Holger Joos/Pia Strietmann: Tatort – Unklare Lage (ARD/BR)

Internationales Niveau

31.01.2020 •

Erinnern wir uns: Am 22. Juli 2016 versetzte ein 18-jähriger Attentäter ganz München in Panik und die Republik in helle Aufregung. Wer war dieser Mordschütze, der am und im Olympia-Einkaufzentrums (OEZ) neun Menschen erschoss? Handelte er allein, gab es mehrere Täter, was war sein Motiv? Die Lage war unklar, dennoch arbeiteten sich die Medien – und wir uns mit ihnen – an den Bildern und Ereignissen ab und die üblichen Experten für Terrorismus und wahnhafte Taten schütteten ihre schütteren Expertisen in alle Kanäle. Eine mediale Selbstblamage. Im Kontext einer Reihe von terroristischen Anschlägen stand für viele sofort fest, es müsse sich um einen islamistischen Anschlag handeln – war das nicht der nächste Beleg für das Scheitern der Flüchtlingspolitik? Erst später stellte sich heraus, dass der Täter aus rechtsextremistischen, rassistischen Motiven handelte.

Die Münchner „Tatort“-Folge „Unklare Lage“ nimmt nun den Fall des OEZ-Attentats als Hintergrund für eine eigene Geschichte. Im Mittelpunkt steht ein jugendlicher Täter, der offenbar einen Bombenanschlag plant. Nachdem ein Fahrkartenkontrolleur in einem Münchner Linienbus erschossen wurde, ist der Täter flüchtig und die Fragen zerschießen das Bewusstsein der Stadt. Wo ist der Täter? War er allein? Was ist sein Motiv? Hatte der Täter einen Komplizen? Die Hinweise verdichten sich, dass es zwei Täter sind, die eine Bombe besitzen, die den größtmöglichen Schaden anrichten soll. Das setzt eine atemlose Hetzjagd in Gang. Sie endet damit, dass Kommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec) das Mädchen Janja (Pauline Werner) erschießt, weil er fürchten muss, sie zündet im nächsten Moment die Bombe. Doch war überhaupt eine Bombe in ihrem Rucksack? War dieser Schuss also gerechtfertigt oder ist Batic auch ein Opfer der allgemeinen Unsicherheit und übersteigerten Angst geworden? Das Ende bleibt offen und polarisiert, es wird all jene unbefriedigt zurückgelassen haben, die ein alles beendendes Ende haben wollen, eine alles klärende Antwort auf all die bohrenden Fragen.

Doch erinnern wir uns: Ist das die Aufgabe eines Kriminalfilms? Alle Fragen zu beantworten, jede Spannung und Anspannung nach 90 Minuten zu beerdigen? Uns in eine schlaff-entspannte Körperlichkeit zu entlassen, die entsteht, wenn der Sofa-Detektiv triumphiert, weil ihm die totale Fall­aufklärung gelungen ist? Blicken wir noch einmal zurück. Was hat dieser Kriminalfilm dem Publikum beschert? Zunächst einmal die sogenannte atemlose Spannung. An der Seite der Kommissare Batic und Leitmayr „jagen“ wir den Täter. Doch der Film ist nicht bloß eine virtuos komponierte Manhunt, der Film zerpflückt diese Jagd, blickt in die Gefühlszustände der Erregungslawine, die die Jagd auslöst, er schafft Bilder, die die totale Unübersichtlichkeit ikonographisch einfangen und die sich ausweiten zu Porträts, zu Tableaus menschlicher Angstexistenz überhaupt. Der Mensch ist das Tier, das unter dem Tisch hockt und den Kopf einzieht. Er ist das Wesen, das in völliger Einsamkeit versucht, den Bombenzünder zu entschärfen, er ist der Unwissende, der von Frage zu Frage gestoßen wird und in finsterer Nacht dem Nichts ins Auge sieht.

Ein solcher existenziell ratloser Mensch ist auch die Mutter, die erfährt, dass ihr Sohn gerade erschossen wurde, weil er offenbar ein Attentat, einen Amoklauf plante. Allein dieser Moment – wie Isabella Bartdorff diesen Höllensturz spielt, wie die Kamera ihn einfängt – war ein Kunststück neben vielen in diesem „Tatort“ (9,52 Mio Zuschauer, Marktanteil: 26,2 Prozent). Der Film schafft es, uns die Dynamik dieser Jagd vor Augen zu führen, aber eben auch, wie eine ganze Stadt von Ängsten geschüttelt und mitgerissen wird, ohne dass der Film diese Ängste als „Hysterie“ entlarvt oder einseitig Schuldzuweisungen erhoben werden.

Selbst das Handy, dieser große Übeltäter, dieses mörderische und zärtliche Ortungs- und Selbstverortungsinstrument, wird hier von allen Seiten betrachtet. Mal ist es Anker und Seelenhilfe, dann ist es Brandbeschleuniger, Täterwerkzeug, aber auch Kommissarsgehilfe, es ist Freund und Feind und es ist ein Ding, das nach uns greift, wenn wir zu ihm greifen, es hat alles im Griff und nicht begriffen. Zuletzt klingelt das Handy von Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl). Er nimmt nicht ab, weil er sich fürchtet, weil er nicht weiß, was ihn erwartet. Oder weil er nur zu genau weiß, was ihn erwartet, nämlich Fragen, die schmerzen werden und bleiben.

Hier wie an vielen anderen Stellen ist dieser „Tatort“ (Produktion: X Filme Creative Pool) konsistent durchgearbeitet, auf der Bild- und Tonebene, auf der Ebene des reduzierten Spiels, der Lichtsetzung, der Kameraführung und der körperquälenden Räume. Der Film schafft es, die Dringlichkeit in Bildern abzubilden: die Hatz durch die immer engen, schlauchartigen Treppenhäuser, Parkdecks oder finsteren Flure, die nachtschwarzen Verhörräume oder das vibrierende Lagezentrum, die leergefegten Bahnsteige und Straßen. Dem Film gelingt es immer wieder, die Bilder als Einzelbilder zu symbolischen Bildereignissen zu verdichten und sie zugleich in die mitreißende Bilderflut zu integrieren. Die Bildkunst ist hier also nicht leere L’art pour l’art, sondern analytische Welterkundung.

Selten sah man Kameraarbeit (Florian Emmerich) so konsequent und gegenstandsangemessen: Immer leichte Bewegung, mal eher panisch, dann zitternd, dann sprunghaft, es wird reißgeschwenkt und gezoomt, die Kamera ist immer wieder in untersichtiger Position, Gesichter werden oft nur im verschatteten Profil gezeigt. Bemerkenswert auch, wie die Spezialkräfte der Polizei dirigiert werden, das hat internationales Niveau, das formieren, ausschwärmen, das Besetzen und Sichern von Räumen, das stille Infiltrieren eines Geländes, das sieht man auf diesem Niveau im deutschen Fernsehen nur selten. Da hat auch das Sounddesign von Rudi Preusser bemerkenswert gute Arbeit geleistet, ein Sounddesign, das sich durch die Mischung von Klaus Peintner auf das Beste mit der Musik von Sebastian Pille verbindet.

Immer neue Spannungsbögen werden in dem Film aufgezogen, ohne dass diese Addition von Etappenhöhepunkten ermüdet, ebenso wenig wie das Stilmittel der Parallelmontage, das mehrfach eingesetzt wird, wie etwa beim sich überlappenden Polizeifunk. An solchen Passagen und Stilmitteln meint man zu spüren, dass der Regisseurin Pia Strietmann die Arbeiten von Dominik Graf nicht ganz unbekannt sein können. Der letzte Satz des Films lautet: „Wir müssen herausfinden, warum sie das gemacht haben!“ Das sagt die Ermittlerin Karola Saalmüller (Corinna Kirchhoff). Damit verweist der Film auf unsere Krimi-Konditionierung, die schon als Beschädigung zu lesen ist, weil die Krimi-Lawinen des deutschen Fernsehens daran mitarbeiten, das große Sicherheitsversprechen herzustellen, wo es keine Sicherheit geben kann. Wir verlangen immer mehr Sicherheit, wollen aber zugleich nicht in unseren Freiheiten beschnitten werden. Was dürfen wir vom Staat erwarten und was von uns selbst? Auch das ist eine Frage, die dieser „Tatort“ aufwirft. Der Film ist auch deshalb unbequem, weil er uns herausfordert, eingeschliffene Denkmuster zu überprüfen.

Das rechtsextremistische Tatmotiv des realen Münchner Amokschützen David S. spielte in diesem Krimi keine Rolle. Ist das eine Entpolitisierung des Falls? Keineswegs, es geht hier auch darum – und da kommen wieder wir Zuschauer ins Bild –, was Unterhaltung darf und wie die Medien Unterhaltungspolitik betreiben mit Entsetzen und Verbrechen. „Ein Einzelner unterhält die ganze Welt“ – dieser Satz hatte die beiden Täter im Fall fasziniert und inspiriert. Was ist es in uns, dass danach giert, für einen Augenblick im Fadenkreuz der Welt zu stehen?

Und noch ein Kunststück, das dieser Film, das die Regisseurin und ihr Autor Holger Joos vollbringen. Ivo Batic und Franz Leitmayr sind die „Tatort“-Kommissare, die die meisten Fälle auf den Buckeln haben. Der Zuschauer ist mit ihnen alt geworden. Wir kennen sie sehr genau. Ihr Liebesleben, ihre Freundschaft. Hier werden ihre Identitäten ausgelöscht durch Bewegung, sie gewinnen eine Frische zurück und zugleich sind sie alt und müde, ratlos und leer. Sie sind in die Jahre gekommen und 1991, als sie anfingen, hätten sie diesen Fall, sofern sie ihn hätten sehen können, wie einen Science-Fiction-Film betrachtet. Wie sie durch diesen Film gejagt werden, verweist darauf, dass die Ordnungsinstanzen und -schemata nicht mehr greifen: Unklare Lage!

31.01.2020 – Torsten Körner/MK

Print-Ausgabe 3/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren