Irja von Bernstorff: Kinder der Klimakrise – 4 Mädchen, 3 Kontinente, 1 Mission (ARD/Radio Bremen/SWR/Arte)

Gut gemeint

08.12.2021 •

Als im November die Weltklimakonferenz in Glasgow über die Bühne ging, dürften Zeitungs- und Fernsehmacher erleichtert gewesen sein. Nicht, dass sie erwartet hätten, der Gipfel könnte sensationelle Fortschritte beim Kampf gegen den Klimawandel erreichen, aber da bot sich nach langer Zeit endlich einmal wieder die Gelegenheit, ein anders Thema als die leidige Pandemie auf Titelseiten und in Talkshows zu platzieren. Schließlich gehört die Klimakrise zu den eindeutigen Corona-Verlierern. Zumindest hinsichtlich der medialen Aufmerksamkeit. Auch die Jugendbewegung „Fridays for Future“ konnte in den letzten beiden Jahren aufgrund zahlreicher (Versammlungs-)Verbote kaum öffentlich in Erscheinung treten.

Vor diesem Hintergrund macht es durchaus Sinn, dass Irja von Bernstorff vier junge Protagonistinnen in den Fokus ihres Dokumentarfilms „Kinder der Klimakrise“ stellte, die nicht in ferner Zukunft, sondern schon heute unter den Folgen von Erderwärmung und anderen Phänomenen zu leiden haben, weshalb sie – jede auf ihre Weise, aber im gemeinsamen Sinn – für eine Mission kämpfen: Umweltschutz. So etwa die vierzehnjährige Fatou aus dem Senegal am Rand der Sahara. Da Regen in der Region immer seltener fällt und dementsprechend der Grundwasserspiegel kontinuierlich sinkt, muss sie immer weitere Wege in Kauf nehmen, um mit ihrem Eselskarren aus einem Brunnen täglich Trinkwasser für ihre Familie zu besorgen. Weshalb ihr kaum Zeit für die Schule bleibt, die sie jedoch unbedingt beenden möchte, um später einmal Ärztin zu werden.

Damit verglichen ist die elfjährige Sabyah aus dem nordöstlichen australischen Bundesstaat Queensland weniger unmittelbar vom Klimawandel betroffen. Sie sorgt sich vor allem um das Great Barrier Reef, das durch die Erwärmung des Meeres bereits großen Schaden genommen hat. Wofür nicht nur das Mädchen den CO2-Ausstoß durch fossile Brennstoffe verantwortlich macht. So kämpft Sabyah gegen die Eröffnung immer weiterer Kohleminen in ihrer Heimat.

Im indischen Punjab leidet die zwölfjährige Gagan vor allem unter der Luftverschmutzung, die ihr an manchen Tagen den Atem nimmt. Deshalb musste sie sich vor zwei Jahren einer Lungenoperation unterziehen. Verursacher des Smogs sind vor allem Bauern, die nach der Ernte die pflanzlichen Reste ihrer industriell bewirtschafteten Felder abbrennen. Dass in der indischen Landwirtschaft zudem hemmungslos mit Pestiziden gearbeitet wird, macht die Luft auch nicht eben besser.

In Indonesien sorgt sich die zwölfjährige Nina derweil um die stetig wachsenden Berge von Plastikmüll, der auf Kippen in der Natur nicht wirklich entsorgt wird. Vor allem prangert das Mädchen an, dass der Müll zum größten Teil nicht aus ihrer Heimat stammt, sondern aus Industrieländern nach Indonesien verschifft wird. Wie eine Nachwuchsreporterin steht Nina auf den Halden und filmt mit ihrem Handy Menschen, die in dem Müll nach Verwertbarem wühlen. „Man nennt sie inzwischen Plastikbauern“, sagt sie, diese Menschen hätten das Arbeiten in der Landwirtschaft aufgegeben, weil ihnen das Sammeln von Abfall lukrativer erscheine.

Die Herkunftsländer des nach Indonesien verfrachteten Mülls lassen sich anhand von Etiketten und bestimmten lokalisierbaren Fundstücken leicht ausfindig machen. Irgendwann fingert Nina aus dem Abfall den Personalausweis einer gewissen Ursula aus Hamburg hervor. Nachdem Nina bereits erfolglos den damaligen US-Präsidenten Donald Trump gebeten hatte, den Müll wieder abzuholen, sammelte sie anschließend Unterschriften in ihrer Schule, um der deutschen Kanzlerin Angela Merkel dieselbe Aufforderung zukommen zu lassen.

Überhaupt macht die zwölfjährige Nina den Eindruck, als könnte sie stundenlang über die fatalen Auswirkungen der Produktion und der unzureichenden Entsorgung von Plastik referieren. Und es sieht so aus, als täte sie nichts lieber als das. Worin ein Problem dieses Dokumentarfilms liegt. Denn auch die anderen drei Protagonistinnen werden vornehmlich auf ihren fraglos löblichen Kampf gegen den Klimawandel reduziert, der sie scheinbar von morgens bis abends umtreibt. Das hat etwas Eintöniges, weshalb man ihnen als Zuschauer über die 90 Minuten nicht wirklich nahekommt. Was die Mädchen in ihrem Alltag sonst noch so umtreibt, bleibt weitgehend im Dunklen. Zudem geben sie ständig Überzeugungen zum Besten, die zumindest in der deutschen Synchronisation nicht nach Kindermund klingen: „Wir sollten uns um die Natur kümmern, statt sie zu zerstören.“ Oder: „Wir sind die gefährlichsten Kreaturen des Planeten.“

Das Ganze hinterlässt einen ähnlich zwiespältigen Eindruck, wie wenn Kinder auf Demonstrationen Plakate mit Forderungen mit sich führen, die ihre Eltern ihnen aufgemalt haben. Das Dilemma wird im Film noch durch den Umstand verstärkt, dass Erwachsene als Unterstützer der Kinder hier so gut wie gar nicht in Erscheinung treten. So darf wie von Zauberhand Fatou aus dem Senegal ihre Klagen irgendwann bei einem Radiosender vortragen und wird anschließend sogar in die Hauptstadt Dakar eingeladen; und Nina fliegt nach Jakarta, um dem deutschen Botschafter in der indonesischen Hauptstadt ihre Unterschriften-Petition an die Bundeskanzlerin zu übergeben.

Informationen, die die jungen Umweltschützerinnen nicht referieren, werden durch eingeschnittene Schrifttafeln dargeboten, und um zu demonstrieren, dass die Luft in Punjab so schädlich ist wie das Rauchen von 24 Zigaretten pro Tag, werden albernerweise per Trick 24 qualmende Glimmstängel in ein Luftbild der Region montiert. Rätselhaft bleiben bei diesem vor allem gut gemeinten Dokumentarfilm nicht zuletzt die Sendetermine. Die Erstausstrahlung fand bei Arte am 17. April, einem Samstag, um 13.15 Uhr statt und am 30. November im Ersten war der Ausstrahlungstermin ursprünglich 22.50 Uhr, woraus dann wegen eines kurzfristig ins Programm genommenen „ARD-Extras“ zu Corona-Lage 23.05 Uhr wurde. Sollte man mit dem Film nicht zuletzt Kinder und Jugendliche als Zielgruppe im Visier gehabt haben, dürfte man sie in beiden Fällen verfehlt haben. (In der ARD-Mediathek ist der Film noch bis zum 30. November 2022 abrufbar.)

08.12.2021 – Reinhard Lüke/MK

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