Holger Karsten Schmidt/Andreas Herzog: Die Toten von Marnow. Als 4-teilige Fernsehfilm-Reihe ausgestrahlte Krimi-Produktion (ARD/NDR)

Auf der Höhe der Zeit

27.03.2021 •

Bereits die ersten Einstellungen des ARD-Vierteilers „Die Toten von Marnow“ verheißen die Abweichung von der Fernsehkriminorm: die mecklenburgische Seenlandschaft, eine Limou­sine steuert eine Siedlung verwahrloster Wohnblöcke an. Der Fahrer Bernd Peters (Jörg Schüttauf) entnimmt dem Handschuhfach eine Pistole mit Schalldämpfer. Draußen singt ein Knabe Lady Gagas Song „Shallow“ aus dem Kinofilm „A Star Is Born“ (2018), ein Chamäleon tastet sich vorsichtig über ein Wurzelgeflecht. Im weiteren Verlauf der Geschichte wird man die Symbolik dieser Bilder verstehen.

Bernd Peters muss nicht schießen. Das potenzielle Opfer ist schon tot. Jemand war vor ihm da und ging erheblich rabiater zu Werke als der Profi. Der blutbesudelte Körper wurde bereits von Insekten besiedelt. Peters, der Killer, pflückt ein paar Fotos von der Wand, genehmigt sich in aller Seelenruhe einen Schnaps, ehe er seinem Auftraggeber (Michael Mendl) telefonisch Bericht erstattet. Im Radio läuft John Denvers Song „Leaving On A Jet Plane“. Wohl keine zufällige Wahl. Der Hobbypilot John Denver starb bei einem selbstverschuldeten Flugzeugabsturz. Wer gern interpretiert, kann im weiteren Verlauf der Filmhandlung eine Entsprechung für diese makabre Pointe ausmachen.

Die schillernde Figur Bernd Peters bleibt der Geschichte eine Weile erhalten. Die Schweriner Kommissare Frank Elling (Sascha Geršak) und Lona Mendt (Petra Schmidt-Schaller) werden ihm im Zuge ihrer Ermittlungen mehrfach begegnen und ihn als skrupellosen Kontrahenten kennenlernen. Am Schauplatz des Verbrechens finden sie, was sie anfangs nicht wissen, den Ermordeten in anderer Stellung, als Bernd Peters ihn entdeckt hatte. Jetzt hängt der Leichnam kopfüber über der Badewanne. Ihm wurde das Wort „Kinderficker“ in die Stirn geritzt. Ein Täuschungsmanöver, aber die Kriminaltechnik lässt sich nicht übertölpeln.

Ein weiterer Mord ereignet sich. Und als Kommissar Elling von einer mysteriösen Asiatin (Minh-Khai Phan-Thi) mit einer beträchtlichen Summe dazu bewegt werden soll, den Fall unauffällig zu den Akten zu legen, ist klar, dass diese Verbrechen in einem weitaus größeren Zusammenhang stehen, als zunächst absehbar war.

Zu den ungewöhnlichen Wendungen dieses Thrillers gehört, dass Frank Elling das Bestechungsgeld einstreicht. Der illegale Akt wird von Holger Karsten Schmidt, der das Drehbuch auf Basis eines eigenen Romans verfasste, sorgfältig begründet. Elling ist ein Familienmensch mit Volvo-Kombi, hat für Frau und Tochter ein nobles Zuhause mit Swimmingpool und anderen Annehmlichkeiten geschaffen. Er möchte der bald 18-jährigen Mareike (Bianca Nawrath) zum Geburtstag das sehnlichst gewünschte Auto zukommen lassen.

Und seine Gattin Susanne (Anne Schäfer) will Frank mit einer Gegenstromanlage für den Pool überraschen. Nicht aus Prunksucht. Er argwöhnt nicht ohne Grund, dass Susanne fremdgeht und den Ehehafen verlassen möchte. Er versucht sie zu halten; die materiellen Zuwendungen sind so unbeholfene wie verzweifelte Liebesbeweise. All das übersteigt jedoch die Besoldungsgruppe eines deutschen Hauptkommissars, sein Kreditrahmen ist ausgeschöpft. Das Schmiergeld kommt also wie gerufen. Er zögert kurz, akzeptiert es dann und macht sich damit erpressbar.

Die Kollegin Lona Mendt kommt ihm auf die Schliche, verrät ihn aber nicht, sondern hilft ihm bei der Vertuschung. Umgekehrt ist sie später auf Ellings Unterstützung angewiesen, nachdem sie von Bernd Peters vergewaltigt wurde, im Affekt auf ihren Peiniger schießt und diesen schwer verletzt.

Lona Mendt, aus Hannover stammend, erscheint als unbändiger Freigeist. Sie fährt Motorrad und wohnt in einem Reisemobil am Seeufer. Ihre sexuellen Bedürfnisse lebt sie lässig aus, bestellt den jungen Kollegen Sören Jasper (Anton Rubtsov) dienstlich an den See und verführt ihn mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie im Film in der Vergangenheit vorwiegend männlichen Herzensbrechern vom Typus James Bond zugeschrieben wurde. Allein – der Eindruck eines ungezwungenen Lebenswandels täuscht. Auf Lonas Seele lastet ein dunkler Schatten. Sie hat ihre Familie bei einem vom Piloten vorsätzlich herbeigeführten Flugzeugabsturz verloren.

Die Charaktereigenschaften von Elling und Mendt und das Verhältnis der beiden zueinander erinnert vage an die Kommissare Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) aus den NDR-Beiträgen zur sonntäglichen ARD-Krimireihe „Polizeiruf 110“. Sie gehen an Grenzen, zuweilen darüber hinaus, sind vom Wesen her dennoch durchaus redliche Beamte und untereinander absolut loyal. Sie wollen das Richtige und bewahren sich so die Zuneigung des Zuschauers, auch wenn sie, teils unverschuldet, zusehends tiefer in die Rechtlosigkeit geraten und sich bald selbst internen Ermittlungen ausgesetzt sehen. Unterdessen arbeitet das Duo Elling und Mendt, das von Schwerin aus in Mecklenburg und hier vor allem im fiktiven Ort Marnow ermittelt, hartnäckig weiter an seinem Fall, der in die DDR-Vergangenheit zurückführt und mörderische Medikamentenversuche ans Licht bringt, die im Auftrag westdeutscher Pharma­firmen an unwissenden Ost-Patienten durchgeführt wurden.

Schon die ungewöhnliche Einordnung der Haupt- und einiger Nebenfiguren zwischen Bürger­lichkeit und Korruption macht diesen Vierteiler zum Ausnahmekrimi. Hinzu kommt, dass einige Protagonisten unerwartet früh in der Geschichte ihr Leben verlieren. Das Publikum begreift bald, dass es sich auf die von Samstags- und Sonntagskrimis des deutschen Fernsehens herrührenden Erfahrungen nicht verlassen darf. Das zu klärende Verbrechen, bei dem es auch um einen Serienmörder geht, ist komplex und bleibt doch nachvollziehbar.

Gekonnt streut Holger Karsten Schmidt immer wieder vermeintliche Nebensächlichkeiten ein, die zu einem späteren Zeitpunkt der Erzählung unerwartet Bedeutung erlangen. Die Gegenstromanlage des Swimmingpools ist so ein Beispiel. In einem mehrfachen Hin und Her wird der Auftrag mal erteilt, dann zurückgezogen und wieder erneuert. Lange Zeit funktioniert die Anlage nicht, weil ein Bauteil fehlerhaft ist. Aber sie rettet Leben, als Ellings Ehefrau Susanne von den Handlangern des Drahtziehers als Geisel genommen wird und ein Kampf mit den Entführern im Pool ausgetragen wird. Auch Regisseur Andreas Herzog legt Wert aufs Detail und erlaubt sich sogar Humor – ein USB-Stick mit brisanten Daten hat die Form einer Handgranate, Teil 1 endet mit einem klassischen „Cliffhanger“, und zwar in wörtlichem Sinne. Abseits üblicher Routinen geht Kameramann Philipp Sichler mehrfach in den Nahbereich, zeigt Symbol- statt Erklärbilder, spielt gekonnt mit Schärfe und Unschärfe. Die Hochwertigkeit der Produktion äußert sich überdies in der gelungenen Filmmusik, die von dem in Deutschland lebenden schwedischen Jazz-Pianisten Martin Tingvall stammt.

So lässt sich bilanzieren: „Die Toten von Marnow“ (Produktion: Polyphon) braucht sich hinter den konkurrierenden Angeboten der Mitbewerber vom Streaming-Markt nicht zu verstecken. Im Gegenteil. Da ist alles handwerklich auf der Höhe, die Geschichte ist kraftvoll erzählt und weist Bedeutungs- und Interpretationsebenen auf, die über oberflächliche Gegenwartsbezüge hinausgehen. In der ARD-Mediathek ist die Produktion weiterhin abrufbar, jedoch nicht in vier 90-minütigen Teilen wie bei der linearen Fernsehausstrahlung, sondern in acht Folgen von rund 45 Minuten, also quasi als achtteilige Serie. Diese Vermehrung kennt man inzwischen von der ARD und auch vom ZDF, denn sie vermehrt auch die Klickzahlen für die Sender, denen Quantitatives enorm wichtig ist.

27.03.2021 – Harald Keller/MK

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