Hendrik Hölzemann/Christian Theede: Tatort – Das fleißige Lieschen (ARD/SR)

Entfaltungspotenzial

27.04.2020 •

Der betagte Patriarch Bernhard Hofer (Dieter Schaad), Besitzer einer seit Generationen in Familienbesitz befindlichen Tuchfabrik, bestimmt im Rahmen einer gediegenen Familienfeier seinen Enkel Erik Hofer (Gabriel Raab) zum Alleinerben. Dabei kommt es zum Eklat. Wenig später wird der frisch gebackene Betriebschef erschlagen aufgefunden. Mit unzähligen Schlägen hat der Mörder die Leiche zugerichtet. Der Verdacht fällt auf Konrad (Moritz Führmann), den älteren Bruder des Toten, der eigentlich der bessere Chef der Firma gewesen wäre, aber übergangen wurde. Ist diesem sanftmütigen Mann eine solche Tat zuzutrauen?

Mit diesem Fall hat in der Folge „Das fleißige Lieschen“ ein neues „Tatort“-Duo des Saarländischen Rundfunks (SR) seinen Dienst angetreten. Nach den Kommissaren Liersdahl, Schäfermann und Palu sowie den Ermittlerpaaren Kappl/Deininger und zuletzt Stellbrink/Marx erfolgt nun mit Leo Hölzer und Adam Schürk die fünfte Wachablösung im Saarland. Dargestellt werden die beiden Neuen von Vladimir Burlakov und Daniel Sträßer, zwei junge Schauspieler (beide 33), deren Kommissars-Charaktere – wie bei TV-Ermittlern üblich – gebrochen sind.

Hölzer und Schürk verbindet eine gemeinsame Vergangenheit, die parallel zu ihren Ermittlungen nach und nach aufgerollt wird und beinahe so viel Raum einnimmt wie der eigentliche Kriminalfall. Gleich die erste Szene führt Schürk als rustikalen Gesetzeshüter ein. Vor ihm im Reisebus sitzt ein sadistischer Vater, der seinen Sohn traktiert. Beherzt greift Schürk ein und haut den Peiniger ganz nebenbei k.o. – politisch korrekt ist das nicht, aber gerade deswegen überzeugt diese Szene, die sich im Übrigen aus Schürks Biografie erklärt, wie später klar wird.

Kollege Hölzer ist der gegenteilige Typ. In entscheidenden Momenten kann er nicht von der Waffe Gebrauch machen. In der Rückblende wird erzählt, warum. Als Jugendlicher hat Leo Hölzer den gewalttätigen Vater seines Freundes Adam Schürk mit dem Spaten niedergeschlagen. Seither leidet er unter einer traumatischen Aggressionshemmung. Diese Hintergrundgeschichte wirkt zwar ist ein wenig aufgesetzt, doch Vladimir Burlakov und Daniel Sträßer erfüllen diese Polizisten, die jeweils eine Bürde zu tragen haben, mit Leben.

Auch formal setzt der Saarbrücker „Tatort“ bemerkenswerte Akzente. Die Kamera (Simon Schmejkal) taucht die Innenräume in atmosphärisch flirrende Dunkelheit. Der gemäldeartige Effekt, den man etwa aus amerikanischen Kinoproduktionen wie David Finchers Thriller „Sieben“ kennt, entsteht, weil auf die im Film übliche künstliche Beleuchtung verzichtet wird. Erhellt werden Büros und Verhörräume stattdessen nur durch Schreibtischlampen und Deckenleuchten, die von einem hellen Saum umgeben sind.

Geschmälert wird das Sehvergnügen bei diesem neuen „Tatort“ (10,51 Mio Zuschauer, Marktanteil: 27,3 Prozent) durch den ziemlich konstruierten Kriminalfall, der weit, sehr weit zurückführt in die Vergangenheit. Es geht dabei um den von Dieter Schaad gespielten skrupellosen Unternehmer Bernhard Hofer. Als junger Mann quälte und ermordete er während des Zweiten Weltkriegs mit sadistischer Inbrunst Zwangsarbeiter in der elterlichen Fabrik. Eine dieser Gepeinigten war die damals noch junge Russin Lida (Marie Anne Fliegel). Inzwischen ist sie eine alte Frau. Die beiden Kommissare finden heraus, dass sie sich an Hofer rächte, indem sie dessen Lieblingsenkel und Firmenerben Erik auf die gleiche Weise zu Tode prügelte, mit der Hofer 1943 ihren Bruder getötet hatte.

Nach der Logik dieses Plots, der von Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs erzählt, müssten Bernhard Hofer und Lida beide weit über 90 sein. Dass man, wie Lida, in diesem Alter einen aggressiven jungen Mann erschlägt und, wie Hofer, noch einen Betrieb leitet, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Hofer, der sich während einer Familienfeier die deutsche Nationalhymne vorfiedeln lässt, Cornflakes mit Wodka zu sich nimmt und in einer späteren Szene seinen schwulen Enkel als „entartet“ beschimpft, verkörpert die hanebüchene Karikatur eines aus der Zeit gefallenen Herrenmenschen.

Beide Charaktere, Hofer und Lida, die früher „das fleißige Lieschen“ genannt wurde, bleiben vor allem deswegen blass, weil der Grundkonflikt, der schließlich zum Mord führt, nicht mit Rückblenden sinnlich nachvollziehbar gemacht wird. Das Elend der einstigen Zwangsarbeiter wird stattdessen mit endlosen Dialogen aufgerollt. Über die Entwicklung von Hofers Firma vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart halten die Kommissare Hölzer und Schürk im Büro Vorträge, als wären sie Dozenten an einem Seminar für Geschichte. Auch vom Schicksal einer handlungsrelevanten Figur – nämlich Bernhard Hofers Sohn, der Suizid verübte, weil er sich nicht gegen seinen Vater durchsetzen konnte – erfährt man nur aus Dialogen. Film geht anders.

Die „Tatort“-Folge „Das fleißige Lieschen“ (Regie: Christian Theede, Produktion: ProSaar) erweist sich als ziemlich heterogen. Der Krimi ist visuell ambitioniert inszeniert, mutet aber gefühlt streckenweise wie ein Hörspiel an. Auf der einen Seite gibt das frische, unverbrauchte Ermittlerduo Vladimir Burlakov und Daniel Sträßer, der auch Burgschauspieler ist, einen viel versprechenden Einstand. Die beiden Typen sind ansehnlich. Man schaut ihnen gerne zu. Und man erahnt eine latente Homoerotik, die aber nur sehr vage angedeutet wird. Auf der anderen Seite weist das Drehbuch von Hendrik Hölzemann auch gravierende Defizite auf. Es bleibt zu hoffen, dass Hölzer und Schürk im nächsten Saarbrücker „Tatort“ das Potenzial dieser beiden auf sympathische Weise unsympathischen Figuren noch weiter entfalten können.

27.04.2020 – Manfred Riepe/MK

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