Heike Brückner von Grumbkow/Jörg Brückner/Gero Weinreuter/Oliver Liliensiek/Käthe Niemeyer: Blutige Anfänger. 12‑teilige Krimiserie (ZDF)

Kommissare in Ausbildung

29.02.2020 •

Eingangs schielt das ZDF nach Hollywood. Ein Mann, Angst im Gesicht, an einen Stuhl gefesselt, auf der digitalen Anzeige einer Bombe läuft der Countdown: noch 4 Minuten 58 Sekunden. Ein Einsatzkommando orientiert sich. Dringt in das Gebäude ein. Sichert Raum für Raum. Kommt wenige Augenblicke zu spät. Die Bombe geht hoch. Und lässt einen goldfarbenen Konfettiregen über den Mann auf dem Stuhl niederregnen.

Bei dem vermasselten Einsatz handelte es sich um eine Übung der Polizeifachhochschule in Halle an der Saale. Die Übung markiert für die Auszubildenden das Ende der theoretischen Phase. Das Praxissemester steht bevor. In einer etwas gequälten Volte der Drehbuchautoren werden dann aber vier der Studenten schon früher mit der Berufsrealität konfrontiert als vorgesehen: In ihrer Freizeit besuchen sie eine Kinovorstellung, am anderen Tag wird eine männliche Leiche entdeckt, der Besucher sitzt tot in den hinteren Reihen des Kinos.

Für die ohnehin als besonders begabt aufgefallenen Studenten Kilian Hirschfeld (François Goeske), Marc Abel (Timmi Trinks), Inka Kubicki (Luise von Finckh) und Ann-Christin Heffner (Jane Chirwa), die eine Clique und Wohngemeinschaft bilden, erfüllt sich ein Wunsch: Sie hofften auf eine Berufung in die Abteilung für Delikte am Menschen und werden nun schon allein der Umstände wegen in die entsprechende Kommission berufen. Sie sollen helfen, den Mord im Kino aufzuklären.

Die vier Freunde bleiben dann auch für ihr Praxissemester gemeinsam im Bereich der Mordaufklärung, im Gegensatz zu ihrer Kommilitonin Leonie Ruska (Larissa Marolt), die ebenfalls zu der Clique gehört. Denn – noch so ein aufgesetzt wirkender Drehbuchkniff – gleich nach Beginn des Praxissemesters wird Prof. Dr. Daniel Goldenbogen (Gedeon Burkhard), der Dekan des Fachbereichs, ermordet aufgefunden und hochgradig verdächtig ist besagte Leonie, mit der der Mann zeitweilig eine seinerseits abrupt beendete Affäre hatte. Die Indizienlage ist erdrückend. Fortan wird nach Leonie gefahndet. Inka Kubicki aber glaubt weiterhin an die Unschuld der flüchtigen Freundin.

Naivität oder gutes kriminalistisches Gespür? Diese Frage zieht sich durch alle zwölf Folgen der neuen ZDF-Vorabendserie „Blutige Anfänger“ (Produktion: Studio TV Film). Die Geschwister Heike Brückner von Grumbkow und Jörg Brückner, die die Konzeptidee hatten und für die komplette Staffel die Drehbücher schrieben, entschieden sich für eine Mischung aus konsekutiver Erzählweise – die wendungsreiche und manchmal arg konstruierte Suche nach Daniel Goldenbogens Mörder – und einer jeweils abgeschlossenen Episodenhandlung. Eine Dramaturgie, die im angelsächsischen Bereich gängig ist und dort viele erfolgreiche Serien kennzeichnet.

Weitere durchlaufende Hintergrundgeschichten betreffen die Liaison der beiden Auszubildenden Inka und Kilian, die einige Male in eine Krise gerät. Kilians Eifersucht richtet sich auf seinen Kommilitonen Marc Abel, mit dem sich ein weiterer Sekundärstrang verbindet. Er stammt aus reichem Haus, die Villa seiner Eltern war einst in jüdischem Besitz und wurde während des Nationalsozialismus von den Abels weit unter dem damaligen Wert erworben.

Die episodisch erzählten Kriminalfälle fallen vergleichsweise realistisch aus, die Ermittlungen kommen, wie es aussieht, der echten Polizeiarbeit recht nahe. Das macht sie relativ unspektakulär. Mit Ausnahme einer Episode gibt es hier also keine Serienmörder, keine Rachefeldzüge psychopathischer Megaschurken, kein krawalliges Streben nach der Weltherrschaft. Für Connaisseure klassischer Kriminalhandlungen eine Wohltat, für Freunde von Action und Nervenkitzel eher enttäuschend.

Wenngleich „Blutige Anfänger“ seit dem 24. Januar bereits mit allen Folgen in der ZDF-Mediathek zu sehen ist und bei Instagram noch um ein Prequel ergänzt wurde, war bei der inhaltlichen Auskleidung gewiss der lineare Sendeplatz im ZDF-Hauptprogramm am Vorabend um 19.25 Uhr maßgeblich, der eine jugendfreie Gestaltung erfordert. Auch an dieser Stelle ein Seitenblick in die USA: Gefeierte Serien wie „Die Sopranos“ oder „Breaking Bad“ liefen dort selbstredend nicht am Vorabend, sondern im Spätprogramm, „Breaking Bad“ sogar in einer gegenüber der DVD-Version immer noch abgemilderten Fassung. Ein Aspekt, der bei etwaigen Vergleichen berücksichtigt werden muss.

Auffällig an „Blutige Anfänger“ ist die beinahe schon ausgestellte Diversität der Hauptfiguren. Ann-Christin (auch „AC“ genannt) ist schwarz, ein Umstand, der in der Serie die Thematisierung von subtilem Alltagsrassismus erlaubt. Der Ermittlungsleiter Sami Malouf (Neil Malik Abdullah) stammt ursprünglich aus dem Libanon und hat ein gespanntes Verhältnis zu seinem religiösen Sohn, der gegen den Lebensstil des unorthodoxen, mit einer Hallenser Christin verheirateten Vaters opponiert. Der raubeinige Oberkommissar Michael Kelting (Werner Daehn) gibt beinahe das Stereotyp eines harten Schleifers, das im Lauf der Serie dann behutsam aufgeweicht wird. Kelting ist homosexuell, hat Benachteiligung und Diskriminierung erfahren. Ein angenehmer Zug dieser Serie ist, dass weder Kelting noch seinem Lebensgefährten, dem Rechtsmediziner Dr. Claas Steinebach (Martin Bretschneider), übertrieben exaltierte Attitüden zugeschrieben werden, wie es beispielsweise jüngst in der Vox-Serie „Rampensau“ (vgl. MK 26/19) beobachtet werden konnte. In „Blutige Anfänger“ zeigt sich die sexuelle Orientierung ebenso beiläufig wie die italienische Herkunft des Hauptkommissars Lorenzo Battiato (Salvatore Greco).

Das Formatkonzept erlaubt es, die kriminalpolizeiliche Tätigkeit mit ihren unterschiedlichen Arbeitsbereichen und Zuständigkeiten transparent zu machen. Die berüchtigten Erklärdialoge oder -monologe deutscher Krimis haben in diesem Zusammenhang ihre Berechtigung, wenn sie der Anleitung der Studenten dienen. Der akademische Rahmen macht deutlich, dass sowohl Schutz- wie Kriminalpolizisten eine anspruchsvolle Ausbildung durchlaufen. Erwähnenswert deshalb, weil in manchen Krimis die uniformierten Polizisten als unbedarfte Simpel oder fälschlich als untergeordnete Laufburschen der Kriminalermittler dargestellt werden.

Umso ärgerlicher, dass sich dann doch wieder Ungenauigkeiten eingeschlichen haben. Beispielsweise werden die Studenten angeblich in die „Mordkommission“ berufen. Tatsächlich wäre ihr Tätigkeitsbereich der Zentrale Kriminaldienst. In einer Folge wird kurz das Behördenschild „Landeskriminalamt“ eingeblendet – wieder eine völlig andere Dienststelle.

Inszenatorisch kann sich „Blutige Anfänger“ sehen lassen. Die Bildsprache der Regisseure Gero Weinreuter, Oliver Liliensiek und Käthe Niemeyer sowie ihrer wechselnden Kameraleute ist auf der Höhe der Zeit. Mit schnellen Schnitten, wo es angebracht ist, mit visuellen Akzenten wie dem Herausblenden der Farbe, dem Erstarren zum Standbild, dem Wechsel ins Negativ, mit Zeitlupen und Jump Cuts. Passend dazu erfolgt die Musikauswahl. Allerdings sollte mal für eine geraume Zeit auf Billie Eilishs in Serien- und Filmsoundtracks mittlerweile überstrapazierten Hit „Bad Guy“ verzichtet werden.

29.02.2020 – Harald Keller/MK