Jan Georg Schütte/Lars Jessen/Charly Hübner: Für immer Sommer 90 (ARD/Degeto)

Eindrucksvoller Improvisationsfilm

29.01.2021 •

Der Fernsehfilm „Für immer Sommer 90“ dürfte zu den ersten gehören, in dessen Handlung, wenn auch nur ganz am Rande, die Corona-Krise vorkommt, denn der Film thematisiert das Tragen einer Mund-Nasen-Maske. Er spielt im Corona-Sommer 2020 und verknüpft diesen mit einem weiteren geschichtsträchtigen Sommer 30 Jahre zuvor, dem Sommer 1990 im Jahr der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten zu einer gemeinsamen Bundesrepublik.

„Für im Sommer 90“ (Produktion: Florida Film, Berlin) ist vor allem ein Special für Charly Hübner, das ihn in Bestform zeigt. Der Schauspieler hat auch am Buch mitgearbeitet, gemeinsam mit den Regisseuren Jan Georg Schütte und Lars Jessen. Dem Film liegt jedoch kein Drehbuch im klassischen Sinn zugrunde, sondern die Geschichte ist vielmehr nur als Storyline vorgegeben. Neben klassisch gedrehten Filmszenen stehen Passagen, in denen die Schauspieler frei improvisieren. Diese Improvisationen, die den Kern des Filmgeschehens bilden, gelingen eindrucksvoll.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der von Charly Hübner gespielte Andy Brettschneider. Im Sommer 1990 feierte er, ein in der DDR aufgewachsener Jugendlicher, mit seiner Clique eine Party am Ostseestrand. Im Sommer 2020 ist er ein erfolgreicher Investmentbanker in Frankfurt am Main, der kurz vor einem Karrieresprung steht. Von diesem Status aus wird die Geschichte erzählt, die ihn nach 30 Jahren erstmals wieder zurück an den Ostseestrand und damit in sein altes Leben führt. Anlass dafür sind zwei anonyme Schreiben, an seine Firma und an seine Mutter gerichtet, in denen er bezichtigt wird, damals auf der Party im Sommer 1990 eine Frau vergewaltigt zu haben.

Vermutlich wäre niemand zuvor auf die Idee gekommen, den Schauspieler Charly Hübner bei dem Rollenprofil, durch das er im Fernsehen bekannt geworden ist, ausgerechnet in der Rolle eines Investmentbankers zu besetzen. Er wirkt auch in den ersten Szenen, in denen er mit Freundin und Kollegin Bea (Lisa Maria Potthoff) in einem Luxusrestaurant speist, zunächst nur bedingt glaubwürdig. Aber der Furor, mit dem er sich – anstatt die rufschädigende Angelegenheit einem versierten Rechtsanwalt zu überlassen – übers Wochenende selbst aufmacht, um dem Vorwurf der Vergewaltigung, die er bestreitet, nachzugehen, vermittelt sogleich auch eine Ahnung davon, wie Andy zu seinem beruflichen Erfolg gekommen sein könnte.

Auf seiner Reise in die Vergangenheit legt Andy große Strecken zurück – übrigens mit einem Elektroauto der Marke Tesla, was leicht zu erkennen ist, auch wenn das Logo verfremdet wurde – und er kommt dabei offensichtlich mit einem Minimum an Schlaf und Nahrungsaufnahme aus. Um zu klären, was es mit den desavouierenden Schreiben auf sich hat, besucht er zunächst seine Mutter und dann nach und nach – erstmals nach 30 Jahren – fünf ehemalige Mitglieder seiner Jugendclique. Die leben mittlerweile an verschiedenen Orten mit ebenso wenig bis gar keinem Kontakt mehr untereinander.

Andys Reise führt von Frankfurt über Fulda, Salzgitter, Neuruppin und Leipzig an den Ostseestrand in der Nähe von Schwerin (in dem fiktiven Ort Grievow benutzt man das Autokennzeichen SN für Schwerin). So gibt es viel Bewegung in dem Film, der doch eigentlich recht handlungsarm ist: Andy fährt, kommt an, sucht den Kontakt zur Zielperson; dann fährt er weiter. Zwischendurch gibt es kurze Rückblenden auf den Sommer 90 am Ostseestrand zu sehen, an dem die sechs Jugendlichen mit viel Alkohol exzessiv den Weltmeisterschaftsgewinn der deutschen Fußball-Mannschaft feierten.

Die Gespräche mit den ehemaligen Gefährten beginnen immer mit Wiedersehensfreude. Die Stimmung kippt dann, sobald Andy zu seinem eigentlichen Anliegen kommt, nämlich der Frage danach, wer die anonymen Briefe verfasst hat. Insbesondere in diesen Momenten der Stimmungswechsel zeigt sich das besondere Profil des Schauspielers Charly Hübner, seine Wandlungsfähigkeit, die bei seinem Changieren zwischen nett und hartnäckig, harmlos und willensstark zum Ausdruck kommt. Seine Spielpartner haben in diesen Gesprächsbegegnungen dann eher die Aufgabe, jeweils das Kurzporträt einer Person zu liefern, in der ein individuelles, aber doch auch typisches Wende-Schicksal zum Ausdruck kommt.

Das führt dazu, dass ihre Rollen oft überzeichnet wirken, vor allem die von Sven (Roman Knižka) und Ronny (Peter Schneider). Auch die weiblichen Mitglieder der Clique spielen sehr intensiv: Annett (Christina Große), Katrin (Deborah Kaufmann) und Marina (Stefanie Stappenbeck). Einige Nebenrollen sind zudem regelrecht als komische Figuren angelegt wie beispielsweise der Arbeiter mit Migrationshintergrund aus der Fleischfabrik (Božidar Kocevski), den Andy auf der Autobahnraststätte trifft. Ähnlich ist es auch beim Auftritt des Imbissbudenmitarbeiters, in dessen Rolle Regisseur Jan Georg Schütte zu sehen ist.

Genremäßig möchte man daher diesen Film (3,91 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,9 Prozent) eher der Kategorie Komödie zuordnen, doch gibt es zum Schluss auch einen Toten zu beklagen. Denn die Heimkehr Andys nach so vielen Jahren endet insofern tragisch, als sich Ronny, der der Verfasser der anonymen Briefe mit der falschen Anschuldigung war, das Leben nimmt. Zuvor hatte er Andy für sein und Marinas wenig geglücktes Leben verantwortlich gemacht: „Du hast die Scheiße ausgelöst, weil du dich hier verdrückt hast.“ 

Für Andy selbst bringt seine Fahrt Momente der Besinnung und der inneren Einkehr mit sich, was ihn aber nicht davon abhält, wieder in sein altes neues Leben zurückkehren zu wollen. Doch dann unterbricht er diese Autofahrt zurück nach Frankfurt erst einmal, um noch in einem mecklenburgischen See schwimmen zu gehen. Mit dieser Szene endet der Film, der damit signalisiert, dass diese Reise Andy doch charakterlich verändert hat.

29.01.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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