Happy Birthday, Thomas Gottschalk. Geburtstagsshow mit Thomas Gottschalk und Gästen (ZDF)

Nur Nettes zum Siebzigsten

19.06.2020 •

Wie feiert „ein Gigant deutscher Fernsehunterhaltung“ (ZDF-PR) runden Geburtstag in der Corona-Zeit? Also einer, der es über Jahrzehnte gewohnt war, die Multizweckhallen mit Hollywood-Glamour und Bagger-Action zu füllen? Er stapelt, architektonisch besehen, tief und weicht in eine Berliner Kellerbar aus. Als Ort für eine intime Late-Night-Sause war es perfekt, um am Abend des 17. Mai bis kurz in die Nacht des 18. unter dem Titel „Happy Birthday, Thomas Gottschalk“ mit einem guten Dutzend Gästen – in gebührendem Abstand natürlich – in den 70. Geburtstag hineinzufeiern. Fast zwei Stunden dauerte der Countdown in die neue Lebensdekade, live übertragen vom ZDF und damit von jenem Sender, dessen Quoten eben jener Thomas Gottschalk einst an langen „Wetten dass..?-Samstagabenden riesengroß gemacht hatte.

Ach ja, die großen Zeiten. Es war der Jubilar selbst, der den nostalgieschwangeren Ton vorgab, als er Harald Schmidts früheren Bandleader Helmut Zerlett, der im Berliner Keller an der Orgel saß, mit den Worten begrüßte: „Wir haben die großen Zeiten erlebt.“ Und er machte damit gleich mal klar, dass eben diese großen Zeiten vorbei sind. Die Jungen sitzen heutzutage nicht mehr frisch gebadet vor der Glotze, sobald die Eurovisionsmelodie erklingt. Sie gucken YouTube und daddeln „Fortnite“. Bleiben eben nur noch die Alten als Publikum. Sind aber auch nicht wenige, gerade beim ZDF.

Für sie schmiss sich – und das darf in keiner Thomas-Gottschalk-Besprechung fehlen – der Gefeierte in feinste bunte Schale: Blumenprint auf beigefarbenem Grund von den Schulterpolstern bis zum Hosensaum und die Bundfalte so glatt gebügelt wie die Stirn, der man die tiefen Furchen des Lebens an diesem Abend erstaunlicherweise nicht ansah, was auf eine Meisterleistung von Licht und Schminke schließen lässt, oder auch nicht. Kurz: Thomas Gottschalk sah an seinem Ehrentag großartig frisch aus. Großartig aufgelegt war er auch.

Er habe keine Ahnung, was in der Sendung auf ihn zukomme, behauptete er und setzte sich „ganz entspannt“ in einen der schweren, von den kellnernden Mundnaseschutzträgern eifrig desinfizierten Clubsessel in froher Erwartung, wer da der Reihe nach die Treppe zu ihm heruntersteigt, um zu gratulieren. Für einen Thomas Gottschalk, dessen Synapsen schon immer in der Spontansituation zur Maximalform anlaufen, war es also das ideale Konzept, quasi kein Konzept zu haben. RTL hat daraus vor zwei Jahren eine vergnüglich-längliche Show gebastelt: „Denn sie wissen nicht, was passiert. Die Jauch-Gottschalk-Schöneberger-Show“. Und eben die beiden RTL-Spielgefährten gehörten, sicher auch für Gottschalk wenig überraschend, zu den ZDF-Gratulanten.

Den Anfang machte Barbara Schöneberger. Abends zuvor hatte sie in Hamburgs „Elphi“ das deutsche Finale des „Eurovision Song Contest“ moderiert. Von der Energie, um einen publikumsleeren Raum mit Stimmung zu füllen, schien sie dort nichts eingebüßt zu haben. Mit Hopsasa und Trallala übernahm sie die Sendungsführung. Leicht dürfte es nicht gewesen sein, im Ping-Pong mit Gottschalk die Oberhand zu behalten. Denn obwohl sich das Geburtstagskind „zurücklehnen und genießen sollte“, ließ es sich nicht davon abhalten, drauflos zu showmastern ohne Punkt und Komma. Bis die nächste MAZ lief und sich der nächste Gast ankündigte.

Wem alles Gottschalk ans Knie fasste oder wenigstens die Wange hinhielt, wie er im Senf-Fass badete – ein T(r)iefpunkt in der „Wetten, dass..?“-Historie! –, in welche Filme er seine imposante Nase steckte und in welcher Sendung ihm der Schauspieler Helmut Berger die lallende Zunge entgegenstreckte, wie er den konsternierten (Nicht-)Fernsehpreisträger Marcel Reich-Ranicki besänftigte und wo er den belesenen Handke-Kenner gab – die Bilderrevue gab dem Geburtstagsabend Struktur. Und Weggefährte Günther Jauch erinnerte live im Ledersessel mit „Weißt du noch, damals beim Bayerischen Rundfunk..?“ daran, wo Gottschalks und Jauchs Karriere einst begann. Das hatte was von „Männer erzählen vom Krieg“. Rundfunkhistorisch auf jeden Fall: interessant.

Fürs Archiv: Geschenke gab es auch. Das ungewöhnlichste machte ihm Deutschlands Urfeministin Alice Schwarzer, als sie dem als „Grabscher“ verschrienen Gottschalk beschied: „Weiß Gott, es gibt viele Jungs, von denen ich Schlechtes und Bedenkliches zu erzählen habe, aber dich habe ich nie sexistisch erlebt.“ Als Gegenentwurf nannte sie „Wie hieß nochmal der Holländer?“ und meinte vermutlich Rudi Carrell. Dieser „Holländer“ jedenfalls habe mal in einer Sendung einen BH aus dem Hemd gezogen. „Das war anzüglich!“, fand die Schwarzer. Gottschalk dagegen wurde „bei aller Neigung zur Dreistigkeit und zum Scherzen“ von ihr als „sensibler Mensch“ beschrieben. Der so Umschmeichelte ließ es so stehen und die Grabscherhand aus Plastik, die ihm Barbara Schöneberger mitgebracht hatte („Die Gelegenheit, mir die Hand aufs Knie zu legen, wenn du möchtest“), ließ er klugerweise stecken. Im weiteren Partyverlauf erkannte er messerscharf: „Zu meinem Siebzigsten kann man nur Nettes über mich sagen.“

Das taten in der Sendung (Produktion: Kimmig Entertainment) im Übrigen nicht nur seine Gäste. Der „Wetten, dass..?“-erfahrene Autor Christoph Schulte-Richtering diktierte Off-Sprecher Peter Rütten honigsüße Sätze für die Einspielfilme in den Block, so in der Art: „Thomas, wir beneiden dich, du hattest sie [die Frauen] alle.“ Oder: „Du bist ein wandelndes Kulturgut.“ Dem Anlass war das wohl angemessen.

Nur Klaas Heufer-Umlauf, quasi der Gottschalk von Pro Sieben, unternahm den Versuch, der allgemeinen Lobhudelei ein kleines bisschen die Klebrigkeit zu nehmen. Nüchtern zog er den Karrierevergleich: Während seine Generation sich dem täglichen Sendestress auch in den sogenannten sozialen Medien aussetzen müsse, habe sich Gottschalk an die Regel gehalten: Willst du gelten, mach dich selten. Nur achtmal im Jahr „Wetten, dass..?“ moderieren zu müssen, „das hat dich hochgehoben“. Wegen dieser „Unnahbarkeit und mystischen Distanz“ habe er, Heufer-Umlauf, sich deshalb als Kind nicht vorstellen können, „dass du ein echter Mensch bist“. Darauf reichte ihm Gottschalk die Plastikhand.

Allein an dieser spontanen Geste lässt sich erkennen, welch fabelhafte Eigenschaften in diesem Fernsehmann noch immer stecken: sich nicht ernst nehmen, aber doch wichtig genug, um dem halb so alten und sich abstrampelnden Shownachwuchs noch eine mitzugeben. Es war ja auch so: Früher schaute man Gottschalk und nicht „Wetten, dass..?“. Der Moderator war der Star, nicht die Show. Was die Pro-Sieben-Gesichter Joko & Klaas angeht, lässt sich das nicht immer einwandfrei behaupten.

Als die letzten Minuten als 69-Jähriger anbrachen, ergriff der Mensch Gottschalk die Gelegenheit, um seinem Publikum zu danken. Gut, eine Eloge für jahrzehntelange Treue wurde es nicht, aber kurz und ausreichend: „Ohne Sie wäre aus mir nüscht geworden.“ Dann sang Stevie Wonder „Happy Birthday“ (vom Band), es regnete Glitter, Gläser klirrten, die Gäste flirrten um den Neu-Siebziger herum. Das allerletzte Wort hatte kurz nach Mitternacht selbstverständlich auch wieder er: „Zum Achtzigsten sehen wir uns wieder“, sagte der Grandmaster der Show, der sich seines „optischen und geistigen Fortlebens“ sicher ist. Das muss man dann wohl ernst nehmen. Zum Achtzigsten – das wäre dann am 18. Mai 2030.

2,63 Mio Zuschauer hatte „Happy Birthday, Thomas Gottschalk“ an diesem ZDF-Abend und einen Marktanteil von 13,0 Prozent. Überzogen hat Gottschalk diesmal übrigens nicht. Es war pünktlich Schluss. Die alten Zeiten sind eben endgültig vorbei.

19.06.2020 – Senta Krasser/MK

Print-Ausgabe 23/2020

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