Güner Yasemin Balci: Die große Reise – Seyran Ateş und der Weg zu einem reformierten Islam (ZDF)

Meditative Anmutung

30.09.2019 •

Im Jahr 1984 betrat ein Mann das Berliner Beratungszimmer von Seyran Ateş. Die Rechtsanwältin setzte sich damals für Frauen ein, die Opfer religiös begründeter häuslicher Gewalt geworden waren. In der türkischen Parallelgesellschaft in Deutschland stieß dieses feministische Engagement auf wenig Gegenliebe. Der Mann erschoss eine Mandantin von Seyran Ateş und verletzte die Anwältin lebensgefährlich. Vor Gericht wurde der mutmaßliche Täter später freigesprochen. Dieses Ereignis markiert nicht den einzigen Einschnitt im Leben der deutsch-türkischen Aktivistin.

In „Die große Reise – Seyran Ateş und der Weg zu einem reformierten Islam“ zeichnet Güner Yasemin Balci, renommierte Reporterin und Fernsehautorin mit Schwerpunkt auf Migrationsthemen, ein Porträt der Frauenrechtlerin. Der 90-minütige Film der Berliner Journalistin mit türkischen Wurzeln beleuchtet die unterschiedlichen Motivationen, die dazu führten, dass Seyran Ateş den Islam reformiert sehen will. Im Off-Kommentar erinnert sie sich an ihre Kindheit, ihre Erziehung und ihre Ankunft in Deutschland.

Unterdessen zeigt der Film die Eröffnung des von Ateş initiierten liberalen Berliner Gebetshauses, das in Anspielung an die Islam-Sympathien des deutschen Nationaldichters Johann Wolfgang von Goethe den Namen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee trägt. Parallel dazu wird dokumentiert, unter welch erheblichen Einschränkungen Ateş, die sich zu einer Imamin hat ausbilden lassen, aufgrund ihrer moderaten Kritik an der institutionalisierten Frauenfeindlichkeit des Islams leben muss: Nach etwa hundert Morddrohungen erhält sie nun seit einigen Jahren rund um die Uhr Personenschutz von drei Beamten, die selbst geschützt werden müssen und daher im Film nur verpixelt erscheinen.

Der Film blickt auf Seyran Ateş’ alltägliche Arbeit, die stark geprägt ist durch die Begegnung mit Medien. Dabei zeichnet sich eine doppelte Problematik ab, nämlich Hetze gegen ihre Person und eine gewisse Form von Naivität im Umgang mit ihren Positionen. So zeigt der Film auf der einen Seite, wie Ateş sich einem Reporter aus der Türkei stellt, der vorgibt, er wisse nichts davon, dass seine tendenziösen Berichte im türkischen Fernsehen zu einer Welle obszöner Morddrohungen gegen das liberale Projekt der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee geführt hatten. Auf der anderen Seite empfängt Ateş eine ahnungslose junge deutsche Journalistin, die, wie im Film deutlich wird, es nicht im mindesten für nötig hielt, sich für den Interviewtermin auch nur einige Minuten vorzubereiten.

Zwischen solchen Stressmomenten nimmt der Film sich Zeit, um die Berliner Aktivistin, die sich aus Furcht vor gewaltsamen Nachstellungen nur vermummt aus dem Haus traut, in Momenten der Ruhe und Entspannung zu zeigen. Die Autorin kommt dabei Seyran Ateş recht nahe. Man spürt die Kraft dieser Berlinerisch sprechenden Frau, die aufgrund ihrer Mission frenetischen Anfeindungen ausgesetzt ist. So formuliert beispielsweise ein deutsch-türkischer Schüler, der sich mit anderen jungen Männern zur Diskussion in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee eingefunden hat, seinen Argwohn gegenüber einer weiblichen Person, die predigt. „Mein Auge“, so der Schüler über die für ihn ungewohnte Situation mit einer Imamin, „geht dann automatisch zur Frau.“

Diesem jungen Mann, der sich aufgrund seiner streng-konservativen Erziehung gar nicht vorstellen kann, dass er mit diesem Satz zum Ausdruck bringt, dass er Frauen nur mit einem sexualisierten Blick sieht, entgegnet Seyran Ateş mit überraschender Vehemenz: „Ich habe die Nase voll davon, dass islamische Männer von morgens bis abends nur an Sexualität denken.“ Diese Botschaft steht denn auch im Zentrum des Films, in dem Ateş bewusst differenziert: „Ich kämpfe nicht gegen den Islam, sondern gegen das Patriarchat“. Die Macht dieses Patriarchats erfuhr sie am eigenen Leib. So berichtet die Imamin: „Ich kannte das Wort Nutte, noch bevor ich wusste, was es bedeutet.“ Wenn sie sich daran erinnert, was in ihrer Jugend gleichaltrige deutsche Mädchen durften und was ihr aus religiösen Gründen versagt wurde, dann bekommt sie „noch heute Magengeschwüre“. Aufgrund ihrer Affinität zur deutschen Kultur sei sie damals vom Cousin und vom Vater so oft verprügelt worden, dass sie drei Suizidversuche verübte.

Die Mission von Seyran Ateş, so der Tenor des Films, gliedert sich in zwei Grundaspekte. So positioniert sich die Frauenrechtlerin zum einen gegen jene türkisch-muslimische Community, die ihre liberale Moschee, in der auch Frauen und Schwule beten und predigen dürfen, als Gotteslästerung erachten. Zum anderen ist sie auch immer wieder gezwungen, einer missverstandenen Form von Toleranz zu widersprechen, die das Tragen des Kopftuchs als Selbstbestimmung und Ausdruck religiöser Meinungsfreiheit verkennt. Aus diesem Grund setzt der Film einen Auszug aus einer programmatischen Rede, die Seyran Ateş in Freiburg hielt, an den Schluss: „Wenn ich in einen Gerichtssaal gehe, will ich das Kopftuch nicht sehen. Und es irritiert mich, dass gerade Linke […], die in ihrem Lager für mehr Gleichberechtigung für Frauen kämpfen, dann aber, wenn es um Muslime geht, ein Frauenbild der AfD vertreten.“

Mit „Die große Reise – Seyran Ateş und der Weg zu einem reformierten Islam“ (Produktion: Tellux Film) gelingt Güner Yasemin Balci eine ihrer besten Arbeiten. Ihr vielstimmiger Dokumentarfilm über die zweifache Trägerin des Bundesverdienstkreuzes überrascht durch viele interessante Zwischentöne. So gelingt Balci das Kunststück, einen Film mit einer explizit politischen Botschaft gedreht zu haben, der aber nicht agitiert, sondern eine meditative Anmutung hat.

30.09.2019 – Manfred Riepe/MK

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