„Jahrbuch Fernsehen 2021“: Arte-Präsident Bruno Patino schreibt über Arte als Medium und Marke

22.12.2021 •

Bruno Patino, seit dem vorigen Jahr Präsident von Arte, sieht sein Haus in einem „weitrechenden Wandel vom klassischen Fernsehsender zur europäischen Marke“. In einem Essay für das Mitte Dezember erschienene „Jahrbuch Fernsehen 2021“ schreibt der gelernte Journalist (u.a. „Le Monde“), die neuen digitalen Verbreitungswege, „in Kombination mit den Möglichkeiten der Untertitelung“, hätten Arte „die Türen nach Europa geöffnet“ und viel Raum für neue Projekte geboten. So sollen neue Kooperationen gesucht und das Partner-Netzwerk aus bisher neun öffentlich-rechtlichen Anstalten verstärkt werden. „Lokale Werke können zu weltweiten Erfolgen werden“, so Patino. Zudem habe sich die Bedeutung des Senders vor allem in der Corona-Pandemie gezeigt, weil Arte in dieser Zeit „Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt eine Bühne geboten“ habe.

Seit 1991 gehört das „Jahrbuch Fernsehen“ zu den Konstanten des Fernsehjahres. Die 30. Ausgabe präsentiert eine Tour d’Horizon über Zustand und Zustände in einem Massenmedium, das sich in den vergangenen 30 Jahren mehrfach gehäutet und auch selbst überholt hat. In seinem Essay „Blasser dünner Junge, Zweites Dickes Fernsehen“ analysiert der TV‑Kritiker, Autor und Regisseur Torsten Körner die Fernsehkarriere von Jan Böhmermann. Nils Minkmar erinnert sich in seinem Beitrag „Das deutsche Fernsehen, die Intellektuellen und ein linker Anarchist“ an seine frühe Zusammenarbeit mit Roger Willemsen und beschreibt den Prozess der Entintellektualisierung deutscher Fernsehprogramme.

Die Autorin und Kolumnistin Anja Rützel konstatiert in ihrer Betrachtung über den Umgang mit Liebe, Beziehungen und allzu Zwischenmenschlichem im Reality‑TV, dass es so nicht mehr weitergehe und ruft: „Stop, in the name of Love“. Denn während die Gesellschaft längst weiter sei, verströme das angebliche Alltagsfernsehen weiterhin eine reaktionäre Verstocktheit. In ihrem Essay „Wir glauben, was wir sehen“ analysiert die Kino- und Fernsehkritikerin Jenni Zylka von den Streaming-Anbietern kommende neue Erzählformen, in denen auch die Chance auf eine neue Weltsicht stecke. In „Die Hofnarren des Medienbetriebs“ liest Wolfgang Michal der deutschen Medienkritik die Leviten und stellt nüchtern fest, dass sie an ihrer eigenen Bedeutung zweifle und sich zumeist an Nebensächlichkeiten abarbeite.

Wendepunkt: Letztmals in gedruckter Form

Das „Jahrbuch Fernsehen“ war neuen Entwicklungen immer auf der Spur. Doch nun ist es selbst an einem absehbaren Wendepunkt angekommen, 2021 ist es nun zum letzten Mal in gedruckter Form erschienen. „Gerade für ein Werk mit großem Service, Kontakte- und Adressteil ist die klassische Buchform nicht mehr optimal“, hieß es dazu in der Pressemitteilung zum Erscheinen der 30. und letzten Ausgabe. Der Serviceteil des Jahrbuchs solle künftig, so weit es gehe, in die Online-Datenbank des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) integriert werden.

Das IfM in Köln zählt zu den Herausgebern des „Jahrbuchs Fernsehen“. Die weiteren Herausgeber sind das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP, Frankfurt am Main) und die „Medienkorrespondenz“ (Katholisches Medienhaus, Bonn). Das „Jahrbuch Fernsehen“ bündelt als eines der wenigen Foren für eine unabhängige Medienkritik in Deutschland „die treffendsten Analysen mit den kreativsten Kritiken und zahllosen Hintergrundinformationen zum Genre“ („Spiegel“) und ist mit seinem aufwändigen, mehr als 200 Seiten starken Service- und Adressenteil für die Medienbranche „unverzichtbarer Wegbegleiter durchs Jahr“ („Neue Zürcher Zeitung“).

Jahrbuch Fernsehen 2021, Köln 2021, 420 Seiten, 34,90 Euro, ISBN: 978-3-00-070845-9 (E-Mail-Bestellung möglich unter: info@jahrbuch-fernsehen.de)

22.12.2021 – MK

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