Helmuth Weiland/István Bury: Die „Spiegel“-Story. Filmbericht (ARD/Radio Bremen)

Macht der Masche

16.04.1970 • Auf diesen Filmbericht hatten sie gelauert wie andere auf den Durbridge vom Tage danach: die „Spiegel“-Leser und die unmittelbar Betroffenen, die ehemaligen „Spiegel“-Leute und die schier unglaubhaft vielen, die heute am Herstellungsprozess in dieser Geschichtenfabrik beteiligt sind, auf dass der Schornstein im „Spiegel“-Haus rauche. Das tut er ja wohl, wie das Bremer Fernsehteam zeigte. Aber wurde auch deutlich, was hinter all diesem Qualm steckt? Scheinbar standen den Bremern im gläsernen Hochhaus nahe der Hamburger Ost-West-Straße alle Türen offen. Dieses Verhalten ist so alt, wie das deutsche Nachrichtenmagazin selber, in dessen Frühzeit die damalige Kleinstredaktion ein Theaterstück ihres Twen-Mitherausgebers Augstein, eine rechte Jugendsünde, ungerührt verreißen konnte. Heute hat im Konferenzraum sogar die Sitzgelegenheit für den Alleininhaber, zu dem derselbe oder eben doch nicht mehr derselbe Augstein inzwischen aufgestiegen ist, seinen Redakteuren tabu zu sein. Die grotesk hierarchische Konferenztischordnung dieser Redaktion, in der sich von den 2A-Chargen abwärts alles stehend an der Wand herumdrücken muss, auch wenn Chefstühle unbesetzt bleiben – diese wahrhaft feudalistische Demütigung von lediglich gut bezahlten Untergebenen dokumentieren zu dürfen, hätte alleine diesen Bericht schon gelohnt. Aber...

Aber muss man, anstatt solche Bilder für sich sprechen zu lassen, andauernd im Begleittext nachstupsen? „Was spiegelt der ‘Spiegel’?“, wurde zu Anfang gefragt, gewiss nicht sehr originell. Antwort im letzten Drittel: „Er spiegelt die herrschenden Verhältnisse wider“, so wie sich der „Spiegel“ bei solcher Innenbetrachtung selbst darbietet mit seinem laschhaften Zeremoniell, seiner die Rewriter auspowernden Schmalspurschreibe, seiner zur Zeit völlig affirmativen Tendenz. Von ihr war viel zu früh die Rede. Mit Suggestivfragen wurde das Endergebnis bereits in der Ansage vorweggenommen. Statt die Personen und die Details hart zu befragen, wurde schon eingangs beteuert, dass das mit „Spiegel“-Haus-eigenem Schwimmbad und dito Sauna hergestellte „Wohlgefühl verschleiert“. So einfach ist das. Ebenso früh merkte man ähnlich apodiktisch an, der „Spiegel“ mache „mit Kritik vor sich selbst halt“ – was doch wohl erst bewiesen werden sollte.

Ohnehin fassten die Fernsehleute zu selten nach. Man kann einem „Ehemaligen“ wie Claus Jacobi, der als langjähriger sogenannter Chefredakteur mit elegant verdecktem qualitativen Abstieg den enormen kommerziellen Aufschwung des Unternehmens mit eingeleitet und stabilisiert hat, heute nicht wie einen Außenstehenden befragen, während doch noch immer übergenug am „Spiegel“ und an seiner Produktionsstätte die traurige Wahrheit bekräftigt: Jacobi was here. An seinem Fall und an dem, was er inzwischen treibt und schreibt, hätte sich nachweisen lassen, dass Augstein- und Springer-Bosse untereinander auswechselbar geworden sind, heute und hier in Hamburg. Nicht nachgefasst wurde auch bei Günter Gaus, der sein früher abgegebenes Urteil über den „Spiegel“ als „das Strafbataillon der deutschen Journalisten“ einfach als „heute nicht mehr gültig“ wegwischen und treuherzig versichern durfte, es seien „über dieses Haus mehr Klischees als über alle anderen Zeitungen“ verbreitet. Warum wohl, wenn das stimmt? Dieser Film hätte jedoch umfassender zeigen können, dass solche Klischees von der Redaktionswirklichkeit offensichtlich eingeholt und wohl noch übertroffen worden sind.

Aber nicht einmal die aktuellste unter den aufschlussreichen Tatsachen wurde ausreichend klargemacht: dass der vielfache Einkommensmillionär Augstein seinen Angestellten die Mitbeteiligung praktisch so lange vorenthält, bis die von ihm selbst (nämlich durch sein Engagement mit dem allbekannten Richard Gruner) verursachte Schuldensumme von angeblich 40 Millionen von ebendiesen Angestellten, das heißt durch ihre beispiellos in Anspruch genommene Arbeitskraft, getilgt worden ist. Zugleich aber  müssen diese sogenannten Redakteure, wenn auch bei guter Bezahlung, darauf verzichten, das einzige Kapital anzusammeln, von dem sich auf die Dauer im Journalismus ohne Magengeschwüre oder entsprechende Symptome leben lässt. Man nennt diese Selbstwertsteigerung in der Branche: „sich einen Namen machen“. Warum holte man sich die Namenlosen dann nicht ganz anders vor Kamera und Mikrofon, als es hier geschah? Warum wurden die gleichfalls weithin unbekannten Ressortleiter („die eigentlichen Herren im Hause“: was angesichts des direkten Einflusses der Herren Augstein und Becker zu bezweifeln ist) nicht unerbittlich verhört, warum wurde gar der sogenannte Chefredakteur Engel – anderswo nennt man seine wahre Position schlichte die eines Chefs vom Dienst –, warum wurde dieser journalistisch völlig namenlose Mann nicht hart befragt, zum Beispiel über seine gewiss nicht glanzlose Rolle in der „Spiegel“-Affäre oder auch nur darüber, was er sich bei seinem, wie ja dokumentiert wurde, offenbar ständig anranzendem Umgangston eigentlich denkt? Und so fort.

Also bleiben nach diesem Filmbericht zumindest zwei Fragen offen. Die eine betrifft, wieder einmal, das Fernsehproblem der richtigen Leute für spezielle Themen. Die ARD hat unter ihren erprobten Mitarbeitern auch diese beiden ehemaligen „Spiegel“-Leute: Dieter Ertel und Wilhelm Bittorf. Zu denken, sie hätten das Gespann Weiland/Bury ersetzt... Das berührt sogleich den anderen Punkt. Zu fragen wäre: ob diese Untersuchung, die so deutlich mit vorgefasster Meinung angegangen worden ist, wobei deren Urheber prompt in allerlei Fettnäpfchen hinter den scheinbar arglos offengehaltenen Türen getappt sind, ob dieser Filmbericht nicht selber jener weitreichenden Macht der „Spiegel“-Masche erlegen ist, der alles vereinnahmenden „Maschine, die sich selbständig gemacht hat“ – indem das deutsche Nachrichtenmagazin unversehens mit dessen eigenen scheinobjektiven Methoden dargestellt wurde. Sie machen uns alle, die den „Spiegel“ lesen, zu Betroffenen, zu Betrogenen. „Die ‘Spiegel’-Story“ – war eine.

• Text aus Heft Nr. 16/1970 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

16.04.1970 – Klaus Hamburger/FK

Print-Ausgabe 24/2018

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