Nadia Kailouli/Jonas Schreijäg: Die Reise der Sea-Watch. Reihe „Panorama – die Reporter“ (NDR Fernsehen)

„Ich verstehe das gerade alles nicht mehr“

15.08.2019 •

Als die Kapitänin Carola Rackete Ende Juni mit dem Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ und rund 40 aus dem Mittelmeer geretteten Flüchtlingen unerlaubt in italienische Gewässer und schließlich in den Hafen der Insel Lampedusa einfuhr, bekam die Debatte über Seenotrettung zumindest kurzfristig noch einmal neue Dimension – und eine zusätzliche Reichweite. Das zeigte hierzulande unter anderem eine für die „Sea-Watch“ und Rackete gestartete Spendenaktion, zu der die TV-Entertainer Jan Böhmermann (ZDF) und Klaas Heufer-Umlauf (Pro Sieben) nach der Verhaftung Racketes aufgerufen hatten. Dabei kamen bis zum Ende dieser Aktion (1. August) für die private Seenotrettung 1,014 Mio Euro zusammen.

Dass sich die NDR-Reporter Nadia Kailouli und Jonas Schreijäg heute rühmen können, zur richtigen Zeit an einem Ort gewesen zu sein, der für kurze Zeit im Blickpunkt politischer Diskussionen in ganz Europa stehen würde – das war nicht annähernd abzusehen, als die beiden am 6. Juni an Bord des Rettungsschiffs gingen. Als die NDR-Autoren das taten, war noch nicht einmal klar, wer überhaupt das Schiff führen wird. Carola Rackete sprang erst kurzfristig ein für einen Kapitän, der die juristischen Konsequenzen gescheut hatte (mit denen sich nun die unfreiwillig berühmt gewordene Ersatzfrau auseinandersetzen muss).

In dem Film „Die Reise der Sea-Watch“ fungiert die meiste Zeit Nadia Kailouli als Erzählerin, manchmal wenden sich auch beide Autoren direkt an den Zuschauer – wie es üblich ist bei den Filmen der Reihe „Strg_F“ (vgl. MK-Artikel), die die Redaktion des Politmagazins „Panorama“ (ARD/NDR) für Funk produziert, das gemeinsame Online-Jugendangebot von ARD und ZDF. Bei „Strg_F“ war der 45-minütige Film von Kailouli und Schreijäg dann auch zuerst zu sehen – in einer nahezu identischen Version. Dort ist er seit dem 23. Juli unter dem Titel „Was geschah auf der Sea-Watch 3?“ zu sehen. Abgesehen vom Titel unterscheiden sich die Versionen dadurch, dass dann, wenn die beiden Filmemacher mit Besatzungsmitgliedern sprechen, bei „Panorama – die Reporter“ in den Inserts der Vor- und der Nachname des jeweils Interviewten eingeblendet sind, während es in der Version für die jüngere Funk-Zielgruppe nur der Vorname ist. Ein 20-minütiger Beitrag über Kailoulis und Schreijägs Fahrt mit der „Sea-Watch 3“ war bereits am 11. Juli im Ersten Programm der ARD bei „Panorama“ gelaufen.

„Die Reise der Sea-Watch“ beginnt unspektakulär. „Wir zeigen euch mal jetzt, wie wir hier wohnen“, sagt Nadia Kailouli und kurz darauf sieht man sie beim Bettenmachen. Nach sieben Tagen – inzwischen sind Flüchtlinge an Bord – ändert sich der Ton langsam. Ein Mitglied der Besatzung, die Medizinstudentin Verena, redet über die unzumutbaren Bedingungen, unter denen die Geretteten an Bord nächtigen müssen, und sie zeigt sich frustriert darüber, dass sich in Deutschland „kein Mensch dafür interessiert“ – eine Anspielung darauf, dass das mediale Interesse an dieser Rettungsfahrt lange äußerst gering war.

„Kein Duschen, kein Wäschewaschen“, heißt es einen Tag später. Das sagt ein Besatzungsmitglied zu den Geretteten. Warum? Das Trinkwasser wird zu diesem Zeitpunkt bereits knapp. Am 19. Tag bemerkt Kailouli, dass sich „mittlerweile“ auch ihre Kollegen von den Medien dafür interessieren, was auf dem Schiff passiert. Leicht spöttisch fügt sie hinzu: „Journalisten kommen extra mit einem Charterboot angefahren.“ Die plötzliche Aufmerksamkeit rührt nicht zuletzt daher, dass der neofaschistische italienische Innenminister Matteo Salvini Carola Rackete verbal massiv angegriffen hat.

Der Film aus der Reihe „Panorama – die Reporter“ dokumentiert nicht nur die zeitweilige Frustration der Besatzungsmitglieder, auch die Autoren geben mitunter preis, wie sie sich fühlen. „Ich verstehe das gerade alles nicht mehr“, sagt Nadia Kailouli einmal. Es ist der 14. Tag, als sich eine Lethargie breitgemacht hat, weil kein Land sich bereiterklärt, die Geretteten aufzunehmen, und die Tage an Bord in großer Hitze vorübergehen, ohne dass etwas passiert.

Die beiden Autoren machen auch transparent, dass ihr Wirken auf dem Schiff über das, was man gemeinhin teilnehmende Beobachtung nennt, manchmal durchaus hinausging. Gegenteiliges anzunehmen, wäre zumal angesichts der räumlich engen Situation an Bord allerdings auch lebensfremd. „Ich wollte eigentlich ins Bett gehen“, sagt Jonas Schreijäg eines Nachts, dann seien aber italienische Polizisten mit einer Nachricht aufgetaucht. „Da musste ich die Kapitänin wecken und dich“, sagt er zu seiner Kollegin Nadia.

Hervorhebenswert ist des weiteren, dass die Filmemacher auf drastische Bilder verzichten. Als die geretteten Flüchtlinge gerade aufs Schiff gekommen sind, sagt Kailouli, es herrsche ein extremer Geruch, weil die Beine einiger Frauen von Benzin verbrannt seien. Diese Verletzungen entstehen durch eine ätzende Mischung aus Salzwasser und Benzin; sie sind nicht untypisch für Passagiere, die sich in seeuntauglichen Booten aufs Mittelmeer begeben. Zu sehen sind diese Verletzungen im Film aber nicht.

Zu würdigen ist die Arbeit von Nadia Kailouli und Jonas Schreijäg Arbeit nicht nur, weil sie das richtige Gespür für ein Thema hatten, sondern auch weil sie bis zum Schluss durchgehalten haben. Sie hatten ja auch die Möglichkeit, das Schiff zu verlassen, als es dort eigentlich nicht mehr auszuhalten war.

Als eine Art Referenzfilm für „Die Reise der Sea-Watch“ kann die 3sat-Produktion „Iuventa“ (Erstausstrahlung: 13.8.2018) gelten, ein Dokumentarfilm über die Rettungsmissionen des gleichnamigen Schiffs der Organisation „Jugend rettet“, die sich 2015 gegründet hat. Es gibt zwar formale Unterschiede – Michele Cinques rund 90-minütiger Film „Iuventa“ ist eine dokumentarische Langzeitbeobachtung, „Die Reise der Sea-Watch“ eine aktuelle Reportage –, aber es sind viele inhaltliche Parallelen festzustellen. Der Zuschauer bekommt in beiden Fällen zum Beispiel ein Bild davon, wie sich die Besatzungsmitglieder auf den Ernstfall vorbereiten und wie genau eigentlich die Rettung von in Seenot geratenen Menschen abläuft. Und beide Filme nehmen kein gutes Ende für die Protagonisten: „Iuventa“ endet mit der Beschlagnahme des Schiffs durch den italienischen Staat im Jahr 2017 – zwei Jahre später befindet es sich übrigens immer noch in dessen Hand – und die NDR-Reportage damit, dass Carola Rackete auf Lampedusa von der Polizei in Gewahrsam genommen und unter Hausarrest gestellt wird.

Cinques Film beschreibt den Übergang von der Phase, als private Lebensretter noch staatlich geduldet waren, zur heutigen Situation, in der sie sich mit Kriminalisierung konfrontiert sehen. In „Iuventa“ bringen Aktivisten noch die Hoffnung zum Ausdruck, dass ihre Arbeit eines Tages überflüssig sein wird, weil dann wieder die Staaten der EU diese Aufgabe übernehmen. Davon kann inzwischen, das wird durch „Die Reise der Sea-Watch“ deutlich, nicht mehr die Rede sein. Carola Rackete sagt im Film zwar, Seenotrettung sei „eigentlich gar nicht unsere Aufgabe“, das sei vielmehr eine staatliche Angelegenheit, aber ihr Blick und ihr Tonfall vermitteln den deutlichen Eindruck, dass sie nicht daran glaubt, dass die EU-Staaten diese Aufgabe in absehbarer Zeit wieder wahrnehmen werden.

15.08.2019 – René Martens/MK