Hanno Hackfort/Bob Konrad/Richard Kropf/Benjamin Hessler/Marvin Kren: 4 Blocks. 6‑teilige Dramaserie (ZDFneo/TNT Serie)

Arabische Parallelgesellschaft

21.12.2017 • „In Berlin redet man jetzt Arabisch.“ Das ist gewissermaßen die zentrale Ansage der sechsteiligen Dramaserie „4 Blocks“, die nach ihrer Vorabpremiere auf der diesjährigen Berlinale und ihrer nachfolgenden Erstausstrahlung im Mai und Juni beim Pay-TV-Sender TNT Serie ein breites und fast durchweg positives Presseecho auslöste. Die Begeisterung ist nachvollziehbar, zumindest teilweise. Für eine deutsche Serie wirft „4 Blocks“ (Produktion: Wiedemann & Berg Television) einen realistisch anmutenden Blick auf die Machenschaften eines libanesischen Clans, der in Berlin-Neukölln mit Schutzgelderpressung und Drogenhandel sein Unwesen treibt. Die Gangster gehen dabei brutal zur Sache. Das dürfte ein Grund dafür sein, dass die mitternächtliche Free-TV-Premiere nun beim Spartensender ZDFneo, der dreimal dienstags ab 23.15 Uhr jeweils zwei Folgen hintereinander ausstrahlt, wohl eine Verlegenheitslösung darstellt. Denn „4 Blocks“ ist eigentlich Qualitätsfernsehen, das dem ZDF-Hauptprogramm gut zu Gesicht gestanden hätte.

Erzählt wird in der Serie von dem Flüchtling Ali „Toni“ Hamady, der seit 26 Jahren in Deutschland lebt, wo er mit seiner Frau Kalila eine kleine Tochter hat. Offiziell besitzt der Asylbewerber immer noch keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis. Doch bei der Ausländerbehörde, wo Toni sich freundlich anbiedert, stellt die Sachbearbeiterin ihm einen deutschen Pass in Aussicht. Endlich! Der skrupellose Bandenführer – in einer Szene herzlicher Familienvater, in der nächsten gnadenloser Kniescheibenzertrümmerer – kann neben seinen krummen Deals jetzt auch offizielle Geschäfte tätigen. Toni, mit Verve gespielt vom deutsch-libanesischen Darsteller Kida Khodr Ramadan, will mit seinen Drogengeldern ein Hochhaus kaufen und fortan als seriöser Vermieter ein gutbürgerliches Leben führen.

Wie von einem Gangsterkrimi zu erwarten, wird daraus nichts. Eine verfeindete Rockerbande will Tonis Drogengeschäfte übernehmen, und auch innerhalb des Clans brodelt es. Als sein jüngerer, prolliger Bruder Abbas (Veysel Gelin) ihm den Rang ablaufen will, setzt Toni ihm kurzerhand das Messer an die Kehle. Im nächsten Moment liegen beide sich wieder heulend in den Armen. Dieses Hin und Her zwischen pathetischer Bruderliebe und blutrünstiger Konkurrenz innerhalb des Clans beobachtet die Serie realistisch.

Beleuchtet wird dabei auch die Haltung gegenüber Nicht-Arabern. Ein junger Hippster, der im Block eine Szenekneipe eröffnen will und nur Englisch spricht, wird von Tonis Schutzgelderpressern brutal zusammengeschlagen. In Deutschland, so wird er von den Schlägern angefaucht, müsse er gefälligst deutsch reden – zynisch gewendete ‘Integration’. Noch übler als dem bärtigen Hippster ergeht es einem deutschen Junkie, der sich qualvoll windet, nachdem er, ohne es zu wissen, für Tonis Männer als Versuchskaninchen für die Qualität einer Heroinlieferung herhalten muss, die, wie sich dann herausstellt, vergiftet ist.

Neben diesen Einblicken in die Machenschaften der arabischen Clan-Struktur, die durch ein starkes Ensemble getragen wird, setzt die Serie vor allem auf ausgiebige Stimmungsbilder. Unterlegt von treibenden HipHop-Klängen der Komponisten Stefan Will und Marco Dreckkötter, fährt die Kamera zum Teil recht hektisch durch einschlägigen Straßenzüge Neuköllns, die einen ziemlich orientalischen Eindruck vermitteln. Döner- und Gemüseläden reihen sich hier aneinander; gesprochen wird ein authentisch klingender, in die langen Bärte gemurmelter deutsch-arabischer Slang, den man nur mit gespitzten Ohren versteht. Deutsche sind in diesem Milieu ebenso Randfiguren wie Frauen, die entweder als Prostituierte oder als Stichwortgeberinnen auftreten. „Du musst deinem Mann jetzt beistehen, so funktioniert das“, erklärt Tonis Frau einer anderen Frau, deren Mann verhaftet wurde.

An wen also wendet sich diese Serie? Muslimische Migranten haben sicherlich eher keinen Bedarf, sich ihren Lebensstil von einer deutschen Dramaserie vorspiegeln zu lassen. „4 Blocks“, daran besteht kein Zweifel, richtet sich an eine deutsche Zielgruppe. Deshalb agiert eine entsprechende Identifikationsfigur im Zentrum der arabischen Parallelgesellschaft: Frederick Lau spielt den taffen Straßenschläger Vince, doch mit dieser Figur hat die Serie leider ein Glaubwürdigkeitsproblem: Der Zuschauer weiß sofort, dass dieser Vince als Under­cover-Polizist agiert, weshalb es nicht realistisch ist, dass Clan-Chef Toni – immerhin ein mit allen Wassern gewaschener Gangster – ihn bedenkenlos als Busenfreund akzeptiert.

Defizite dieser Art erinnern an die Amazon-Serie „You Are Wanted“ (vgl. MK-Kritik) mit Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle, für die das Drehbuchautorentrio Hanno Hackfort, Bob Konrad, Benjamin Hessler und Richard Kropf neben „4 Blocks“ ebenso verantwortlich zeichnete. Nun ist „4 Blocks“ insgesamt allerdings interessanter und differenzierter als die zum Teil unfreiwillig komische Amazon-Produktion. Bei „4 Blocks“ ist eine der Schwächen zum Beispiel, dass es doch sehr rätselhaft ist, wie Toni und seine Schlägertruppe einfach so den Chef der feindlichen Rockerbande überrumpeln können, der in einer Szene zuvor noch von zahlreichen schweren Jungs beschützt wurde. Auch Nebenfiguren wie die gegen den Clan ermittelnden Polizisten erscheinen nur schemenhaft, und die Geschichte selbst bleibt eher holzschnittartig. Wohl aus Gründen der politischen Korrektheit wird in „4 Blocks“ das Reizthema des islamischen Hintergrunds auffällig unauffällig ausgeblendet. Die arabischen Gangster werden als ‘coole Typen’ gezeigt.

Trotz der genannten punktuellen Defizite kann man sagen, dass diese Serie ein Fernseh-Highlight ist. Regie führte Marvin Kren, ein österreichischer Regisseur, der auch schon „Tatort“-Folgen inszenierte und zuvor durch den originellen Zombiefilm „Rammbock“ (vgl. FK-Heft Nr. 50/10) aufgefallen war, und ihm gelingt hier eine markante, atmosphärische Zeichnung des Milieus. Eine zweite Staffel von „4 Blocks“ ist für 2018 geplant.

21.12.2017 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 12/2018

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