Inga Mathwig/David Hohndorf: „Die Zeit“ – Eine Wochenzeitung wird 75 (NDR Fernsehen)

24.02.2021 •

Das Ende des Films „‘Die Zeit’ – Eine Wochenzeitung wird 75“ von Inga Mathwig und David Hohndorf kommt abrupt. Der Schlusstitel steht gerade einmal sieben Sekunden, in denen man nur bei schnellem Blick beispielsweise erkennen kann, dass sowohl die Autorin als auch der Autor neben anderen Kamerabilder beigesteuert haben. Das Tempo am Ende des Beitrags ist das Ergebnis der besseren Momente dieses im Dritten Programm NDR Fernsehen ausgestrahlten Jubiläumsfilms, der als eine Mischung aus Reportage und Feature daherkommt.

Im Reportage-Teil wird zum einen die Entstehung der Titelseite der Wochenzeitung in der ersten November-Woche 2020 und zum anderen die Arbeit eines Reporters von einer beweglichen Kamera erfasst. Im Feature-Teil geht es mit vielen Archivbildern, aber auch in einem statischen Interview mit dem seit 2004 amtierenden „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo um die Geschichte wie die Gegenwart des Blatts. Im Reportage-Teil haben Mathwig und Hohndorf das Glück, dass sich vor den Augen ihrer Kameras Geschehnisse ereignen, die das Reagieren der Journalisten verlangen.

Der „Zeit“-Reporter Yassin Musharbash, der sich auf die Spur nach einem europäischen Bündnis von Nazis und Faschisten begeben hat, wird Ende Oktober 2020 während eines unterwegs geführten Gesprächs – er ist gerade in Berlin – telefonisch von der Nachricht des Attentats in Nizza erreicht, bei dem ein islamistischer Terrorist drei Menschen in einer Kirche ermordete. Da Musharbash auch der Terrorismus-Experte der „Zeit“ ist, muss er seine Recherche für einen Tag unterbrechen, um das Ereignis in Nizza zu recherchieren und es zunächst aktuell für die Online- und dann für die Printausgabe darstellen. Nebenbei bekommt man mit, dass Musharbash Arabisch lesen kann – was ihn vermutlich von vielen anderen Terrorismus-Experten aus Deutschland unterscheidet. Dass er einer der wenigen Autoren der Printausgabe ist, die auch für das Online-Angebot schreiben, ist dann eine Information, die ebenfalls eher nebenbei abfällt, die aber auf die noch klassischen Strukturen der publizistischen Marke „Zeit“ hinweist. Zu dieser Marke gehören neben der Wochenzeitung und dem Online-Portal diverse Ableger als Printtitel wie als Podcasts.

Die „Zeit“ erschien vor 75 Jahren zum ersten Mal, am 21. Februar 1946. Sie war lange nicht rentabel. Aber heute geht es dem in Hamburg ansässigen Blatt besser denn je. Die Auflage lag im Jahr 2020 stabil bei rund 550.000 Exemplaren. Verluste, wie sie in diesen digitalen Zeiten Tageszeitungen, aber auch das Magazin „Der Spiegel“ zu verzeichnen haben, kennt das Blatt nicht. Die Zufriedenheit darüber ist dem Chefredakteur durchaus anzumerken. Im Interview antwortet di Lorenzo dann auch leicht von oben herab auf die Fragen der beiden Autoren. Kritische Nachfragen zur späten Aufarbeitung der frühen Jahre, als ehemalige Nazis den Kurs der Wochenzeitung mitbestimmten, wehrt er ab, wie man Wespen vom Kuchenteller verscheucht. Die Journalisten der 1960er und 1970er Jahre, die man im Film in kurzen Auszügen aus alten Reportagen studieren konnte, taten demonstrativ so, als seien sie bei ihren Gesprächen unter sich, so dass man bemerkte, wie sie sich für die Kamera inszenierten und auch aufplusterten.

Für Giovanni di Lorenzo, der ja immer noch Gastgeber einer Talkshow ist („3 nach 9“ von Radio Bremen), die im selben Programm wie dieses filmische Porträt seiner Zeitung ausgestrahlt wird, ist die Kamera eine selbstverständliche Begleitung, die sich aber nach ihm zu richten hat und nicht umgekehrt. So entsteht der Eindruck, dass sich dieser Chefredakteur um alles kümmert. Ob bei der Blattkritik, in der Beschreibung von journalistischen Standards, bei der Auswahl von Fotos und vor allem bei der Auswahl der wichtigen Schlagzeilen – bei alldem ist er nicht nur die oberste Instanz, sondern auch das Maß aller Dinge.

Das zeigt sich dann auch im erwähnten spannenden Ende des Films. In den USA wurde gewählt, aber bis Redaktionsschluss steht noch nicht fest, wer das Rennen um das Präsidentenamt gewonnen hat. In seinen Kommentaren zu Vorschlägen seiner Redakteurinnen und Redakteure ist herauszuhören, dass di Lorenzo eine Gesinnungslyrik, die sich gegen Donald Trump und für Joe Biden ausspricht, nicht in der Schlagzeile der Titelgeschichte sehen möchte. So entscheidet er sich für eine Überschrift, die den Moment der Spannung angesichts des noch ausstehenden Ergebnisses festhält. Doch noch beim Andruck sieht di Lorenzo (und die Kamera des Films zeigt ihn dabei) im ARD-Fernsehen, dass Trump sich zum Sieger erklärt. Nun entscheidet er sich rasch um und sorgt dafür, dass Trump auf dem Titelfoto der neuen Ausgabe erscheint.

Dass ein solcher Wechsel beim Titel mitten im Andruck äußerst ungewöhnlich ist, erlebt man in den Reportage-Bildern mit. Dass di Lorenzo langfristig mit dem aktualisierten Titelbild falsch lag, weil Trump von seiner Ansicht, die Wahl gewonnen zu haben, nur seine härtesten Anhänger überzeugen konnte, ist selbst im Rückblick des Films tatsächlich unwichtig. Wichtig ist es, den Prozess der Entscheidung beim Blattmachen selbst miterlebt zu haben.

Der 45-minütige Film, der Giovanni di Lorenzo großen Platz einräumt, widerspricht ihm an einer Stelle nicht explizit, aber implizit durch eine Kontrastmontage. Zunächst wird mit Archivbildern die Nähe des Wochenblatts zur großen damaligen Bonner Politik illustriert, die in der Berufung des gerade abgewählten Bundeskanzlers Helmut Schmidt (SPD) zum „Zeit“-Herausgeber im Jahr 1983 gipfelte. Di Lorenzo, der mit dem Altkanzler unter dem Rubrum „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ lange Zeit einen Dialog führte, der im Magazin des Blatts abgedruckt wurde und später auch als Buch erschien, gesteht dann in einem kurzen Interviewmoment, dass ihm der Ex-Kanzler, der 2015 starb, fehle.

Wenig später – der sentimentale Moment ist verflogen – spricht der Chefredakteur dann wieder einen Satz ex cathedra, den vermutlich alle Volontäre mitschreiben sollen: „Wir finden es nicht richtig, wenn jemand, der sich mit Politik beschäftigt und darüber schreibt, auch selbst Mitglied einer Partei ist.“ Di Lorenzo gesteht ein, dass diese Erkenntnis so alt nicht ist. Und sie wirkt angesichts des Stolzes, mit dem er in ein Gespräch mit dem amtierenden Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier geht, auch nicht ganz richtig. Man muss nicht Mitglied in einer Partei sein, um sich den Mächtigen auf begeisterte Weise nahe zu fühlen. (Der Film ist in der NDR-Mediathek weiterhin zum Anschauen abrufbar.)

24.02.2021 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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