Händel und die Champions. Das große Finale des „Händel-Experiments“ (MDR Fernsehen)

Mit Schachsoftware zum musikalischen Erfolg

30.05.2018 • Mit einer musikalischen Matinee, die vom MDR zeitgleich in allen Dritten Fernsehprogrammen der ARD live aus der Georg-Friedrich-Händel-Halle in Halle an der Saale übertragen wurde, ging am 3. Mai der Musikwettbewerb „Das Händel-Experiment“ zu Ende. Bei dem Abschlusskonzert des von der ARD in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Musikrat veranstalteten Musikwettbewerbs für Schüler standen neben Werken des Barockkomponisten auch Schülerkompositionen auf dem Programm, die an diesem Tag vom MDR-Sinfonieorchester uraufgeführt wurden. Was zunächst doch ziemlich abgehoben klingt, ist Ergebnis eines gut durchdachten und erfolgreich umgesetzten musikpädagogischen Projekts. Es war mitnichten darauf aus, vorrangig Ausnahmebegabungen zu entdecken und zu fördern, sondern ist eindeutig der musikalischen Breitenbildung zuzurechnen. Mit dem „Händel-Experiment“ sollten Schüler an die kreative Seite der klassischen Musik herangeführt werden. Dabei wurden ihnen Hilfestellungen angeboten, die die Zugangsschwelle für sie so niedrig wie möglich machten.

Der unter der Federführung des MDR mit Beginn des Schuljahres 2017/18 gestartete, bundesweite Musikwettbewerb wandte sich an Schüler ab der 5. Klasse. Es haben sich über 80 Schulen mit insgesamt 350 Einreichungen beteiligt, unter denen eine Jury sieben auswählte, die dann mit professioneller Hilfe aufführungsreif gemacht wurden. „Das Händel-Experiment“ war das vierte Musikvermittlungsprojekt dieser Art, das die ARD in Kooperation mit dem Deutschen Musikrat seit 2013 durchgeführt hat. In den Jahren zuvor gab es „Das Dvořák-Experiment“, „Das Gershwin-Experiment“ und „Das Vivaldi-Experiment“, von NDR, BR bzw. WDR federführend begleitet.

Das Besondere am „Händel-Experiment“ war, dass diesmal mit „Ludwig3“ eine Software (für Microsoft Windows) zur Verfügung gestellt wurde, mit deren Hilfe es möglich ist, zu komponieren und zu arrangieren: Man erfindet eine Melodie, gibt sie ein und sucht sich dann mit Hilfe des Programms die passenden Akkorde dazu, man kann sogar eine Orchesterbegleitung schreiben. Die von der Firma ChessBase angebotene Software „Ludwig3“ stellt eine Weiterentwicklung der Schachsoftware „Fritz“ da, die von derselben Firma vor rund zehn Jahren erstmals der Öffentlichkeit präsentiert worden war; „Ludwig3“, so hieß es, lehne sich in ihrer Grundlogik an diese Schachsoftware an.

Die Ausschreibungsbedingungen für das „Händel-Experiment“ nannten drei Wettbewerbskategorien, welche die Nutzung der Kompositionssoftware „Ludwig3“ voraussetzen: bei den zu komponierenden Stücken, die jeweils nicht länger als drei Minuten sein durften, sollte es sich entweder (1) um ein Rondo für eine klassische Orchesterbesetzung handeln oder (2) um eine freie Komposition zum Thema Wasser oder (3) um eine Crossover-Produktion, worunter ein Mix unterschiedlicher Musikstile, etwa aus E- und U-Musik, zu verstehen ist.

Im ersten Teil des Abschlusskonzerts kam zunächst aus jeder Kategorie eine Komposition zur Uraufführung, eingereicht von der Oberschule Pegau (Sachsen), der Gesamtschule „Am Schilfhof“ in Potsdam (Brandenburg) und der Ahntalschule Vellmar (Hessen), allesamt Ergebnisse von durch Musiklehrer betreuten Gruppenleistungen. Im zweiten Teil kamen noch das Gymnasium Blankenese (Hamburg), die Realschule Ailingen (Baden-Württemberg), das Burggymnasium Essen (Nordrhein-Westfalen) und das Landesgymnasium Latina in Halle (Sachsen-Anhalt) zum Zuge. Unter diesen Stücken befanden sich zwei Einzelleistungen, eine davon von einem Schüler der 6. Klasse komponiert.

Mit der Übertragung des Abschlusskonzerts aus Halle ehrte man auch die Geburtsstadt Händels, der dort im Jahr 1685 geboren wurde, jedoch seinen größten Ruhm in London erwarb, wo er im April 1759 als englischer Staatsbürger starb. Für das „Händel-Experiment“ wurde allerdings kein neuer, bisher womöglich eher unbekannter Händel entdeckt; vielmehr wurde er hier mit seinen vier populärsten Kompositionen gefeiert. Denn im Abschlusskonzert erklangen seine vier größten ‘Hits’, allesamt aus seiner Londoner Zeit stammend, nämlich:

1.) die Krönungshymne „Zadok the Priest“, komponiert zu den Krönungsfeierlichkeiten Georg II. im Jahr 1727, die seitdem immer wieder bei der Krönung eines englischen Königs erklingt und von der Motive in die offizielle Hymne für die UEFA Champions League aufgenommen worden sind;

2.) der 2. Satz „Alla Hornpipe“ aus der zweiten Suite der „Wassermusik“, einst erklungen beim royalen Bootsausflug auf der Themse im Juli 1717;

3.) die oft gehörte, auch schon als Filmmusik verwendete „Sarabande“ aus der Cembalo-Suite Nr. 4 (d-moll) von 1733 und

4.) das 1741 komponierte „Hallelujah“ aus dem Oratorium „Messiah“ für Chor und Orchester.

Auch die uraufgeführten Kompositionen der Schüler boten wenig Überraschendes, denn sie waren alles andere als experimentell im Sinne der Neuen Musik. Sie waren von eher ruhiger Natur und klangen allesamt recht klassisch-konventionell. Ausgesprochen vielseitig und interessant war allerdings in den Schüler-Kompositionen der Einsatz der Blasinstrumente, hier fanden sich zweifellos die eindrucksvollsten Passagen. Insgesamt wirkten die Stücke jedoch alle stilistisch recht einheitlich. Ist dieser Eindruck nun derselben Software geschuldet, die alle zum Komponieren verwendet haben, oder demselben Arrangeur, der ihre Kompositionen für das MDR-Sinfonieorchester umgesetzt hat? Es könnte natürlich auch Ausdruck eines ähnlichen Erwartungshorizonts gegenüber klassischer Musik unter der heranwachsenden Generation sein.

Das MDR-Sinfonieorchester unter Leitung von Johannes Klumpp spielte die Stücke der Schüler jedenfalls alle sehr sensibel und mit großem lyrischen Unterton, so dass Aufführungen dieser Stücke – zumindest innerhalb der ersten Hälfte des Konzerts – einen eher ruhigen und wohlklingenden Gegenpol zur überwiegend event-orientierten Veranstaltungsdramaturgie bildeten. Die im Fernsehen übertragene Abschlussveranstaltung des „Händel-Experiments“ glich nämlich eher einer Show als einer klassischen Konzertveranstaltung. Denn innerhalb der doch recht kurzen Sendezeit von 45 Minuten wurde neben den musikalischen Darbietungen noch etwa ein halbes Dutzend kurzer Filmberichte eingeblendet, wurden Interviews aus dem Saalpublikum und auf der Bühne geführt, wurde sogar eine vierfache Live-Schaltung gestemmt, dann noch ein YouTube-Video von Marti Fischer vorgestellt, dem ein Live-Auftritt des YouTubers folgte, und schließlich ein Videogruß vom Cheftrainer des Fußball-Bundesligisten RB Leipzig eingespielt.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Mareile Höppner, bekannt als Moderatorin des vom MDR produzierten ARD-Boulevardmagazins „Brisant“. Eine sehr bewegliche Kamera, die während der Musikdarbietungen immer wieder die einzelnen Musiker nah heranholte, ließ ebenfalls keine Langweile aufkommen. Regie führte Carsten Seibt, dessen Firma Streamlive GmbH (Leipzig) die Sendung auch für den MDR produzierte.

Zunächst sollten von der im Januar 2018 tagenden Jury nur drei Einreichungen prämiert werden. Wegen der unerwartet großen Beteiligung am Wettbewerb entschloss sich die Jury jedoch dazu, noch vier weitere Kompositionen auszuzeichnen und somit zur Uraufführung bringen zu lassen. Die Ausweitung geschah allerdings offenbar zu einem Zeitpunkt, als Sendekonzept wie Sendezeit für das im Fernsehen zu übertragende Abschlusskonzert bereits festgelegt waren, so dass man diese vier zusätzlich ausgewählten Stücke darin nicht mehr unterbringen konnte. Die TV-Übertragung endete nach knapp 50 Minuten; das Konzert wurde danach weiter im Internet übertragen, so dass die komplette Veranstaltung schlussendlich auf eine Gesamtdauer von 82 Minuten kam.

Neben dieser das gesamte Musikprojekt krönenden Abschlussveranstaltung liegt die eigentliche musikpädagogische Relevanz des „Händel-Experiments“ in der Vielzahl der kleineren Projekte, die der MDR, aber auch andere ARD-Anstalten in ihren jeweiligen Sendegebieten noch durchführten und die sich oft auch in den Programmen der ARD-Kulturradioprogramme niedergeschlagen haben. So veranstaltete der MDR im Rahmen des „Händel-Experiments“ zahlreiche Lehrerweiterbildungen, Workshops für Schüler und Videotutorials, auch unter Einsatz der beiden prominenten Paten des Wettbewerbs, der Pianistin Ragna Schirmer und des YouTubers Marti Fischer.

Im nächsten Jahr wird es kein unmittelbares Nachfolgeprojekt geben. Das kommt erst im Jahr 2020, dann mit einem veränderten Konzept: nämlich im Rahmen einer von allen ARD-Landsrundfunkanstalten gemeinsam veranstalteten „ARD-Woche der Musik“ (20. bis 26. Januar 2020). Die wird dann dem 250. Geburtstag des 1770 in Bonn geborenen Ludwig van Beethoven gewidmet sein, der Wettbewerb dementsprechend „Das Beethoven-Experiment“ heißen und federführend vom WDR betreut werden.

30.05.2018 – Brigitte Knott-Wolf/MK