Heinrich Billstein: Alles ist im Fluss – Wolfgang Niedecken zum 70. (ZDF)

Eine Rheinfahrt zum Geburtstag

31.03.2021 •

Runde Geburtstage sind in der Regel kein Anlass, sich mit den Jubilaren besonders kritisch auseinanderzusetzen. Das gilt für Ansprachen an der privaten Kaffeetafel und für Würdigungen von prominenten Personen aus dem öffentlichen Leben nicht minder. Und wenn sich, wie in diesem Fall, der Geehrte auch noch bereit erklärt, in großem Umfang persönlich an seinem filmischen Geburtstagsständchen mitzuwirken, ist unbedingt davon auszugehen, dass er dabei nicht schlecht wegkommt. Trotz der nahezu unausweichlichen Lobhudelei hatte Filmemacher Heinrich Billstein, bislang eher durch Dokumentationen zu zeitgeschichtlichen Themen in Erscheinung getreten, einigen Aufwand betrieben, um Wolfgang Niedecken zu dessen 70. Geburtstag am 30. März ins rechte Licht zu setzen. Der 45-minütige Film wurde zwei Tage zuvor im ZDF ausgestrahlt.

Da für den Kölner Musiker, der mit der Band BAP berühmt wurde, wegen der Pandemie sämtliche öffentlichen Aktivitäten wie Konzerte nicht möglich sind, hatte er sich gemeinsam mit seiner Ehefrau (nach eigenem Bekunden) einen Traum erfüllt: Er fuhr an Bord eines Frachtschiffs den Rhein herunter, von Basel bis Rotterdam. Ob der Trip auch ohne den Film stattgefunden hätte, ist nicht bekannt und in dem Umstand, dass der Kahn Schrott rheinabwärts transportierte, sollte man auch keine Metaphorik sehen.

Den gesamten Film über wurden immer wieder Sequenzen dieser Schiffstour eingeschnitten, in denen der Jubilar im maritimen blau-weißen Ringelhemd auf den Rhein blickte und im Off über die Bedeutung des Flusses speziell für sein Leben („Der levelt mich ein“) und im Allgemeinen sinnierte. Schließlich hatte der Barde auch seine letzte CD mit „Alles fließt“ betitelt. Was man für den Filmtitel wenig originell nur ein wenig abgewandelt hatte. Und als es bei Rheinkilometer 554 an der Loreley vorbeiging, bot das natürlich Anlass, mit bewegten Archivbildern an den legendären „Rockpalast“-Auftritt von BAP auf dem Felsen im Sommer 1982 zu erinnern. Überhaupt war jenes Jahrzehnt die Zeit, als die Band den Kölsch-Rock nicht nur bundesweit erstaunlich populär machte, sondern auch Stammgast bei Großveranstaltungen von Friedens- und Anti-AKW-Bewegungen war.

Im Archiv fanden sich natürlich auch Sequenzen von der 1984 geplanten DDR-Tour der Band, als die staatlichen Kontrollorgane den Musikern den Vortrag eines bestimmten Songs untersagten und die Kölner deshalb die Tournee noch vor dem Eröffnungskonzert abbliesen. Großen Raum verwandten Wolfgang Niedecken und sein Porträtist Heinrich Billstein auf Kindheit und Jugend des späteren Sängers (und Malers) in der Kölner Südstadt. Da der Gemischtwarenladen von Niedeckens Eltern in unmittelbarer Nähe eines pittoresken Stadttors lag, gab es auch davon zahlreiche Fotos und Filmschnipsel. Dazu erzählte der 1951 Geborene vom Spielen in den Trümmern der späteren Nachkriegszeit, seinem zeitlebens schwierigen Verhältnis zu seinem erzkonservativen Vater, seinem Kunststudium und seinen ersten Gehversuchen als Musiker. Und da die ehemalige Stammkneipe in der Südstadt auch heute noch so heißt und genauso aussieht wie damals, durfte auch ein Besuch dort nicht fehlen.

Unter den Gratulanten im Film fanden sich neben (ehemaligen) Weggefährten Niedeckens Kollegen wie Campino von den „Toten Hosen“ oder Tommy Engel, ehemaliger Sänger der Kölner Combo „Bläck Fööss“. Einigermaßen überraschend tauchten auch Ex-Bundespräsident Horst Köhler und dessen Ehefrau Eva Luise auf. Man sei mit dem Wolfgang befreundet, erklärte das Paar. Wo und wann diese Beziehung begonnen hatte und was sie ausmacht, erfuhr man leider nicht. Dafür sagte Frau Köhler über den Musiker-Freund: „Ich habe den Eindruck, dass seine Familie ihm auch sehr wichtig ist.“ Woraufhin man Niedecken an einem Tisch sitzen sah und sagen hörte, er sei ein totaler Familienmensch. Nein, wirklich Überraschendes hatte dieser Geburtstagsbeitrag kaum zu bieten.

Erstaunlich war da schon eher, dass der Film (1,04 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,2 Prozent) auf manch erwartbare Themen verzichtete. So fehlten Sequenzen aus dem (gefilmten) Besuch des Musikers bei Heinrich Böll in dessen Privathaus im Jahr 1984, bei dem Niedecken dem Schriftsteller geradezu andächtig lauschte. Und wo dieses Porträt so sehr den privaten Jubilar in Szene setzte, war es auch seltsam, dass von seinem 2011 erlittenen Schlaganfall, den der Musiker damals publik gemacht hatte, hier überhaupt nicht die Rede war. Nicht minder rätselhaft, warum Bob Dylan im Film keine Rolle spielte. Schließlich gibt sich Wolfgang Niedecken doch sonst stets als dessen größter Verehrer und er hat unlängst sogar ein Buch über ihn veröffentlicht.

Das Überraschendste an diesem speziellen filmischen Geburtstagsständchen für den urkölschen Barden war indes, dass es nicht von dessen Heimatsender, dem WDR aus Köln, sondern vom ZDF aus Mainz ausgestrahlt wurde. Damit nicht genug, gibt es auf der Online-Plattform ZDFkultur unter dem Titel „Die Geschichten müssen raus“ auch noch ein halbstündiges Gespräch zwischen Niedecken und Henning May, dem Frontmann der derzeit angesagten Kölner Band AnnenMayKantereit, zu sehen. Und als Maybrit Illner am 18. März einmal mehr über die Corona-Pandemie talkte, war – warum auch immer – unter anderem Wolfgang Niedecken zugeschaltet. Der Lerchenberg im Niedecken-Fieber?

Aber auch der WDR hat Wolfgang Niedecken natürlich nicht vergessen und spendierte dem Jubilar – wie auch schon zu seinem 60. Geburtstag – eine ganze Niedecken-Nacht. Am 26. März präsentierte Bettina Böttinger dort eine „Kölner-Treff“-Ausgabe als „Niedecken-Special“ mit dem Geburtstagkind, dessen Ehefrau und weiteren Gästen. Anschließend gab es in der Nacht auf den 27. März einen Konzertmitschnitt, Gespräche mit Niedecken und die Wiederholung eines Films über „Wolfgang Niedecken auf Bob Dylans Spuren“.

31.03.2021 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 7/2021

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