„Jahrbuch Fernsehen“ erschienen: Content‑Qualität, Vice Media und Netflix

19.09.2018 • Die erfolgreiche Kölner Produktionsfirma Bildundtonfabrik (BTF) ist mit der anarchischen Talkshow „Roche & Böhmermann“ – laut „Spiegel Online“ (2012) „eine der umjubeltsten Sendungen des Jahres“ seinerzeit – und der ebenfalls von Jan Böhmermann moderierten Late-Night-Satireshow „Neo Magazin Royale“ bekannt geworden, beides Produktionen für den Sender ZDFneo. Einer der beiden Gründer und Geschäftsführer von BTF, Philipp Käßbohrer, gibt in einem Interview im „Jahrbuch Fernsehen 2018“ Auskunft über die Entwicklung des Unternehmens und dessen Strategien in einer diversifizierten Medienlandschaft. Das neue Jahrbuch ist am 13. September erschienen.

„Die Sender haben immer gerne alles in Kästchen. Für uns stehen aber die Inhalte im Vordergrund. Ob daraus am Ende eine Doku wird, eine fiktionale Serie, ein Game oder eine Unterhaltungsshow ist erst im zweiten Schritt entscheidend. Formell können wir alles bedienen“, sagt Käßbohrer im Gespräch mit Lutz Hachmeister, einem dem Herausgeber des „Jahrbuchs Fernsehen“. „Aus Produzentensicht“, so Käßbohrer weiter, „ist die Fokussierung auf die Content-Qualität meiner Meinung nach die einzige sinnvolle Strategie, um in Zukunft in der Flut an Inhalten nicht unterzugehen.“ In welchem Programm die jeweiligen Produktionen gezeigt werden, sieht der 34-jährige BTF-Geschäftsführer dabei nicht als ausschlaggebend an: „Heutzutage sind Einzelmarken wichtiger als Kanäle.“ Das ausführliche Gespräch dreht sich im weiteren Verlauf unter anderen auch um das Engagement der Bildundtonfabrik bei der Aktion „Reconquista Internet“.

Julia Bähr, Redakteurin der „Frankfurter All­gemeinen Zeitung“, begutachtet im neuen „Jahrbuch Fernsehen“ in einem Essay die „Krone der Netflix-Schöpfung“: Die aufwändige Serie „The Crown“ geht dort in die dritte Staffel. Dies ist Anlass, um einen Blick hinter die Kulissen des US-amerikanischen Streaming-Anbieters zu werfen, der weltweit führend ist. Der Politikwissenschaftler und Autor Hans Hütt wiederum nimmt im „Jahrbuch Fern­sehen“ noch einmal Stephan Lambys Dokumentation
„Im Labyrinth der Macht“ (ARD/SWR/NDR/RBB) unter die Lupe, um die Widrigkeiten bei der letzten bundesdeutschen Regierungsbildung in den Traditionen der antiken Tragödie zu sezieren.

Mitleiderregende medienpolitische Debatten

Das US-amerikanische Unternehmen Vice Media, das 1994 in Kanada gegründet wurde, gilt als werthaltiger junger Medien­konzern der Digitalära, der es geschafft hat, die begehrten „Millennials“ an sich zu binden. Philipp Alvares de Souza Soares, Redakteur beim „Manager Magazin“, untersucht die Erfolgs­geschichte von Vice und den Führungs­wechsel von Co-Gründer Shane Smith zu Nancy Dubuc, die zuvor dem Kabel-TV-Anbieter A&E-Networks vorstand und nun die Sexismus-Vorwürfe, mit denen sich Vice konfrontiert sieht, entkräften soll. In einem weiteren Aufsatz des „Jahrbuchs Fernsehen“ beschreibt MK-Redakteur Volker Nünning den Reformdruck bei der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG). Trotz eines eindeutigen Volks­befragungsvotums der Schweizer Bürger für einen solidarisch finanzierten Service public steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Schweiz vor einschneidenden strukturellen Änderungen.

Dass dies auch dem deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk gut zu Gesicht stehen würde, meint Lutz Hachmeister und verweist in seinem Jahrbuch-Editorial auf den „schwer alimentierten“ öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland, der „ohne einen gravierenden Mentalitäts- und Managementwechsel seine eigene Marginalisierung weiter vorantreiben“ würde. Die medienpolitischen Debatten hierzulande um die „Presseähnlichkeit“ öffentlich-rechtlicher Angebote wirkten angesichts der Fusionsdynamiken der großen Medienkonglomerate „eher mitleiderregend“.

Das „Jahrbuch Fernsehen“ ist jetzt zum 27. Mal herausgekommen. Die erste Ausgabe erschien 1991. Als Forum für eine unabhängige Medienkritik in Deutschland bündelt das Jahrbuch „die treffendsten Analysen mit den kreativsten Kritiken und zahllosen Hintergrundinformationen zum Genre“ („Spiegel Online“) und ist mit seinem aufwändigen und aktuellen Service- und Adressenteil für die Medienbranche ein „unverzichtbarer Wegbegleiter durchs Jahr“ („Neue Zürcher Zeitung“). Das „Jahrbuch Fernsehen 2018“ wird institutionell herausgegeben vom Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (Köln), vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP, Frankfurt am Main), von der „Medienkorrespondenz“ (Katholisches Medienhaus, Bonn) und dem Filmfestival Cologne.

Jahrbuch Fernsehen 2018, Köln 2018, 452 Seiten, 34,90 Euro, ISBN: 978-3-9813465-8-9 (E-Mail-Bestellung möglich unter: info@jahrbuch-fernsehen.de)

19.09.2018 – MK