Hans-Erich Viet: Der letzte Jolly Boy (RBB Fernsehen)

Konfrontation mit den Orten der NS-Verbrechen

19.02.2021 •

Die „Jolly Boys“ muss man nicht kennen. Den jüdischen Schulfreunden, die sich in dem polnischen Städtchen Będzin in den 1930er Jahren zusammentaten, um amerikanischen Swing a cappella darzubieten, war keine Karriere vergönnt. Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen fanden die musikalischen Ambitionen der Schüler ein jähes Ende.

Einer der „Jolly Boys“ war Leon Schwarzbaum, der später die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Buchenwald und Haselhorst überlebte, während alle anderen Mitglieder seiner Familie, mehr als 30 Personen, dem Holocaust zum Opfer fielen. Erst im hohen Alter, er war bereits fast 90, und nach dem Tod seiner Frau hat sich Schwarzbaum entschlossen, seine Erinnerungen nicht für sich zu behalten und über das zu berichten, was ihm durch die NS-Verbrechen zugefügt wurde. Der Filmautor und Regisseur Hans-Erich Viet hat Schwarzbaum zu mehreren Reisen in dessen Vergangenheit motivieren können. Das brachte für den 1921 geborenen Mann nicht nur enorme körperliche Strapazen mit sich, sondern führte in der unmittelbaren Konfrontation mit den Orten des Schreckens auch zu schweren seelischen Erschütterungen.

Am 20. Februar 2021 wurde Leon Schwarzbaum 100 Jahre alt. Aus diesem Anlass strahlte der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) am 17. Februar in seinem Dritten Fernsehprogramm noch einmal Viets Film „Der letzte Jolly Boy“ aus. Erstmals wurde der 105-minütige Dokumentarfilm – der im Januar und Februar 2019 auch im Kino gezeigt worden war – am 26. Januar 2020 um 23.50 Uhr im RBB Fernsehen gesendet. Beim Internationalen Filmfest Emden-Norderney 2018, wo der Film seine Premieren-Aufführung hatte, wurde die vom RBB in Auftrag gegebene Produktion mit dem DGB-Filmpreis ausgezeichnet.

Leon Schwarzbaum wurde in Hamburg-Altona geboren, 1923 war die Familie nach Będzin in Oberschlesien gezogen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zog Schwarzbaum nach Berlin, wo er als Antiquar und Kunsthändler tätig war. Der Film folgt den Reisen, die Schwarzbaum ab 2013 unternahm, über einen Zeitraum von mehr als drei Jahren. Viet begleitet ihn zu dessen Będziner Elternhaus und nach Auschwitz, ist aber auch bei Vorträgen in Schulen und im Jahr 2016 beim Auschwitz-Prozess in Detmold dabei, wo Schwarzbaum vor dem Landgericht gegen einen ehemaligen SS-Wachmann als Zeuge und Nebenkläger auftritt.

Vergleichbare Dokumentationen über Holocaust-Überlebende setzen häufig auf mündliche Berichte der Protagonisten, was dem Erzählten eine gewisse Statik verleiht. Die Entscheidung, „Der letzte Jolly Boy“ als Roadmovie zu inszenieren und bei der Montage auch nicht der Chronologie zu folgen, sondern einzelne Reisemomente gegeneinander zu schneiden, verleihen dem bewegenden Film eine sehr bewegte Gestalt.

Nicht minder umsichtig war der Entschluss, Schwarzbaum nicht an den bekannten Holocaust-Gedenkstätten über seine Erlebnisse berichten zu lassen. Zwar gibt der hellwache Senior in Auschwitz Besuchern, die durch das Kamerateam in seinem Gefolge auf ihn aufmerksam geworden sind, freundlich Auskunft, doch die meisten Gräueltaten kommen an unscheinbaren Orten zur Sprache. Etwa an einem trostlosen polnischen Bahnhof, wo damals die Züge in die Konzentrationslager abfuhren.

„Genau hier ist das passiert“, sagt Schwarzbaum auf einem mit Pfützen übersäten Weg und schildert, wie ein Gestapo-Mann einem jungen Mädchen in den Kopf schoss. Der Kontrast zwischen den traumatischen Erlebnissen und der gegenwärtigen Banalität dieses Ortes, an dem keine Gedenktafel an die Gräueltaten erinnert, lässt das Erzählte noch unheimlicher erscheinen.

Es kommen aber auch Schwarzbaums Erfahrungen mit der deutschen (Medien-)Aktualität zu Wort. Etwa ein Auftritt in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz, bei dem der Moderator kurz vor der Sendung in der Garderobe vorbeischaute, um Schwarzbaum seine Sympathie zu bekunden, dessen Redeversuche in der Sendung dann aber mehrfach mit „Ich weiß, ich weiß“ abwürgte.

19.02.2021 – Reinhard Lüke/MK

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