Inszenierungen auf leerer Bühne: Die Fernsehkritik muss das Hinschauen besser lernen

08.05.2015 •

Das, was wir einmal das Kino nannten, ist seit langem im Begriff, sich neu zu formatieren. So flexibel die Übertragungswege sind und so verzichtbar das physische Trägermedium eines Films mittlerweile ist, so gigantisch wuchs umgekehrt die Bildschirmdiagonale der Fernseher, also derjenigen Abspielfläche, auf der für die meisten Menschen der Erstkontakt mit (nicht nur) fiktionalen audiovisuellen Inhalten wohl immer schon stattfand. Im Januar dieses Jahres etwa zählte der Fernsehkritiker Rainer Tittelbach auf seiner enzyklopädischen Website tittelbach.tv rund 30 Fernsehfilm-Premieren; im selben Zeitraum liefen in Deutschland 21 Filme neu im Kino an, an denen in irgendeiner Form inländische Produzenten mitbeteiligt waren. Die überwältigende Masse an kurzen dokumentarischen oder semidokumentarischen Formen im Fernsehen, die im Kino ohnehin keine Rolle spielen, ist da noch genauso wenig berücksichtigt wie die schlichte ökonomische Tatsache, dass sich bei deutschen Produktionen die Grenze zwischen Fernsehfilm und Kinofilm durch die Finanzierungsabhängigkeit der Produzenten von Sendergeldern selten so richtig trennscharf ziehen lässt.

Was aber bedeutet es für den Diskurs übers Fernsehen, wenn durch die neuen Distributionswege bald wohl noch mehr Filme zuerst im „Pantoffelkino“ gesehen werden, wenn die deutschen Sender seit jeher die deutsche Filmwirtschaft mit am Leben halten und darüber hinaus noch für die eigene Erstverwertung mehr herstellen als für die große Leinwand? Mindestens doch sollte diese auffällige und keineswegs neue Verschlingung von Kino und TV uns daran erinnern, dass Fernsehen wie Kino erzählen kann und Kino wie Fernsehen: in Bildern genauso wie in Musik, Geräuschen und Sprache.

Einen Gegendiskurs stiften

Die deutsche Fernsehkritik hat sich dieser an sich banalen Erkenntnis bisher dennoch kaum gestellt. Wer weiß, vielleicht liegt dies an der regelmäßigen Schelte, die der Fernsehfilm von denen erhält, die übers Kino schreiben. „Indem es [das Fernsehen; TS] den deutschen Film nach seinem Bilde formt, indem es ihn auf Sendetauglichkeit trimmt, deformiert es ihn zugleich“, dekretierte etwa Peter Körte schon 2008 in der „FAZ“: „Was in der Sprache zwanghaft kurze Sätze und ausschließlicher Gebrauch von Hilfsverben sind, das ist dem Fernsehen die Bildgestaltung.“ Der Fernsehfilm also, kontagiös und parasitär, lässt sich aus Sicht manches Feuilletonisten nur als minderwertige Form filmischen Erzählens analytisch wie beschreibend greifen. Und diese Klage ist kein Einzelfall, nur geben sich die wenigsten, die einen angeblich schwachen Kinofilm mit der Sortierung ins Fernsehen denunzieren wollen, eine vergleichbare Mühe damit, ihr Ressentiment zu erklären.

Nun ist weder das Lamento über das ästhetische Defizit von Fernsehinszenierungen besonders neu noch ist es die Kritik an diesem Lamento – umso enttäuschender ist es freilich, wenn die Fernsehkritik, die doch zumindest potenziell die Macht hätte und die Kompetenz haben sollte, hier einen Gegendiskurs zu stiften, stattdessen in ihren Texten wieder und wieder eben dieses Ressentiment zu bestätigen scheint. Viel zu viele Besprechungen von Fernsehfilmen lesen sich, als habe der Kritiker eine Theaterinszenierung auf leerer Bühne gesehen: Die Handlung wird in ihrer dramaturgischen Umsetzung beurteilt, gerne noch auf alltags- und gesellschaftspolitische Relevanz abgeklopft, den Schauspielern blickt man prüfend ins Gesicht – das war’s zumeist. Ausstattung, Szenenbild, Lichtsetzung, Einstellungsgrößen, Beweglichkeit der Kamera, Montage und Musik werden, wenn überhaupt, dann nur am Rande behandelt.

„Auch die visuelle Umsetzung mit Animationen und ungewöhnlichen Schnitten ist man von hiesigen fiktionalen Produktionen nicht gewohnt“, schrieb etwa ein Kollege Ende Februar in der „taz“ zum ZDF-Mehrteiler „Schuld“, so als ob das Attribut „ungewöhnlich“ auch nur irgendetwas beschriebe. Eine leitende Redakteurin der „Berliner Zeitung“ stellte über die im März ausgestrahlte internationale ZDF-Koproduktion „The Team“ fest: Die Regisseure „reizen die Nerven ihres Publikums in jeder Weise, die Bilder haben große Sogkraft.“ Es ist in aller Regel schon die größte Anstrengung der deutschsprachigen Fernsehkritik, in ihren Besprechungen die Erscheinungsform ihres Gegenstandes pflichtschuldig zu erwähnen – dass bei derlei oberflächlichen Eindrücken allerdings mehr Fragen aufkommen als beantwortet werden, versteht sich von selbst.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Weder stellt sich die Filmkritik im Vergleich als eine publizistische Oase der Hellsichtigen und brillanten Stilisten dar noch würde der Verfasser sich die Diagnose anmaßen, es in seinen Texten regelmäßig besser zu machen als seine Kollegen. Womöglich sind aber gerade deshalb einige Vermutungen über die Ursache dieses analytischen Defizits eines Großteils des Berufsstandes legitim, wobei die erwähnte Fernsehschelte der Kinokritiker eigentlich keine Rolle spielen dürfte – an mangelndem Selbstbewusstsein jedenfalls scheinen die meisten Autoren, die übers TV schreiben, offensichtlich nicht zu leiden.

Inhalt und Herstellungsweise

Zum einen fällt bei genauerer Betrachtung eine regelmäßige Überschneidung der Aufgabengebiete auf. Die Fernsehkritik ist, zumindest personell, kaum von dem Journalismus zu unterscheiden, der sich um Medienpolitik und Medienökonomie kümmert, um Quotensinn und Quotenwahnsinn oder um Betrugsfälle bei Rankingshows und Rundfunkbeitragsdiskussionen. Ein „FAZ“-Ressortleiter etwa, zweifelsohne bestens bewandert in den zuletzt genannten Fachgebieten, bestritt eine Besprechung des im Herbst 2014 ausgestrahlten ARD-Fernsehfilms „Ein offener Käfig“ (SWR) beinahe ausschließlich mit dem Nacherzählen von dessen Handlung. Vielleicht war das einem produktionstechnischen Notfall geschuldet, der Redakteur musste womöglich kurzfristig für einen erkrankten Autor einspringen oder ähnliches, man kennt das ja. Natürlich ist es für Journalisten auch möglich, die Beschreibung und Einordnung eines medialen Endprodukts genauso zu beherrschen wie die Recherche zu dessen Produktionsbedingungen.

Entscheidend an diesen verwischten Zuständigkeiten bleibt aber deren implizite Aussage über das Fernsehen an sich: Inhalt und Herstellungsweise ließen sich nicht voneinander trennen, das Format sei mithin unfähig, seiner Formathaftigkeit zu entkommen. Womöglich wäre diese erstaunlich materialistische Annahme durchaus fruchtbar auch für die Analyse anderer Sparten der Kulturproduktion – dem Beschreiben und Bewerten des einzelnen Fernsehfilms oder der Serie allerdings schadet sie zumindest dann, wenn vorgefertigte Erwartungen und ästhetischer Überdruss davon abhalten, genau hinzuschauen und hinzuhören.

Die Inszenierung von Fernsehfilmen werde nicht erwähnt, so war von einer Kollegin zu hören, weil sie eben in der Regel nicht erwähnenswert sei. Das Publikum, legte ein anderer nach, interessiere sich nun einmal zuerst für das, wovon erzählt werde – als ließe sich die Erzählung von ihren Mitteln trennen. Nehmen wir dennoch einmal an, dies alles wäre tatsächlich so (woran heftige Zweifel berechtigt sind): Fern liegt es den meisten Fernsehkritikern trotzdem, die angeblich reibungslose Konsumierbarkeit dieser Filme als handwerkliche, vielleicht nicht: Perfektion, aber zumindest Professionalität anzuerkennen. Womöglich nicht ganz so fern, aber dennoch auch nicht nahe genug, um es in ihren Texten zu reflektieren, liegt ihnen eine mögliche Kritik an diesem Konzept der Verdeckung des Illusionscharakters, am Verschleiern der süßen Lüge. Man muss nicht den üblichen Rückgriff auf den Rundfunkstaatsvertrag und den darin festgehaltenen Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen Sender tun, um sich zu fragen, ob das Unbequeme eines Fernsehfilms nicht viel öfter im Hinterfragen seiner eigenen Bilderproduktion liegen dürfte statt in der Verarbeitung eines gesellschaftlich mehr oder weniger relevanten Themas.

Wir scheitern regelmäßig

Das Fernsehen hat nun gestalterische Routinen wie den unsichtbaren Schnitt zumeist nicht erfunden, sondern beim Kino abgeschaut – was nichts Ehrenrühriges ist, sondern umgekehrt gerade keinen Anlass zu vermeintlich hochkulturell inspirierter Arroganz gegenüber dem Fernsehfilm geben sollte. Wie aber ließe sich wertend und beschreibend umgehen mit einem Stück filmischer Erzählung, das seinen Inszenierungscharakter inszenatorisch verdecken will? Am einfachsten und direktesten: indem wir Kritiker genau dies sagen. Auch eine schlichte Inszenierung in funktionalem Szenenbild, in halbnahen Einstellungen, in dezent emotionalisierender Musik ist – eine Inszenierung. Die gewählt wurde, weil sich so ein Stoff am besten entsprechend der Intentionen von Redakteuren, Regisseuren und Produzenten umsetzen ließ. Selbstverständlich spielen hier auch die Restriktionen des Budgets oder anderer Ressourcen eine Rolle, genauso wie die Vorstellungen oder Zerrbilder von einer angeblich typischen Rezeptionssituation: Die Panoramatotale wirkt schwächlich vor der weißen Wohnzimmerwand, der anschwellende Orgelklang erbost womöglich den Nachbarn, eine auf den ersten Blick desorientierende Montage ermuntert zum Umschalten. Es mag sein, dass es sich tatsächlich einige Filmemacher in diesen Klischees gemütlich gemacht haben. Muss uns Kritiker aber deshalb dieselbe Faulheit befallen?

„Hinschauen halt“, soll Michael Althen, der große Filmkritiker, auf die Frage nach der Entstehung seiner Bewertungskriterien geantwortet haben. Der Fernsehfilm entwirft seine Bilder im Vergleich zum Kino für eine andere Aufmerksamkeitssituation, ein anderes Abspielgerät, ein ablenkbareres Publikum. Wie sich die Erzählungen in dieser Rahmung bewegen, wie sie sich brav in einen Winkel ducken, wie sie die ganze Fläche ausfüllen oder wie sie gar über die brüchigen Seitenstreben hinauszubrechen versuchen – das wäre, und zwar für jedes Beispiel neu, zu beobachten. Sicher ist dieses Hinschauen, das ja auch ein Hinhören sein muss, schwieriger, als es klingt – wir sind ja jetzt bereits alle gezwungen zu schauen, wenn wir beschreiben wollen, es geht gar nicht anders, und wir scheitern trotzdem regelmäßig. Doch es ist der einzige Weg, der spezifischen Erzählweise dieses Mediums gerecht zu werden.

Tim Slagman schreibt als Film- und Fernsehkritiker unter anderem für „Spiegel Online“, den „Freitag“ und die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA).

08.05.2015 – Tim Slagman/MK

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