Jan Fehse: Geliefert (ARD/BR/Arte)

Der gute Mensch von Regensburg

24.10.2021 •

Es gibt nicht viele Profiteure der aktuellen Pandemie, aber der Online-Handel und die entsprechenden Lieferdienste gehören fraglos dazu. Und Corona hat den Alltag der Paketboten gewiss nicht stressfreier gemacht. Doch die grassierende Infektionskrankheit spielt in diesem Film, gedreht im Sommer 2020, keine Rolle. Aber der Job von Volker (Bjarne Mädel), um die 50, ist auch so schon anstrengend genug. Als alleinerziehender Vater eines Teenagersohnes namens Benny (Nick Julius Schuck) strampelt er sich in Regensburg bei einem privaten Zustelldienst Tag für Tag ab, der karge Lohn allerdings will hinten und vorne nicht reichen.

Dass Volker den Kunden die Pakete bis in die obersten Etagen schleppt (Ehrensache für ihn) und dabei betagten Witwen auch schonmal die defekte Sicherung wechselt, bringt ihm auch nichts außer unbezahlte Überstunden und die Häme seines Vorgesetzten. Die Zutaten fürs Abendessen besorgt der Vater nach Feierabend regelmäßig aus den Abfallcontainern eines Supermarkts. Was er vor Benny natürlich geheimhält. Doch als der Sohn nach der Realschule an einer Abschlussfahrt mit seinen Kumpels teilnehmen möchte und er dafür über 300 Euro braucht, weiß Volker beim besten Willen nicht, wo er die hernehmen soll. Andererseits möchte er Benny, der die finanziell missliche Lage meist klaglos erträgt, die Fahrt nur zu gern ermöglichen. In seiner Not nimmt der Paketzusteller einen nicht ganz legalen Nebenjob an. Doch auch diese Nummer geht schief, wie in Volkers Leben eigentlich alles schiefgeht.

Wie der Mann in seine Misere geraten ist, erzählt der Film „Geliefert“ (Produktion: TV 60) im weiteren Verlauf eher beiläufig. Volker war mal Profi-Trainer der Jugendmannschaft eines größeren Fußballvereins. Doch als er bei einem Spiel nach einer fragwürdigen Schiedsrichter-Entscheidung die Beherrschung verlor, wurde er vom Verband für einen längeren Zeitraum gesperrt und war seinen Traumjob los. Und die Ehe mit Bennys Mutter ging irgendwann wegen deren Alkoholabhängigkeit auch noch in die Brüche.

„Prekäre Beschäftigungsverhältnisse“ nennt man gemeinhin diese Fulltime-Jobs, von denen allein man nicht leben kann. Ken Loach, der britische Altmeister des Sozialdramas, hat in seinem 2019 bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführten Kinofilm „Sorry We Missed You“ ebenfalls das Schicksal eines unterbezahlten Paketzustellers und seiner Familie geschildert.

In „Geliefert“ macht Jan Fehse, der als Kameramann begann und später unter anderem bei mehreren Folgen der ZDF-Krimireihe „München Mord“ inszenierte, in seinem Debüt als Autor und Regisseur jenen Volker zum tragischen Helden des Alltags. Das fällt ungefähr so überzeugend aus wie der bemüht doppeldeutige Titel. Das Problem beginnt schon damit, dass die Empfänger der Pakete nahezu ausschließlich im vierten oder fünften Stock wohnen (natürlich ohne Aufzug). Und wenn Volker seine Lieferungen dann häufig wieder runterschleppt, weil die Leute nicht daheim sind, fragt man sich unwillkürlich, wer ihm die Haustür geöffnet hat.

Manche Menschen, die Volker dann doch antrifft, hätten auch in einer Komödie ihren Platz gehabt. Der Schnösel, der seinen Wein im Online-Shop des Ladens ordert, der unten im Haus residiert, die junge Frau, die sich ausgerechnet einen Stepper die Treppen hochschleppen lässt, oder das kleine Mädchen, das erklärt, sie dürfe von Fremden nichts annehmen. Nette Momente, die zum eigentlichen Drama allerdings nicht so recht passen wollen. Wobei Volkers Drama im Wesentlichen darin besteht, dass er trotz all der miserablen (Lebens-)Umstände versucht, sich seine Würde zu bewahren. Wo die meisten Zeitgenossen angesichts der Schikanen, die dieser Paketzusteller erdulden muss, regelmäßig ausrasten oder den Job hinschmeißen würden, bewahrt der Held stets die Contenance. Hartz IV zu beantragen, ist für ihn kein Thema. Eigentlich hätte der Film (4,10 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,4 Prozent) auch „Der gute Mensch von Regensburg“ heißen können.

Hauptdarsteller Bjarne Mädel scheint auf solche Figuren abonniert zu sein, die nett rüberkommen, irgendwie dazugehören wollen, aber nicht eben die hellsten Kerzen auf der Torte sind. Das was schon so bei „Stromberg“ (Pro Sieben), „Mord mit Aussicht“ (ARD/WDR) und „Der Tatortreiniger“ (NDR Fernsehen) und ist auch hier nicht anders. Hinzu kommt, dass dem Schauspieler von Maske und Kostümbild einmal mehr ein Äußeres verpasst wurde, das mit „unvorteilhaft“ noch gelinde umschrieben ist. Natürlich kann man finden, dass die Aufmachung zu jenem Volker passt, der sich um Äußerlichkeiten nicht groß schert. Aber Bjarne Mädel ist solch ein grandioser Schauspieler, dass er diese Maskeraden partout nicht nötig hätte. Schon sein allabendlicher Kampf mit dem Spannbettlaken, mit dem er die Schlafcouch bezieht, weil er in der kleinen Wohnung kein eigenes Schlafzimmer hat, ist grandios. Und auch das Mienenspiel zwischen Verzweiflung und Hoffnung beim täglichen Kampf um die Anerkennung seines Sohnes ist wunderbar.

Dass Jan Fehse seinem Helden zum Finale noch die Andeutung eines Happy-Ends spendiert, kommt einigermaßen unvermittelt. Wie auch sonst so manche Elemente in diesem Film – der am 27. August vorab bei Arte ausgestrahlt wurde – nicht so recht zueinander passen wollen.

24.10.2021 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `