Heike Bittner/Torsten Körner: Palast der Gespenster – Der letzte Jahrestag der DDR (Arte/MDR)

Absurditäten unterm Brennglas

07.11.2019 •

Im Herbst 1989 war die Fluchtwelle aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) bereits in vollem Gang. Seit August war der Eiserne Vorhang an der ungarisch-österreichischen Grenze löchrig und am Abend des 30. September hatte Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) den Ostdeutschen, die sich in die Prager Botschaft geflüchtet hatten, die Ausreise in den Westen zugesichert. Doch trotz oder vielleicht auch gerade wegen der allgegenwärtigen Krisenstimmung beschlossen die Mächtigen der DDR, den 40. Jahrestag der Republik am 7. Oktober mit Pomp und Gloria zu begehen. Noch einmal sollten die Leistungen des Arbeiter- und Bauernstaates gebührend gefeiert werden. Mit großer Militärparade und einem Staatsbankett, zu dem man 72 Oberhäupter befreundeter Länder geladen hatte. Für die Bürger hatte man nicht nur in Ost-Berlin eine Kirmes und andere Attraktionen zur Volksbelustigung aufgebaut und sie ausdrücklich aufgefordert, diesen Feiertag auf den Straßen zu begehen. Und die Menschen der DDR gingen auch auf die Straßen. Allerdings nicht unbedingt, um zu feiern.

In all den vielen Dokumentationen anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls spielte diese groteske Geburtstagsfeier kaum eine Rolle. Allenfalls wurde da die vom damaligen sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow an diesem Tag in Ost-Berlin geäußerte Prognose zitiert, wonach, wer zu spät komme, vom Leben bestraft werde. Heike Bittner und Torsten Körner konzentrierten sich in ihrer 90-minütigen Dokumentation „Palast der Gespenster – Der letzte Jahrestag der DDR“ hingegen gänzlich auf diesen 7. Oktober 1989. Akribisch rekonstruierten sie den Tag vom Aufhängen von Fahnen und Plakaten, dem Verteilen von Winkelementen am Morgen über die Ankunft der internationalen Staatsgäste am Flughafen mit einem entrückt lächelnden DDR-Staatschef Erich Honecker bis zur abendlichen Gala im Palast der Republik in Ost-Berlin und den Demonstrationen vor dem Gebäude.

In einer Parallelerzählung schilderten die Autoren im Verlauf des Films stets die Ereignisse im sächsischen Plauen, wo die Staatsmacht für diesen Tag ebenfalls ein großes Bürgerfest anberaumt hatte. Aber auch dort war den Menschen nicht nach Feiern zumute. Am Abend zuvor hatten Unbekannte in der Stadt Flugblätter mit der Forderung nach Meinungs- und Reisefreiheit verteilt. „Ich hatte einfach das Gefühl, dass man irgendwas tun muss“, äußerte sich der Verfasser des schlichten Schriftstücks und spannte noch einmal ein Blatt in seine antike Reiseschreibmaschine, auf der er den Text seinerzeit verfasst hatte. In welchem Maß der Mann letztlich dazu beigetragen hat, dass aus dem angeordneten Volksfest in Plauen schließlich eine ungeplante Großdemonstration wurde, ließ der Film offen – weil sich diese Frage vermutlich auch gar nicht klären lässt. Wie auch die, warum die Staatsmacht trotz all der intensiven Überwachung und Bespitzelung durch die Stasi von den Ereignissen in Berlin und Plauen offenbar komplett überrascht wurde und entsprechend planlos reagierte. Oder sollten die SED-Granden in ihrer Realitätsferne womöglich ernsthaft geglaubt haben, die Bürger würden sich durch die groß inszenierte Jubelfeier von ihrem Unmut ablenken lassen?

Der damalige stellvertretende Polizeichef von Ost-Berlin legte als Zeitzeuge in dem Film zumindest die Vermutung nahe, dass sie es glaubten, wenn er schildert, wie er an diesem Abend telefonisch von Stasi-Chef Erich Mielke mehrfach aufgefordert worden sei, „dem Spuk vor dem Palast der Republik ein Ende zu bereiten“. Die Autoren taten gut daran, in ihrem Film (einer Produktion von Broadview TV im Auftrag von MDR und Arte) fast ausschließlich Zeugen auftreten zu lassen, die seinerzeit auf der einen oder der anderen Seite an den Ereignissen in Berlin und Plauen unmittelbar beteiligt waren. Darunter auch eine Serviererin, die schilderte, wie Michail Gorbatschow und seine Gattin zur Verwunderung aller Anwesenden den Festsaal des Palasts der Republik verließen, bevor die Party richtig losgehen sollte.

Und der damalige stellvertretende Chefredakteur der DDR-Nachrichtenagentur ADN erinnerte sich an einen Moment des Abends, als Honecker mutterseelenallein an einem riesigen Tisch saß – mehr als ein Zeichen, dass die Zeit des SED-Generalsekretärs und Staatschefs in den Augen seiner Genossen abgelaufen war. Das symbolträchtige Bild vom einsamen Honecker hätte man natürlich gern gesehen. Aber Suche nach bewegtem Archivmaterial war für die Autoren offenbar nicht einfach. War das Geschehen vor dem Palast der Republik noch durch westliche Medien einigermaßen dokumentiert, musste sie bei den Ereignissen in Plauen vermutlich vielfach auf Stasi-Material oder wenige Amateuraufnahmen zurückgreifen. Vor 30 Jahren war schließlich noch niemand mit einem Handy unterwegs.

Nichtsdestotrotz bündelte die aufwändig gemachte Rekonstruktion der Geschehnisse an diesem einen Tag all die Widersprüche und Absurditäten der letzten Wochen der DDR-Existenz wie unter einem Brennglas. Lediglich die immer wieder eingeschnittenen inszenierten Sequenzen einer Tafel ohne Gäste mit Details von Besteck und Tellern in Großaufnahme (auf die bisweilen gar eine rote Flüssigkeit in Zeitlupe klatschte) nahmen sich eher kunstgewerblich aus.

07.11.2019 – Reinhard Lüke/MK