Henrike Sandner: Deutschland ’61 – Countdown zum Mauerbau / Deutschland ’89 – Countdown zum Mauerfall (ZDFinfo)

Wie der Osten Geschichte schrieb

05.10.2019 •

Der Bau der Berliner Mauer und deren Fall gehören zu den wichtigsten Daten der jüngsten deutschen Geschichte: 58 Jahre nach der Schließung der Grenze seitens die DDR mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 und 30 Jahre nach ihrem Fall, der durch die DDR mit der Öffnung eines Berliner Grenzübergangs am 9. November 1989 eingeleitet wurde, widmen sich diesen – bereits des öfteren im Fernsehprogramm berücksichtigten – Ereignissen erneut zwei Dokumentationen.

Die beiden Filme von Henrike Sandner strahlt der Spartensender ZDFinfo am 27. September ab 20.15 Uhr, mit dem gemeinsamen Schlagwort „Countdown“ versehen, direkt hintereinander aus (Produktion: Looksfilm). Solcher Rituale des Erinnerungsfernsehens ist sicher mancher Zuschauer längst überdrüssig geworden. Doch bieten die beiden Dokumentationen, die im Programm zeitlich ziemlich genau in der Mitte zwischen den Gedenktagen am 13. August und 9. November platziert sind, durchaus einige neue Einblicke.

Die Filme beschäftigen sich jeweils mit der Vorgeschichte zum Mauerbau und zum Mauerfall, indem sie im Sinne des titelgebenden „Countdowns“ ihre detailgenauen Rekonstruktionen jeweils etwa ein Jahr zuvor beginnen; die weiteren historischen Zusammenhänge, auf die zum besseren Verständnis zurückgegriffen werden muss, werden eher kursorisch behandelt. Es sind nicht etwa die generelle Bewertung und Einordnung des Geschehens, die hier grundlegend anders wären als in älteren Filmen zu dieser Thematik (dies ist eher nicht der Fall), sondern es sind vielmehr die gewählten Perspektiven, aus denen heraus hier auf das jeweilige Ereignis geblickt wird, die aufmerken lassen. Wer diese Dokumentationen sieht, dem wird auf einmal bewusst, wie oft bei solchen Rekonstruktionen bisher Politiker des ehemaligen Westens als handelnde Personen im Mittelpunkt gestanden haben. Das geschah nicht zuletzt auch deshalb, weil diesbezüglich der Zugriff auf das entsprechende Archivmaterial für die Filmemacher leichter war.

In den beiden Dokumentationen Henrike Sandners stehen nunmehr die politischen Entscheidungsträger der DDR, der UdSSR und des Ostblocks als die eigentlichen aktiv Handelnden im Vordergrund: Sie planten und errichteten die Mauer in Berlin und vor allem ihr politisches Handeln brachte die Mauer letztendlich zum Einsturz. Entsprechend liegt der Fokus der beiden Filme auf dieser Seite mit interessanten Einblicken in Details, die sorgfältig aufgearbeitet werden. Die in das Geschehen verwickelten Politiker aus der Bundesrepublik und dem Westen hingegen erscheinen als bloß auf die Ereignisse Reagierende. So kommen beispielsweise Politiker wie die deutschen Kanzler Konrad Adenauer und Helmut Kohl (beide CDU) oder die US-Präsidenten John F. Kennedy (Demokraten) und Ronald Reagan (Republikaner) hier nur am Rande vor. Was man über sie und ihre politische Agenda erfährt, ist mehr als dürftig. Dagegen wird das Handeln von Personen wie den DDR-Staatschefs Walter Ulbricht und Erich Honecker oder den sowjetischen Staatspräsidenten Nikita Chruschtschow und Michail Gorbatschow mit ihrem jeweiligen politischen Umfeld genau analysiert. Dies erschließt sich nicht nur durch das ausgewählte Archivmaterial, sondern auch durch die befragten Experten.

In der Mauerbau-Dokumentation ist einer dieser Fachleute beispielsweise Matthias Uhl, der als Wissenschaftler am Deutschen Historischen Institut in Moskau arbeitet. Das ist eine im Jahr 2005 gegründete Forschungsstelle über sowjetische Militär- und Sicherheitspolitik und den Kalten Krieg. In beiden Dokumentationen wird auch Ilko-Sascha Kowalczuk befragt, der als Historiker bei der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen beschäftigt ist und jüngst das Buch „Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“ veröffentlicht hat. Der wohl prominenteste Experte, der in beiden Dokumentationen vorkommt, ist der britische Historiker Frederick Taylor. Er forscht seit längerem zur deutschen Geschichte und hat in der Vergangenheit vielbeachtete Bücher über die Bombardierung Dresdens, den Bau der Berliner Mauer und den deutschen Luftangriff auf Coventry publiziert. Für sein jüngst erschienenes Buch über den Zweiten Weltkrieg – „Der Krieg, den keiner wollte. Briten und Deutsche: Eine andere Geschichte des Jahres 1939“ – wird er derzeit in vielen Feuilletons und Kulturmagazinen regelrecht gefeiert.

Die erste Dokumentation beginnt die Rekonstruktion der Ereignisse, die zur Grenzschließung zwischen Ost- und West-Berlin führten, mit der Feststellung ungleicher Lebensverhältnisse in Ost und West und benennt damit eine der Ursachen für die Flucht so vieler Menschen aus der DDR. Es gibt einen kurzen Exkurs in die Nachkriegsgeschichte, auch der Aufstand vom 17. Juni 1953 und dessen Zerschlagung durch die Sowjetarmee sowie weitere Polizeimaßnahmen, die zu einem rasanten Anstieg der Flüchtlingszahlen führten, werden erwähnt. Der Film schildert die ergebnislosen Verhandlungen zwischen Chruschtschow und Kennedy in der Berlin-Frage in Wien am 3. und 4. Juni 1961 und die seitdem von der DDR geheim getroffenen Vorbereitungen zum Mauerbau in Berlin, die den bekannten und auch hier wieder zitierten Ausspruch von Walter Ulbricht, der am 15. Juni 1961 auf einer Presse­konferenz sagte: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, eindeutig als Lüge entlarven.

Die zweite Dokumentation, die dann den Mauerfall von 1989 behandelt, beginnt unter Einblendung eines Datums vom Vorjahr (9. Januar 1988) mit der Feststellung, dass die Mauer in Berlin inzwischen so gut ausgebaut wurde, dass sie nunmehr faktisch unüberwindbar geworden sei, die DDR sogar eine High-Tech-Mauer der Zukunft plane. Anschließend wird in dem Film Schritt für Schritt rekonstruiert, wie schnell diese Mauer durch die politischen Ereignisse des folgenden Jahres zur Makulatur wurde. Die politischen Veränderungen im Ostblock, darunter vor allem die Reformen von Gorbatschow in der UdSSR, spielen dabei eine wichtige Rolle. Aber auch die Mauertoten und die politische Problematik des DDR-Schießbefehls an der Berliner Mauer werden thematisiert; unter anderem ist dazu eine Äußerung von Erich Mielke, ehemals Minister für Staatssicherheit in der DDR, im O-Ton zu hören.

Eindrucksvoll sind auch die Passagen, die – in der ersten Dokumentation – aus den Tagebüchern der DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933-1973) zitiert werden, die den Mauerbau feiert und mit ihrem in den Westen geflohenen Bruder darüber im Briefwechsel steht. In der zweiten Dokumentation vertritt der DDR-Fotograf Dietmar Riemann als Zeitzeuge die Rolle der von dem politischen Geschehen Betroffenen auf Seiten der DDR. Dem gegenübergestellt werden Zitate aus den Tagebüchern des Schriftstellers Walter Kempowski (1929-2007), der nach einem Gefängnisaufenthalt in der DDR bereits 1956 in den Westen geflohen war. So interessant diese Passagen auch sind, erfordern sie doch vom Zuschauer mit Blick auf Verständnis und Einordnung ein konzentriertes Zuhören. Im Zusammenhang betrachtet mit den ausführlichen Expertenstatements und einem zuweilen überbordenden Kommentartext, der mit hohem Sprechtempo vorgetragen wird, erscheinen die beiden Filme dann doch als sehr wortlastig.

05.10.2019 – Brigitte Knott-Wolf/MK