Irene Langemann: Russlands Millenniumskinder (WDR Fernsehen)

In der Putin-Zeitschleife

27.03.2020 •

Die US-amerikanische Komödie „Und ewig grüßt das Murmeltier“ (1993), inzwischen ein Kultfilm, erzählt von einem Fernsehmoderator, der in einer Zeitschleife feststeckt. Genau so ergeht es wohl auch jenen jungen russischen Frauen und Männern, die alle am letzten Tag des vorigen Jahrtausends, dem 31. Dezember 1999, geboren wurden. Boris Jelzin, erster demokratisch gewählter Präsident in der Geschichte Russlands, verkündete damals in seiner Neujahrsansprache im Fernsehen seinen Rücktritt und präsentierte zugleich seinen Nachfolger: einen Ex-KGB-Mann. Dieser taucht nun immer und immer wieder zum Jahreswechsel und bei anderen Ansprachegelegenheiten auf Russlands Bildschirmen auf – und ewig grüßt Waldimir Putin. Bis 2024 ist er als Präsident gewählt.

Die acht Millenniumskinder, die Irene Langemann in ihrem Film vorstellt, kennen es nicht anders. Ihr ganzes Leben lang ist der Autokrat, der aus dem russischen Geheimdienst kam, an der Macht. Bei seinem ersten Erscheinen auf dem Bildschirm hatte er noch versprochen, „die Redefreiheit, Gewissensfreiheit, Pressefreiheit und die Eigentumsrechte, alle Grundelemente einer zivilisierten Gesell­schaft, zuverlässig zu schützen“. Davon ist nicht viel übriggeblieben. Wie ticken junge Menschen, die in diesem System aufwuchsen?

Von St. Petersburg über Moskau bis hin zu einem muslimischen Dorf in Tatarstan begleitet der am 11. März im Dritten Programm WDR Fern­sehen ausgestrahlte Dokumentarfilm „Russlands Millenniumskinder“ (Produktion: Lichtfilm GmbH) unterschiedliche Vertreter der Generation Putin. Sichtbar werden dabei die Gewohnheiten und Denkweisen recht unterschiedlicher junger Menschen. Sie studieren, gehen in die Lehre, machen Musik, drehen einen Videofilm, putzen sich für den Schulball heraus. Oder aber sie hängen, wie der 18-jährige Schulabbrecher Gleb, zu Hause ab und leben von der Rente der Großmutter, die schweigend zusieht. Junge Menschen eben, die ihren Weg schon gefunden haben oder noch danach suchen.

Bei genauerem Hinsehen wird allerdings schnell klar, dass sich die vermeintliche Vielfalt der skizzierten Lebensentwürfe in zwei Gruppen aufteilt. Auf der einen Seite gibt es die linientreuen Staatsbürger wie den Journalismus-Studenten Nasirow. Er hat zwar Bücher von Friedrich Nietzsche im Regal stehen, erscheint aber mit seiner ausführlich dokumentierten Vorliebe für einen martialischen Kampfsport nicht wie ein typischer Kopfarbeiter. Die Filmemacherin begleitet den überzeugten Putin-Anhänger ins Seminar, wo der Dozent seine Studenten mit markigen Sprüchen auf Linie bringt. Der „Hauptfeind“ Russlands sei Amerika, erklärt der Lehrer. Und in der Ukraine würden nur „Faschisten und Schwachköpfe mit Gewehren herumlaufen“. Interessanterweise darf die Regisseurin in diesem Seminar filmen.

Anders als die Vorstellungen des Journalismus-Studenten erscheint das Russlandbild der 18-jährigen Kamilla. Die Kamera begleitet die junge Aktivistin auf einer Moskauer Demonstration im Jahr 2019, bei der es um die Zulassung oppositioneller Politiker bei den Regionalwahlen ging. Verwackelte Handybilder zeigen, wie Polizisten Demonstranten davontragen und verhaften. Kamilla trägt ein selbstgemaltes Pappschild, auf dem (in Deutsch übersetzt) zu lesen ist: „Die Kindheit meiner Oma: Tauwetter. Die Kindheit meiner Mama: Perestroika, freies Russland. Meine Kindheit: Terrorakte, politische Morde.“ Und Kamilla erinnert an den Oppositionspolitiker Boris Nemzow, der am späten Abend des 27. Februar 2015 in Moskau auf offener Straße erschossen wurde.

Zwischen Szenen öffentlicher Proteste und privaten Beobachtungen, in denen eine junge, selbstbewusste Generation ihre Gedanken über das autoritäre System Putin artikuliert, lotet Irene Langemann ein breites Spektrum von Stimmungsbildern aus. Ihr anderthalbstündiger Film zeigt 18-Jährige, die zum Teil ziemlich frustriert sind: „Wenn du kritische Worte über die Staatsmacht sagst, kann man dich heute dafür einsperren.“

Meinungsfreiheit haben die Millenniumskinder unter Putins Dauerherrschaft zwar noch nicht erlebt; doch trotz der Repressionen sind die zu Wort kommenden jungen Menschen aber keinesfalls ohnmächtig. Sie beziehen ihre Informationen aus anderen Quellen als den gelenkten russischen Staatsmedien. Im Gegensatz zur Generation ihrer Eltern, die noch im Sowjetsystem aufwuchs, haben die im Film porträtierten jungen Menschen zumindest Vorstellungen von Freiheit, Fortschritt, Veränderungen. Sie positionieren sich beispielsweise gegen Homophobie und Sexismus. „Man droht uns in der Schule, weil wir freier als unsere Eltern sind – und damit gefährlicher für die Staatsmacht“, sagt Kamilla.

Der sehenswerte Film (eine Koproduktion von WDR und MDR) endet mit dem eigentlich Mut machenden Satz: „Das System Putin zeigt erste Risse.“ Werden die Millenniumskinder – wie in „Und ewig grüßt das Murmeltier“ – irgendwann aus der lähmenden Putin-Zeitschleife ausbrechen?, so fragt man sich. Und dann, wenige Tage nach Ausstrahlung des Films, berichten die Medien, dass Putin das Gesetz zu einer Verfassungsänderung unterschrieben hat, die es, wenn sie vom Verfassungsgericht genehmigt wird (womit man rechnet), dem russischen Präsidenten ermöglichen würde, bis 2036 im Amt zu bleiben.

27.03.2020 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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