Heide Schwochow/Rainer Schwochow/Christian Schwochow: Bornholmer Straße. Die unglaubliche, aber wahre Geschichte von Oberstleutnant Harald Schäfer (ARD/MDR/RBB)

Besonders wertvoll

07.11.2014 •

07.11.2014 • Einen widerwilligeren Helden hat man selten gesehen. Oberstleutnant Harald Schäfer (Charly Hübner) hat Darmprobleme und ganz und gar keine Lust, ins Weltgeschehen einzugreifen. Am Ende wird es der Chef vom Dienst am Berliner Grenzübergang ‘Bornholmer Straße’ dennoch getan haben. Indem er in einer widersprüchlichen Befehlslage nach der legendären Schabowski-Pressekonferenz angesichts des Ansturms Tausender DDR-Bürger auf der einen und westdeutscher Schaulustiger und Kamerateams auf der anderen Seite irgendwann – endlich! – nur auf seinen gesunden Menschenverstand vertraut und den Schlagbaum öffnet. Eine Leistung, die man kaum hoch genug einschätzen kann in einem System, das nach dem Motto funktioniert: „Ich hol mir meinen Befehl, du holst dir deinen Befehl und dann sehen wir weiter!“

Dem Familienunternehmen aus den Drehbuchautoren Rainer und Heide Schwochow und ihrem Sohn, Regisseur Christian Schwochow, merkt man sein Bemühen an, die auf wahren Ereignissen beruhende Geschichte möglichst nah am Menschen anzulegen – und damit weitmöglichst entfernt von Überzeichnung und Gefühlskitsch. Die Schwochows lassen gerade nur so viel Pathos zu, wie er sich eigentlich gar nicht vermeiden lässt, wenn es um die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze geht.

Dem Filmemacher-Trio gelingt dabei das Kunststück, unter anderem mit den Mitteln der Komik und der Groteske eine Welt zu zeichnen, in der seinen eigenen Kopf zu benutzen das Gefährlichste überhaupt ist. Ob Volkspolizist oder Grenzschützer, alle hier gieren nach Befehlen, die sie von der eigenen Verantwortung befreien. Doch, und das ist der Clou dieser in allen Belangen sehenswerten Tragikomödie: Was passiert, wenn diese Befehle nicht kommen? Wenn sich die da oben genauso davor drücken, Verantwortung zu übernehmen?

„Bornholmer Straße“ (Produktion: Ufa Fiction) ist nach Motiven eines Sachbuchs von Gerhard Haase-Hindenberg geschrieben, das die Ereignisse des 9. November 1989 aus Sicht des Oberstleutnant Harald Jäger nachzeichnet, auf dem die Figur des Harald Schäfer beruht. Haase-Hindenbergs Buch trägt den Titel „Der Mann, der die Mauer öffnete. Warum Oberstleutnant Harald Jäger den Befehl verweigerte und damit Weltgeschichte schrieb“ (Heyne-Verlag 2008). Der ARD-Film mit dem ebenfalls langen Titel erzählt die Geschichte dieser einen Nacht, konzentriert auf nur einen Ort, eben den Grenz­übergang an der Bornholmer Straße, auf DDR-Seite befehligt von Oberstleutnant Schäfer, in dessen Rolle Charly Hübner eine Meisterleistung vollbringt.

Am Anfang steht die im Fernsehen übertragene Pressekonferenz, in welcher der SED-Funktionär Günter Schabowski auf Nachfrage von Journalisten im Grunde irrtümlich die „unverzügliche“ Möglichkeit von „Privatreisen nach dem Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen“ ankündigt. Das war anders geplant von der DDR-Führung, eigentlich sollte die Ausreise erst ab dem 10. November möglich sein – weshalb an den Grenzübergängen noch die konkreten Handlungsanweisungen fehlten.

So besteht das konkrete Geschehen in „Bornholmer Straße“ vor allem aus hektischen Anrufen bei der Ebene eins drüber, dem von seinen Chefs ebenso alleingelassenen Oberst Kummer (kongenial verkörpert von Ulrich Matthes), dessen einziger Begleiter sein Cognac ist. Und es besteht aus im Lauf der Nacht zunehmend nervöseren Diskussionen zwischen Harald Schäfer und seinen Leuten, dem 150-prozentigen Parteisoldaten und Oberleutnant Ulrich Rotermund (Milan Peschel), dem liberaleren Major Peter Arndt (Rainer Bock), dem militaristisch eingestellten Hauptmann Burkhard Schönhammer (Max Hopp) und dem zurückhaltenden Zollrat Michael Krüger (Robert Gallinowski).

Es ist erstaunlich, wie es Buch und Regie gelingt, trotz dieser Zuschreibungen keine ihrer (im Übrigen sämtlich toll gespielten) Figuren auf ein Prinzip oder Klischee zu reduzieren. Und auch nicht für ihre Haltungen zu verurteilen. Die Charaktere dürfen an ihren Staat – und ihre Grenze – glauben, auch wenn es aus der historischen und geografischen Distanz betrachtet sicherlich das Falsche war. Denn es ist dies auch eine Studie über den Homo sapiens, den Durchschnittsmenschen, den es eben nicht unbedingt danach drängt, aus der Masse hervorzutreten und zum Helden zu werden. Der sich nicht auf Schwarz oder Weiß reduzieren lässt. Der vielleicht wie Major Arndt auf der „richtigen“ Seite steht, sich aber nicht traut, den Mund aufzumachen. Oder der wie Oberstleutnant Schäfer sein Leben lang auf der „falschen“ Seite stand, um am Ende doch die „richtige“ Entscheidung zu treffen. Diese Vielfalt, aber auch Uneindeutigkeit von Positionen findet sich ebenso auf der Gegenseite, den vor dem Schlagbaum protestierenden DDR-Bürgern, die gar nicht alle „weg“ wollen. Viele wollen einfach nur „mal gucken“.

Ähnlich erstaunlich ist, wie auf Basis der geschichtlichen Koordinaten, die nichts weniger als den gesamten Lauf der Welt veränderten, ein so leichtes Stück gelingen konnte, mit komischen wie grotesken Elementen und einer so geglückten Balance. Da dürfen die Grenzschützer mit Jubel und Ringelpiez feiern, als sie endlich einen Befehl erhalten. Da wird ein westdeutscher Hund „dingfest gemacht“, der widerrechtlich die Grenze passierte. Und da werden Schäfers Darmprobleme durch den mosambikanischen Botschafter geheilt, per Handauflegen. Die verzweifelte Dramatik jener geschichtsträchtigen Nacht wird dennoch transportiert. „Bornholmer Straße“ (6,99 Mio Zuschauer, Marktanteil: 21,5 Prozent) ist ein zutiefst humaner Film und einer der schönsten Beiträge zum diesjährigen Jubiläumsthema „25 Jahre Mauerfall“. Prädikat: „Besonders wertvoll“.

• Text aus Heft Nr. 45/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

07.11.2014 – Katharina Zeckau/FK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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