I Can See Your Voice. Musik- und Rateshow, Moderation: Daniel Hartwich (RTL)

Viel richtig gemacht

24.08.2020 •

Noch nie wurde in einer Show im deutschen Privatfernsehen, die nicht von Dieter Bohlen dominiert ist, so inbrünstig falsch gesungen wie in „I Can See Your Voice“, diesem neuen Formatimport aus Südkorea, der im August an zwei aufeinanderfolgenden Abenden bei RTL Premiere hatte. Grauenhaft war das, was da manch vermeintliches Tontalent ins Mikrofon krakeelte. Ohrenfolter der fürchterlichsten Sorte! Paradoxerweise, es störte nicht. Die Misstöne in diesem Gesangswettbewerb in Kombination mit dem Drumherum gefielen sogar gut, ohne dass sie den Bohlen-typischen Schadenfreudereflex ausgelöst hätten. Und das hatte mehrere Gründe.

Das Konzept von „I Can See Your Voice“ lässt sich auf die berückend einfache und erwiesenermaßen unterhaltungseffektive Formel bringen: Es wird gesungen und gerätselt. Kommt einem bekannt vor? Anders als bei „The Masked Singer“, diesem anderen südkoreanischen Musik-und-Quiz-Hybrid, den die RTL-Konkurrenz Pro Sieben bereits in zwei Staffeln mit großem Publikumserfolg gezeigt hat (vgl. MK-Kritik), performen hier allerdings keine verpuppten Prominenten, deren Namen zu erraten sind. Im Mittelpunkt stehen vielmehr sieben Unbekannte, die allesamt so tun, als ob sie gut singen könnten. Es ist ähnlich wie einst in der „Mini Playback Show“ (RTL, 1990 bis 1998), nur bewegen hier eben Erwachsene die Lippen synchron zum Sound. Einige von ihnen haben, wie sich später zeigen wird, ihre Stimmbänder aber tatsächlich hervorragend im Griff. Die anderen bluffen. Doch wer ist die Spreu und wer der Weizen? Und sieht man jemandem an, ob er ein guter Sänger respektive sie eine gute Sängerin ist, ohne je die Stimme gehört zu haben?

Die Antwort auf diese zentrale Showfrage muss ein Musik-Star finden – in Show 1 war das Popsänger Sasha, darauf folgte Schlagersängerin Vanessa Mai –, und zwar jeweils gemeinsam mit seinem „Superfan”. Dieser kann zum Schluss die Siegprämie in Höhe von 10.000 Euro kassieren, sofern die Trefferquote stimmt. Runde für Runde sortieren Star und Fan die Blender aus in der Hoffnung, dass für das finale und live gesungene Duett mit dem Star jemand übrigbleibt mit einwandfreiem Talent. Der Spannungsbogen ist also gezogen.

Spannend machte es auf dem Weg dorthin auch das prominent zusammengewürfelte Rateteam aus Reality-TV-Sternchen Evelyn Burdecki, Fernsehkoch Tim Mälzer, Comedian Thomas Hermanns, „Let’s-Dance“-Paradiesvogel Jorge González und der RTL-Show-Debütantin Judith Rakers von der ARD-„Tagesschau“. Sie standen Star und Fan beratend und rätselnd zur Seite: Kann eine Bodybuilderin mit straffem Bauch rein anatomisch betrachtet gut singen? Lässt die Rechtsanwaltsgehilfin wegen nachlässiger Maniküre womöglich Gesangsstarqualitäten vermissen? Versteckt sich unter Tattoos und Bademantel tatsächlich ein Hardrocker?

Mit detektivischem Spürsinn achtete das Quintett auf verdächtige Bikinistreifen, abgebrochene Fingernägel und darauf, ob wie es um die Lippensynchronität stand. In der vorletzten, „Kreuzverhör“ genannten Runde trieben die Mitglieder des Rateteams die Kandidaten mit Fachfragen („Was sind die vier berühmten Akkorde bei der Gitarre?“) in die Enge – und zogen dennoch daraus oft genug die falschen Schlüsse.

So entpuppten sich rausgewählte vermeintliche Schwindler auf der „Bühne der Wahrheit“, auf der sie dann nachher live singen mussten, manchmal doch als „Gold auf dem Trommelfell“ (Mälzer). Manchmal folgte auf das schließlich von Moderator Daniel Hartwich kommende Kommando „Zeig uns deine Stimme!“ jedoch die richtig getippte grausame Wahrheit einer talentlosen Stimme, die sich mit Pathos durch Oktaven quält. So oder so: Es war in der coronabedingten Zeit von TV-Studios ohne Zuschauer ein Post-Lockdown-Spaß mit ordentlich Stimmung in der Bude dank wieder zugelassenem Publikum. Oder mit Vanessa Mai gesprochen: „Geile Show: Fettnäpfchen, Arschbombe rein.“

Nicht ganz so „geil“ ist zugegebenermaßen der sogenannte Production Value von „I Can See Your Voice“, also der Aufwand, der betrieben wird, damit nicht nur das Ohr, sondern auch das Auge genießen kann. Er hinkt dem von „The Masked Singer“ hinterher. In der RTL-Show wird nicht mit bombastischen Kostümen und Bühnensets geprotzt. Sieben nummerierte Podeste für die Kandidaten, sieben Drehstühle für die Rater, ein paar Scheinwerfer in Pink und Blau, manchmal nur Bikinistoff zur Körperbedeckung – das nennt man wohl eher kleckern.

Trotzdem haben RTL bzw. die beauftragte Produktionsfirma Tresor TV bei „I Can See Your Voice“ viel richtig und stimmig gemacht. So ist die Auswahl der Kandidaten, unter denen sich sowohl Laien wie eine Jura-Studentin als auch professionelle Backgroundsänger befanden, ausgezeichnet. Keine Sekunden ließen sie sich von den Ratern kirre machen, sondern sie spielten ihre Rollen als „der Knochenbrecher“ oder „die Gamerin“ mit Pokerface konsequent durch bis zum erlösenden Moment der Wahrheit.

Die allerbeste Senderentscheidung dürfte aber diese sein: die Show auf kurzweilige gut zwei Stunden (inklusive Werbeblocks) zu begrenzen und damit zwangsläufig auf eine zeitlich schwer zu kalkulierende Live-Ausstrahlung zu verzichten. Was bei „The Masked Singer“ störte, wird somit hier vermieden, das heißt, es gab kein Aufblähen der Sendezeit bis gen Mitternacht nur um der Marktanteile willen, kein nerviges XXL-Hinauszögern der Spielauflösung. Das Gerede im „I-Can-See-Your-Voice“-Rateteam ufert aus und führt zu nichts? Da gibt’s beim Schnitt zum Glück kein Erbarmen und Jorge Alexis González Madrigal Varona Vila, kurz „Chorche“, wird mitten im Satzfluss abgewürgt; aber geschmeidig, so dass es kaum auffällt.

Die Entscheidung, von „I Can See Your Voice“ nur zwei Ausgaben vorzulegen, gibt allerdings Rätsel auf. Womöglich war die Produktionszeit einfach zu knapp für mehr – in einem spätsommerlichen Musikshow-Rennen, bei dem RTL offenbar unbedingt „Ätschi, Erster!“ schreien wollte. Schließlich bastelt Stefan Raab für Pro Sieben an dem ähnlich klingenden Format „Fame Maker“. Aber das wäre Stoff für eine andere Geschichte.

(Die Einschaltquoten für die beiden Shows von „I Can See Your Voice“: Gesamtpublikum: 2,18 Mio Zuschauer/Marktanteil: 8,0 Prozent und 1,89 Mio/7,1 Prozent. In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen beliefen sich die Marktanteile auf 13,4 und 11,1 Prozent.)

24.08.2020 – Senta Krasser/MK

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