Ingo Helm: Hans Filbinger – Eine Karriere in Deutschland. Reihe „Geschichte im Ersten“ (ARD/SWR)

Behutsamer Grundton

29.05.2015 •

Mit dem Porträt über Hans Filbinger (1913 bis 2007) widmet sich diese Dokumentation von Ingo Helm einem bis heute umstrittenen Politiker der CDU. Der Porträtierte war ein baden-württembergischer Landespolitiker, der 1960 unter Ministerpräsident Kurt Kiesinger (CDU) zum Innenminister des Bundeslandes avancierte und 1966 dessen Nachfolge als Ministerpräsident antrat. Filbinger regierte das Ländle zwölf Jahre lang, bis er 1978 durch Rolf Hochhuth bundesweit in die Schlagzeilen geriet.

Hochhuth hatte im Hamburger Wochenblatt „Die Zeit“ über Filbingers Tätigkeit als Marinerichter im Zweiten Weltkrieg berichtet. Dabei spielte vor allem der Fall eines 18-jährigen Soldaten eine Rolle, der vom Marinerichter Filbinger zum Tod verurteilt und noch im März 1945 hingerichtet worden war. Rolf Hochhuth nannte den späteren Politiker in diesem Zusammenhang einen „furchtbaren Juristen“. Eine von Filbinger daraufhin angestrengte Unterlassungsklage scheiterte später vor Gericht, das die Formulierung als von der Meinungsfreiheit gedeckt ansah. Filbinger trat dann im August 1978 vom Amt des Ministerpräsidenten zurück.

Eben diesen bundesweiten Skandal und die Art und Weise, wie Hans Filbinger damit umging, stellt auch die Dokumentation in den Vordergrund. Dabei wird allerdings alles vermieden, was nach einer erneuten Skandalisierung des Falls aussehen könnte. So dominiert ein behutsamer, nach Erklärungen suchender Grundton, der natürlich auch dazu neigt, einiges unter dem Teppich der Geschichte ruhen zu lassen. Die Dokumentation (Produktion: Eco Media) bemüht sich auch, den Menschen Filbinger mit seinen kulturellen Prägungen zu porträtieren.

Als Gesprächspartner dienen dem Filmemacher die Kinder des Ministerpräsidenten, einige ehemalige Mitarbeiter Filbingers und ein Historiker. Als Stimme der Opposition kommt zum einen der SPD-Politiker Erhard Eppler zu Wort, der seinerzeit Oppositionsführer im baden-württembergischen Landtag in Stuttgart war, und zum anderen ein Publizist und damaliger Zeitzeuge, dessen pures Aussehen ihn schon als sogenannten Alt-68er zu erkennen gibt. Im Film wird darauf hingewiesen, dass es aus rechtlichen Gründen nicht möglich gewesen sei, Filbingers Tagebücher einzusehen. Der Hintergrund dafür wird allerdings nicht näher erläutert: Es hat zu tun mit dem Streit der Filbinger-Kinder untereinander über die Tagebücher. Dieser Konflikt brach aus, als Tochter Susanna Filbinger-Riggert 2013 ein Buch über ihre Beziehung zum Vater veröffentlichte, in dem sie aus den Tagebüchern zitiert, ohne ihre Geschwister zuvor davon in Kenntnis gesetzt zu haben. Obgleich Filbinger-Riggert in der Dokumentation ausführlich zu Wort kommt, ist hier von diesem Streit keine Rede.

Es finden sich auch keine profilierten Politikerpersönlichkeiten aus der baden-württembergischen CDU unter den Interviewten. Dabei wird im Film nicht verschwiegen, dass Filbinger im Sommer 1978 vor allem auf Druck aus den eigenen Reihen zurücktreten musste, obwohl er für die CDU in Baden-Württemberg große Landtagswahlsiege errungen hatte: Er schaffte dies 1972 und vor allem 1976 mit teils sehr aggressiv gegen links geführten Wahlkämpfen, die ihm jeweils die absolute Mehrheit einbrachten. Wie anderswo auch gab es nämlich ebenfalls in Baden-Württemberg (nicht nur zu Filbingers Zeiten) einen starken Flügel innerhalb der das Land schon über viele Legislaturperioden hinweg regierenden CDU, der unzufrieden mit der herrschenden Landespolitik war. Obwohl da kurz mal das Konterfei von Lothar Späth im Bildhintergrund auftaucht, der damals Vorsitzender der CDU-Fraktion im Stuttgarter Landtag war, wird hingegen auf diese für den späteren Rücktritt Filbingers so wichtige Gemengelage innerhalb der eigenen Partei im Film nicht näher eingegangen.

Überhaupt kommt die von Filbinger betriebene Landespolitik in dieser 45-minütigen Dokumentation zu kurz. Unter den landespolitischen Themen, die im Film (880.000 Zuschauer, Marktanteil: 8,0 Prozent) dennoch aufgegriffen werden, ist vor allem Filbingers Einsatz für die Atomkraft, insbesondere für das Kernkraftwerk Wyhl, mit dem der CDU-Ministerpräsident selbst bodenständige Bauern gegen sich aufbrachte. Die Dokumentation verdeutlicht, wie Filbingers Konservatismus sich allmählich zu politischen Starrsinn zu verfestigen drohte. Die Zeit nach seinem Rücktritt – das sind immerhin fast 30 Jahre –, schildert der Film hinsichtlich zweier Aspekte: dem des liebenswürdigen Familienoberhaupts im Kreis seiner großen Familie und hinsichtlich Filbingers weiter andauernden Bemühungen um Rechtfertigung seiner Tätigkeit während der Nazi-Zeit.

Nicht erwähnt wird dagegen das rechtskonservative Studienzentrum Weikersheim, das Hans Filbinger nach seiner Ministerpräsidentenzeit gründete. Und damit fehlt auch ein genauerer Blick auf jene konservativen gesellschaftlichen Gruppen, denen sich dort bis heute eine Plattform bietet. Es fehlt überdies ein Hinweis auf den Festakt im Freiburger Münster im Jahr 2007 aus Anlass von Filbingers Tod. Bei diesem Festakt hielt der (von 2005 bis 2010) amtierende baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) eine Rede, in der er Filbinger in die Nähe von Widerstandskämpfern der Nazi-Zeit rückte, was seinerzeit sogar zu einer öffentlicher Kritik durch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) führte.

29.05.2015 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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