Isabel Andres Porti/Klaus Kastenholz/Ina Kessebohm: Die Wahrheit über Franco – Spaniens vergessene Diktatur. 4‑teilige Dokumentation (ZDFinfo)

Politische Information

16.12.2017 •

16.12.2017 • Beinahe vier Jahrzehnte, von Ende der 1930er bis Mitte der 1970er Jahre, herrschte Francisco Franco über Spanien. Wie konnte der „Generalissimo“ seine Diktatur so lange festigen, obwohl das Volk die meiste Zeit über hungerte, während in anderen Staaten (West-)Europas die Wirtschaft prosperierte? Dies ist die zentrale Frage in der aufwendigen Historiendokumentation „Die Wahrheit über Franco – Spanien vergessene Diktatur“. Isabel Andres Porti, Klaus Kastenholz und Ina Kessebohm schlagen in ihrem bei ZDFinfo ausgestrahlten Vierteiler (Produktion: Cinecentrum) einen weiten Bogen vom militärischen Aufstieg Francos im spanisch-marokkanischen Kolonialkrieg des Jahres 1912 bis zu seinem Ableben im November 1975.

Obwohl unzählige Leichen seinen Weg pflasterten, erwiesen dem Herrscher, nachdem er infolge dreier Herzinfarkte gestorben war, mehr als 500.000 Menschen persönlich die letzte Ehre. Archivfilme zeigen, dass sie Tränen in den Augen haben. Offenbar ging es nicht allen Spaniern schlecht unter Francos Herrschaft. Die wichtige Frage, welche Teile der Bevölkerung vom Regime profitierten, wird zwar gestellt, sie steht aber nicht mit im Fokus dieses Filmprojekts. Gemäß dem Haupttitel „Die Wahrheit über Franco“ konzentriert sich das Autorenteam vorwiegend auf den Diktator selbst. Die Filmemacher arbeiten heraus, dass der skrupellose Herrscher weder markante Leidenschaften noch Obsessionen oder Visionen hatte. Franco vertrat keine spezielle Ideologie. Es ging ihm allein um Herrschaft. Im Zuge der wechselnden politischen Großwetterlagen in Europa konnte er sich mit jeweils anderen Bündnispartnern an der Macht halten.

Die vier Teile der Dokumentation sind chronologisch aufgebaut und haben den Überschriften zufolge diese Gliederung: „Der Aufstieg zur Macht“, „Das neue Regime“, „Stunde Null“ und „Die bleierne Zeit“. ZDFinfo zeigte an einem Tag ab 20.15 Uhr alle vier Folgen hintereinander. Der erste Teil zeichnet nach, wie Franco sich 1939 nach einem blutigen Bürgerkrieg mit Hilfe der deutschen NS-Regierung an die Macht putschte. Er strukturierte sein Regime zunächst nach faschistischem Vorbild, hielt dabei aber zu den Nazis immer eine gewisse Distanz, die seiner Diktatur dann auch nach dem Zweiten Weltkrieg das Überleben sichert. Auf den wachsenden internationalen Druck hin tauscht Franco die Faschisten in seinem Pseudoparlament gegen Katholiken aus. Religion ersetzte nun den Faschismus.

Als im Zuge des Kalten Krieges die strategische Bedeutung Spaniens wuchs, erhielt das Land dringend benötigte finanzielle Unterstützung. Trotz dieser Gelder, so wird unter anderem im dritten Teil deutlich, steht das Land vor dem finanziellen Abgrund. Aufgrund seiner eklatanten Defizite hinsichtlich ökonomischer und volkswirtschaftlicher Zusammenhänge bestand Franco nämlich darauf, Spanien von allen Handelsbeziehungen mit anderen Ländern zu isolieren. Diese autarkistische Strategie führte dazu, dass so gut wie nichts Wichtiges selbst produziert werden konnte. Die Armut nahm immer mehr zu. Erst als in den 1960er Jahren mehr als eine Million spanische Gastarbeiter in Deutschland Geld verdienten, das sie nach Hause schickten, und gleichzeitig auf Mallorca der Tourismus zu boomen begonnen hatte, flossen jene Devisen ins Land, durch die der drohende Staatsbankrott gerade noch abgewendet werden konnte.

Diese komplexen Zusammenhänge werden ökonomisch und politisch vielschichtig beleuchtet. Dennoch verliert man als Zuschauer zuweilen den Überblick. Das liegt daran, dass die Stellungnahmen der zahlreichen zu Wort kommenden Biografen, Journalisten, Aktivisten, Zeitzeugen und Historiker meist nur die Anmutung von Schlagzeilen haben. Es werden einzelne Punkte abgehakt, aber es entsteht kein Kontext. Die mosaikartige Darstellung spiegelt sich in der Verwendung einer beeindruckenden Fülle von Filmmaterial aus den Archiven. Die zitierten Minisequenzen sind aber meist so stakkatoartig zusammengeschnitten, dass den Bildern von Aufmärschen, Demonstrationen und den Einblicken in Francos Privatleben kaum Zeit bleibt, um eine Wirkung zu entfalten. Für den Zuschauer, der den interessanten Vierteiler mit Neugier verfolgt, ist es dabei nicht immer leicht, die Menge der Fakten einzuordnen und zu reflektieren.

Dass es auch anders geht, belegt ein Auftritt von Paul Breitner, heute 66 Jahre alt, der von 1974 bis 1977 beim Topklub Real Madrid spielte – also noch zu Francos Lebzeiten. Der politisch ambitionierte damalige Fußball-Profi erklärt, er habe damals „viel erlebt, was mit Entführungen von Freunden von Spielern zusammenhing“. In solchen Momenten wird die vielfach abstrakte Erzählung über Terror, Unterdrückung und Entbehrung konkret und also spürbar nachvollziehbar – ganz einfach deswegen, weil der populäre Sportler von persönlichen Erlebnissen berichtet. Diese emotionale Art der Vermittlung versuchen Dokumentationen ansonsten meistens mit (oft überflüssigen) Reenactments zu erreichen, worauf die Autoren von „Die Wahrheit über Franco“ erfreulicherweise verzichtet haben. Stattdessen wird das Geschehen hier zusätzlich durch stilisierte, pastellartige Aquarellbilder illustriert, in denen aber die historische Distanz stets sichtbar bleibt.

Von der suboptimalen Dauermusikuntermalung abgesehen – ein Brei aus Streichern, Folkloreklängen und sonstigen akustischen Elementen –, gelingt den Autoren alles in allem eine durchaus sehenswerte, insgesamt dreistündige Historiendokumentation, durch die sich gegebenenfalls viel an Wissen über das politische Spanien nachholen lässt. Ob nun aber durch eben diese Filmproduktion, wie es der boulevardesk anmutende Titel ankündigte, „die Wahrheit über Franco“ ans Licht gekommen ist, sei dahingestellt. Festzuhalten bleibt auch, dass man solche ausführlichen Dokumentationen heutzutage in den so gern dem Verbraucherservice frönenden öffentlich-rechtlichen Hauptprogrammen praktisch nicht mehr zu sehen bekommt. Insofern macht der Spartenkanal ZDFinfo mit solchen Informationssendungen wie dieser über ein langes Kapitel spanischer Politikgeschichte seinem Namen alle Ehre.

16.12.2017 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 3-4/2021

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