stichpunktartig. Um ein grobes Drehbuchschema herum (ausgedacht von Jan Georg Schütte, Wolfgang Seesko und Sebastian Schultz) improvisieren sie den Verlauf der jeweiligen Therapiesitzung. Die dabei freiwerdende Spontaneität hebt die Serie von anderen wohltuend ab. Mitzuerleben, wie bekannte Darsteller, die man aus konventionellen TV-Produktionen kennt, plötzlich wie mit gelöster Handbremse spielen, lässt einem beim Zusehen das Herz aufgehen.

Katharina Heyer und Thomas Niehaus sind als Öko-Paar Mareike und Jörn, das die Klischees verklemmter grüner Nachhaltigkeit bis zum Erbrechen zelebriert, schlichtweg grandios. Ein Highlight ist auch die Episode mit Gustav Schmidt und Bjarne Meisel: Sie spielen die beiden durchgeknallten Influencer Toto und Tom, die für ihren erfolgreichen YouTube-Kanal eine Therapiesitzung als Spaßfaktor austesten möchten. Als es dann ans Eingemachte geht, haben die beiden nervösen Quasselstrippen ruckzuck einen – ökonomisch höchst kontraproduktiven – Shitstorm wegen vermeintlicher Homophobie am Hals. Auf hintersinnige Weise entlarvt die Folge „Toto & Tom – Der Honesty Prank“ so die rigiden Diskursregeln in sozialen Medien, in denen alles Spaß ist – dies jedoch auf eine sehr ernste Weise. Und auch die anderen Folgen sind wunderbar.

Nach dem mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Fernsehfilm „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ (ARD/WDR/NDR), dem wie „Altersglühen“ als Ensemble-Stück angelegten Film „Wellness für Paare“ (ARD/WDR) und dem wiederum mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Roadmovie „Für immer Sommer 90“ (ARD/Degeto) – alles improvisierte Formate – ist Jan Georg Schütte nun mit „Kranitz – Bei Trennung Geld zurück“ (Produktion: Florida Film) ein Geniestreich gelungen. Der anarchische Sechsteiler, der für ein an glatter Unterhaltung interessiertes Mainstream-Publikum wohl eine Spur zu überdreht und zu sophistisch sein dürfte, ist eine kleine, nicht wirklich aufwendig inszenierte Serie, die ihr kleines Budget mit Phantasie und Spielwitz kompensiert. Entfesseltes Fernsehen, zum Niederknien gut.

07.12.2021 – Manfred Riepe/MK

„Kranitz – Bei Trennung Geld zurück“ lautet der Titel der Serie: Bei der Titeleinblendung gab’s aber nur den Namen „Kranitz“ zu sehen, der zweite Teil, der auf die ursprüngliche Hörspielserie rekurriert, wurde hier nicht eingeblendet

Foto: Screenshots


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