Inga Turczyn: Arten retten – Gegen das große Verschwinden (Arte)

Nashörner aus der Petrischale

08.11.2020 •

Zwei Nashörner inmitten des kenianischen Hochlandes, bewacht von mehreren schwer bewaffneten Männern: Es sind absurde Bilder, die man zu sehen bekommt in dem Dokumentarfilm „Arten retten – Gegen das große Verschwinden“ von Inga Turczyn. Doch kennt man die Geschichte zu den beiden mächtigen Tieren, erscheint einem deren martialischer Schutz gar nicht mehr abwegig. Die Weibchen Najin und Fatu sind die Letzten ihrer Art, die einzig verbliebenen nördlichen Breitmaulnashörner der Welt. Der Mensch hat der einst stolzen Population den Garaus gemacht, die Wilderei (früher: Großwildjagd) ist schuld am Niedergang der Tierart. Deshalb werden die beiden, Mutter und Tochter, heute gehütet wie der wertvolle Schatz, der sie tatsächlich sind.

Allerdings: Die menschlichen Bemühungen um den Erhalt der Art kommen spät, womöglich zu spät. Najin und Fatu sind unfruchtbar, mehrere wissenschaftlich überwachte Fortpflanzungsversuche mit zwei mittlerweile verstorbenen Bullen schlugen fehl. Derzeit versucht das Berliner Leibniz-Institut, die Unterart mit Hilfe künstlich befruchteter „Leihmütter“ aus der Population der südlichen Breitmaulnashörner zu retten. Sollte das fehlschlagen, gäbe es noch die Stammzellentechnologie als Plan B, das hieße: Nashörner aus der Petrischale.

Der betriebene Aufwand, um zu reparieren, was der Mensch zerstört hat, ist also, wie der geschilderte Fall exemplarisch zeigt, enorm. Und ob er von Erfolg gekrönt sein wird, ist offen. Die gute Nachricht aber ist: Irgendwo da draußen gibt es jemanden, der es zumindest versucht, sich gegen den Schwund der Arten engagiert – der in seiner aktuell geradezu atemberaubenden Geschwindigkeit klar auf die Ursache Mensch zurückzuführen ist. (Übrigens ist auch die Pflanzenwelt stark von der Reduzierung ihrer Vielfalt bedroht, auch wenn meist vor allem die Tiere im Fokus stehen.)

Filmemacherin Inga Turczyn hat in ihrer 95-minütigen Dokumentation zahlreiche Beispiele zusammengetragen für Projekte, bei denen Menschen sich für gefährdete Tierarten einsetzen. Die porträtierten Forschungen und Schutzprojekte und deren Protagonisten sind allesamt interessante, inspirierende, gut gewählte Beispiele dafür, wie man sich in dem schier aussichtslos erscheinenden Kampf eben doch auch als Einzelner der Entwicklung entgegenstemmen kann. Da ist der Amphibienforscher Luis Coloma aus Ecuador, der sein Leben dem Erhalt des schwarzen Jambato-Frosches widmet. Da sind die Wildhüterinnen, die sich auf Borneo, wo die Palmöl-Industrie riesige Flächen des Regenwaldes zerstört hat, um Orang-Utan-Waisen kümmern. Oder da ist die deutsche Biologin Christina Grätz, die in Brandenburg per Hand riesige Ameisenvölker umsetzt, wenn der Mensch diesen mit seinen Bauprojekten zu nahe rückt.

Grätz wie auch die anderen Stimmen dieses Films machen klar, wie alles mit allem zusammenhängt, wie wesentlich der Schutz von Tieren und Pflanzen für die Menschheit selbst ist. Natur sei nicht einfach nur „nice to have“, so drückt es ein Fledermausforscher aus Bad Segeberg aus, sondern „essenziell für unser Überleben“. Und die Schimpansen-Forscherin und Artenschützerin Jane Goodall erklärt, wie ein gesamtes Ökosystem zusammenbricht, wenn eine kleine, unscheinbare Art daraus verschwindet. Den Schlüssel zu einem anderen Umgang mit der Natur sehen die Protagonisten des Films darin, dass sich die Menschen wieder verstärkt als Teil eines großen Ganzen wahrnehmen und begreifen, dass der Artenschwund massiv die Lebensgrundlagen des Menschen bedroht.

Jane Goodall ist auch für den großen Bogen hinter den zahlreichen Erzählungen dieser informativen und wichtigen, aber auch etwas überladenen Dokumentation zuständig, die vom ZDF für das Arte-Programm zugeliefert wurde. In Interview-Passagen führt Goodall als kluge, mahnende Instanz durch den Film. Für die unterfütternden wissenschaftlichen Fakten sorgt zudem eine französische Ozeanologin. Beide dienen dem Film als kundige, eloquente Frauen. Im Fall Goodall ist es im Übrigen erstaunlich, wie unermüdlich und – trotz der beunruhigenden Entwicklungen im Natur- und Tierschutz – wie positiv bleibend sich die mittlerweile 86-Jährige immer wieder einspannen lässt für entsprechende Projekte und Medienbeiträge.

In Kombination mit dem Off-Kommentar, der den Film darüber hinaus ‘zusammenhalten’ soll, gerät der Film „Arten retten“ (Produktion: Spiegel TV) streckenweise allerdings recht wortlastig. Vor allem die Texte aus dem Off sind allzu präsent, was den Fokus oft von den Bildern weg hin zum Auditiven, weg von Atmosphäre und sinnlicher Wahrnehmung hin zur reinen Informationsaufnahme verschiebt – kein wirklich wünschenswerter Effekt fürs Medium Fernsehen. Natürlich gehört zu einer solchen Produktion die Vermittlung zahlreicher Daten und Fakten – reizvoller transportiert, würden sie allerdings besser haften bleiben.

Es mag auch an der gelegentlich etwas fahrigen, zu oft den Schauplatz wechselnden Dramaturgie liegen, dass der Film in Sachen Sinnlichkeit und innere Spannung seine Defizite hat. Diese gewisse ‘Verkopftheit’ der Doku ist auch insofern schade, als sie dem eigenen Plädoyer für mehr emotionale Hinwendung zur Natur und einen „neuen Ansatz von Mitgefühl im Artenschutz“ (Jane Goodall) im Gegensatz zur einst wissenschaftlich gebotenen Nüchternheit zuwiderzulaufen scheint.

Dennoch, „Arten retten – Gegen das große Verschwinden“ ist trotz der genannten Einschränkungen ein wichtiger Film und es ist gut, dass es ihn gibt. Und er hat im Übrigen auch einen indirekten Bezug zur derzeitigen Corona-Pandemie: Die Zoonose Covid-19 entstand ja überhaupt erst durch den Zugriff des Menschen auf die Wildnis. Wie aktuell das Thema ist und dass man dabei mit dem Finger alles andere als weit weg zeigen muss, offenbaren im Übrigen zwei am 19. Oktober von der europäischen Umweltagentur EEA und der EU-Kommission vorgelegte Berichte zum Natur- und Artenschutz: Beide stellen den EU-Ländern in diesem Bereich ein überaus schlechtes Zeugnis aus.

08.11.2020 – Katharina Zeckau/MK

Print-Ausgabe 24/2020

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