Hans Jakob Rausch/Judith Heinze/Cosima Jagow‑Duda: Lost in Corona – jung und ausgebremst. Reihe „Echtes Leben“ (ARD/NDR/MDR/RBB)

Im Ausnahmezustand

19.06.2021 •

Bildungsauftrag vermasselt, ist man versucht zu sagen, wenn man nur den Titel dieser Sendung liest, an der Redaktionen der drei ARD-Sender MDR, NDR und RBB beteiligt waren. Offenbar störte sich niemand an der falsch angewendeten, aus dem Motorsport stammenden Vokabel „ausgebremst“. Anders verfuhr bemerkenswerterweise die Redaktion der ARD-Mediathek. Dort wurde der Unfug gestrichen und der Filmtitel lautet in der Ankündigungszeile schlicht „Lost in Corona“. Die Gedankenlosigkeit bei der Benennung des Films – der auf dem Sendeplatz der von den kirchlichen Redaktionen verantworteten Reihe „Echtes Leben“ (vormals „Gott und die Welt“) ausgestrahlt wurde – korrespondiert in Teilen mit seinem Inhalt.

Die drei Autoren begleiteten drei junge Menschen in der Phase der striktesten Corona-Maßnahmen. Karl aus Brandenburg ist 17, Gymnasiast in der elften Klasse und in dieser Zeit massiver Einschränkungen auf digitalen Unterricht angewiesen. Hinzu kommt, dass er tagsüber mit seinem jüngeren Bruder allein ist. Fußball in der Mannschaft, Treffen mit Freunden und Kino entfallen. Besonders bitter: Karl hatte bereits das Flugticket für ein Auslandsjahr in Kanada in der Tasche, die Koffer waren gepackt, er hatte noch mit eigenem Geld eine Skiausrüstung erworben – dann wurde das Ganze abgesagt. Kurz kommt auch mal Karls Mutter zu Wort, die sich sorgt, dass beide Söhne das Klassenziel nicht erreichen werden.

Die 19-jährige Alena lässt sich in Bokel bei Hamburg zur Hotelfachfrau ausbilden. Ihr Ausbildungsbetrieb beherbergt nur noch Geschäftsreisende, für die eine Ausnahmeregelung gilt. Alle anderen Bereiche liegen still. Alenas Arbeitsalltag beschränkt sich auf den Frühstücksdienst und die Tätigkeit am Empfang. Sie beklagt, dass sie so keine Gelegenheit bekommt, den Beruf praktisch zu erlernen. Als Beispiel wird im Off-Kommentar das Tischeindecken genannt. Das lässt stutzen, denn: Wenn die Auszubildenden derzeit zum Müßiggang gezwungen sind und wegen Corona mehr Zeit zur Verfügung steht als bei Hochbetrieb, warum nutzen nicht die Ausbilder die Gelegenheit, ihnen diese Dinge beizubringen? Das Eindecken von Tischen kann man mit Abstand und sogar im Freien üben. Die Autoren lassen die Äußerung unhinterfragt im Raum stehen.

Die dritte Protagonistin ist Friederike, Studentin im vierten Semester. Sie wird eingeführt mit den Worten: „In Leipzig geht es für die Medizinstudentin Friederike um alles. Sie hat heute eine entscheidende Prüfung.“ Ein normaler Vorgang, kein Grund für künstliche Dramatik. Auch in pandemiefreien Zeiten kommt es an Universitäten bisweilen zu „entscheidenden Prüfungen“. Der Ansatz hätte doch sein müssen, wie und unter welchen Umständen in Anbetracht der jeweiligen Hygienevorschriften solche Prüfungen stattfinden können, ob sie Nachteile für die Studenten mit sich bringen.

Alle Universitäten mussten entsprechende Strategien entwickeln, Prüfungsordnungen anpassen, technische Voraussetzungen schaffen. In Pressemitteilungen aus dem Hochschulbereich wird gern betont, im Bereich der Hochschulen sei die Umstellung auf digitale Angebote gelungen. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Manche Studenten sind mangels ausreichender Datenleitungen abgekoppelt, andere fühlen sich unbehaglich bei Videokonferenzschaltungen, möchten eigentlich keinen Einblick in ihre Privatsphäre gewähren, was sich nachteilig auf die Wortmeldungen auswirkt. Auch ein Aspekt, der in dieser Reportage hätte berücksichtigt werden können.

Stellenweise rutschen die Off-Texte an den Rand der unfreiwilligen Komik. Studentin Friederike beginnt ein neues Semester. Weil die Lektionen online jederzeit abrufbar sind, so heißt es, müsse sie „sich zwingen, ihren Alltag selbst zu strukturieren“. In eigenen Worten fügt die Betroffene an, sie könne sich nicht, wie sonst im Hörsaal, „berieseln“ lassen, sondern müsse „immer aktiv für sich arbeiten“. Im Grunde doch keine so verkehrte Lernerfahrung, sondern eine gute Vorbereitung auf einen Beruf, in dem man gewiss nicht auf „Berieselung“ hoffen darf.

Auf der Bildebene war diese Reportage (560.000 Zuschauer, Marktanteil; 4,5 Prozent) ansprechend gemacht, mit einigen vergleichsweise aufwendigen Aufnahmen. Als Nachteil erwies sich hier, die jungen Leute vorwiegend selbst erzählen zu lassen. So kam es zu vielen Wiederholungen innerhalb des O-Tons und zu Dopplungen, wenn die Aussage von der Off-Sprecherin einleitend vorangestellt oder später noch einmal aufgenommen wurde.

Es blieb bei den größtenteils berechtigten, aber subjektiven Klagen der jungen Protagonisten über den Ausnahmezustand, ohne näher auf Hintergründe einzugehen. Signifikant eine Szene aus den Tagen, an denen der Präsenzunterricht vorübergehend wieder möglich war. In der sogenannten „freien Arbeitszeit“ trägt Oberschüler Karl die vorgeschriebene Maske sehr leger. Die Lehrerin greift nicht ein und wahrt selbst nicht den nötigen Abstand, als sie ihm ein mathematisches Problem erklärt. Die Szene wird quasi zum Argument gegen den eigentlich gewünschten Präsenzunterricht. Die Filmemacher scheinen es nicht bemerkt zu haben.

19.06.2021 – Harald Keller/MK

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