Guido Weihermüller: Sechsviertel – Der Ausstieg des Robert Harting (ARD/RBB Fernsehen)

Diskus, Kunst, Ballett

09.08.2018 • Bei der am 12. August zu Ende gehenden Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin hatte er seinen vorletzten Auftritt und endgültig verabschieden wird er sich vom Wettkampfsport am 2. September beim Internationalen Stadionfest (ISTAF), das ebenfalls in Berlin im Olympiastadion stattfindet: Auf diesem Weg zum „Ausstieg“, wie es im Untertitel des Films „Sechsviertel“ heißt, hat der Autor und Regisseur Guido Weihermüller den Diskuswerfer Robert Harting fast ein Jahr lang begleitet. Harting, 33, ist dreimal Weltmeister und einmal Olympiasieger geworden, dreimal hintereinander wurde der Athlet des SC Charlottenburg zu Deutschlands „Sportler des Jahres“ gewählt. Er dürfte der bisher bekannteste deutsche Leichtathlet des 21. Jahrhunderts sein. Man kennt ihn nicht zuletzt dadurch, dass er nach großen Siegen schon mal sein Trikot zerreißt.

Die Dokumentation „Sechsviertel“ – der Titel bezieht sich auf den Bewegungsablauf, in den sich der Abwurf des Diskus einteilen lässt – kreist um die Frage, wie für jemanden, der sich über den Sport definiert und danach jahrelang seinen Alltag ausgerichtet hat, das „Leben danach“ aussehen könnte. Aus den Medien, speziell dem Fernsehen, kennt man Robert Harting als impulsiven, manchmal leicht prolligen und stets meinungsstarken Menschen. In seinen besten Passagen korrigiert der Film dieses Bild zumindest teilweise: Man sieht Harting zum Beispiel beim Ballettunterricht – oder wie er in Berlin von öffentlichen Wänden Plakatschichten abreißt, um aus Teilen davon Kunstwerke zu kreieren.

Anhand von Aufnahmen des „Schönebecker Wurfmeetings“ gelingt es Guido Weihermüller darüber hinaus, das laut Robert Harting „erfrorene Verhältnis“ zu seinem sechs Jahre jüngeren Bruder Christoph, der ebenfalls Diskuswerfer ist, ins Bild zu setzen. Der Zuschauer meint bei diesen Bildern zu spüren, wie sehr die beiden Hartings darauf bedacht sind, aneinander aus dem Weg zu gehen. Dramaturgisch betrachtet profitiert Weihermüller in „Sechsviertel“ – das Porträt gibt es unter webdoku.rbb-online.de auch in einer aufs Netz zugeschnittenen seriellen Version – davon, dass sich sein Protagonist während der Dreharbeiten eine Sehnenverletzung zuzieht, die seine Bewegungsfähigkeit maßgeblich einschränkt: Jedenfalls bezieht die 47-minütige Dokumentation eine gewisse Spannung daraus, dass es lange überhaupt nicht klar ist, ob Harting das Ziel, an der Europameisterschaft 2018 teilzunehmen, überhaupt erreichen kann. Schließlich entscheidet er sich für seinen „letzten Joker“, wie er im Film sagt – eine Behandlung mit Cortison.

Die Basis für die EM-Nominierung im heimischen Berlin schuf Robert Harting erst eine Woche vor der Erstausstrahlung des Films: mit einem dritten Platz bei den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg – und erst am Mittwoch vor der Ausstrahlung im Ersten Programm der ARD (930.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,5 Prozent) nominierte ihn der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) dann auch für die Europameisterschaft. Insofern mussten Weihermüller und sein Drehteam gewissermaßen bis zur letzten Minute an „Sechsviertel“ arbeiten und das merkt man dem Film am Schluss auch an: Er endet abrupt mit Bildern aus Nürnberg. (Eine Woche nach der Ausstrahlung im Ersten wurde der Film im Dritten Programm RBB Fernsehen am Nachmittag wiederholt.)

Zwar kommt Robert Harting in dieser Dokumentation nicht durchweg positiv weg – seine Ehefrau zum Beispiel äußert sich etwas skeptisch zu einigen seiner Kunstwerke und seine Ballettlehrerin sagt, dass ihm für einen Anfänger die Demut fehle –; trotzdem wirkt der Film (Redaktion beim RBB: Jörg Klawitter, Dirk H. Walsdorff) teilweise wie eine allzu kalkulierte Korrektur eines öffentlichen Bildes. Harting studiert in Berlin Gesellschaft- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste – einige kurze atmosphärische Aufnahmen für die Dokumentation sind dort entstanden –, er hat sich auf „Produktentwicklung“ spezialisiert. Man kann davon ausgehen, dass die Person Robert Harting sich viele Gedanken darüber gemacht hat, wie das Produkt Robert Harting in diesem Film rüberkommt (Produktion: Close Distance). Ins Bild passt, dass Guido Weihermüller im Werbe- und Imagefilmbereich aktiv ist – wobei das freilich auch für andere Regisseure von TV-Dokumentationen gilt.

Irritierend ist in diesem Kontext, dass auf sechsviertel.de, der Website zum Film, vier „Partner“ gleichberechtigt aufgeführt sind: neben dem RBB und dem Medienboard Berlin-Brandenburg ein „international führender Anbieter von industrieller Verbindungstechnik“, der Robert Harting sponsert, und die Agentur, die ihn managt. War der Werbepartner eines Protagonisten für den Film etwa so wichtig wie die Redaktion des für den Film verantwortlichen Senders? Es handelt sich hier um eine Grenzüberschreitung, die der RBB eigentlich nicht akzeptieren kann.

09.08.2018 – René Martens/MK

Print-Ausgabe 16/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren