Gülseren Ölcüm: Radikale Ideale. 3‑teilige Staffel mit Folgen von jeweils 45 Minuten, Reihe „Next Generation“ (ARD-Mediathek)

Was Menschen wollen

25.08.2021 •

Im Februar dieses Jahres kündigte der Südwestrundfunk (SWR) erstmals die ausschließlich für die Online-Verwertung vorgesehene Dokumentarreihe „Next Generation“ an. Die nun in der ARD-Mediathek abrufbare erste Staffel befasst sich mit Menschen, die aus ihrer Sicht „radikale Ideale“, so der Sendetitel, verfolgen. Zwei weitere Staffeln mit drei bis vier Folgen sind unter den Titeln „100%“ und „Kids & Trouble“ in Planung.

Hinter „Radikale Ideale“ steht die Produktionsfirma Sendefähig GmbH; Gülseren Ölcüm, die Autorin von „Radikale Ideale“, ist dort stellvertretende Redaktionsleiterin. Die Firma produziert auch die Doku-Reihe „Rabiat“ (ARD/Radio Bremen) und die wöchentlichen Reportagen des Y-Kollektivs, die für ‘Funk’ produziert werden, das Online-Jugendangebot von ARD und ZDF. Anders als die genannten Formate richtet sich „Radikale Ideale“ aber an eine etwas ältere Zielgruppe: die 29- bis 49-Jährigen. Die neuen Dokus für den SWR (Redaktion beim Sender: Thomas Michel, Achim Reinhardt, Thomas Schneider) sind ruhiger erzählt und erinnern eher an klassisches Fernsehen.

„Drogen? Legalisieren!“, „Schule? Niemals!“ und „Abtreibung? Ich entscheide!“, so lauten die Titel der drei jeweils 45 Minuten langen Filme, die für die Staffel „Radikale Ideale“ produziert wurden. Es sind Titel, die kurz und knapp aussagen, was die Menschen wollen, um die es in den Filmen geht. Beim Beitrag zum Thema Drogen führt der Titel etwas in die Irre, denn es geht im Film nur um eine Gruppe der Drogen, nämlich die der psychedelischen. Hinzu kommt, dass eine der interviewten Expertinnen, die Medizinerin Andrea Jungaberle, es für irreführend hält, diese psychoaktiven Substanzen überhaupt als Drogen zu bezeichnen, zumal „sie so gut wie kein Suchtpotenzial“ hätten.

Jungaberle hofft, dass Psychedelika bald freigegeben werden – damit man sie für psychotherapeutische Zwecke einsetzen kann, unter anderen bei der Behandlung von Depressiven. Für die Legalisierung von Psychedelika plädieren auch Geschäftsleute, die für 1300 Euro pro Person Wochenend-Veranstaltungen anbieten, die sich an eine Zielgruppe richten, die mit Psychedelika ihre Selbsterfahrung erweitern will. Diese sogenannten Retreats finden derzeit in den Niederlanden statt, weil die psilocybinhaltigen Trüffel, die den Bewusstseinserweiterung Suchenden verabreicht werden, dort – anders als in Deutschland – legal sind. Die Ärztin Jungaberle kritisiert aber Events dieser Art, sie sagt, die Einnahme solcher Substanzen müsse immer medizinisch begleitet werden.

Gülseren Ölcüm bringt im Film „Drogen? Legalisieren!“ ihre eigenen Vorbehalte gegen psychoaktive Substanzen ins Spiel, erzeugt dann aber doch ein bisschen Pseudo-Spannung mit der Frage, ob sie diese nicht doch einmal ausprobieren soll. Den meisten Zuschauern dürfte aber klar sein, dass eine Autorin, die für einen öffentlich-rechtlichen Sender tätig ist, das niemals vor der Kamera tun wird.

Beim Film über die Schulverweigerer – der positiv besetzte Begriff lautet übrigens Freilerner – wird die Autorin auf eine ähnliche Weise persönlich: Wie wird sie sich verhalten, wenn ihr Kind schulpflichtig wird, fragt sie sich. Man lernt im Beitrag „Schule? Niemals!“ Familien kennen, die behördlich nicht gemeldet sind, um all den rechtlichen Problemen aus dem Weg zu gehen, die sich für sie daraus ergeben, dass die Schulpflicht gesetzlich verankert ist. Eine frühere Gymnasiallehrerin, die ihren alten Beruf aufgegeben hat, nachdem ihre Tochter im Alter von zwölf Jahren selbst entschieden hat, zur Freilernerin zu werden, hat sich aber entschieden, sich auf den Streit mit dem Staat einzulassen.

Der Film „Schule? Niemals!“ hat leider formale Schwächen, es gibt zum Beispiel textliche Redundanzen, etwa wenn es darum geht, dass Familien „unter dem Radar“ der Behörden leben. Den stärksten filmischen Gesamteindruck hinterlässt die Folge „Abtreibung? Ich entscheide!“ – wobei manche Zuschauer vermutlich glauben, über das Thema bereits recht gut Bescheid zu wissen. Ölcüm stellt die Materie sehr facettenreich da. Da gibt es zum Beispiel die Sprecherin der Organisation „Jugend für das Leben e.V.“, die hier viel über sich selbst verrät, weil sie sich für das „Gegenfilmen“ entschieden hat. Konkret heißt das, dass die Mutter der Sprecherin des Vereins filmt, wie Ölcüms Team die Autorin dabei filmt, wie sie das Interview mit der Tochter führt. Solche Maßnahmen sind verbreitet in Milieus, die Journalisten misstrauisch bis feindselig gegenüberstehen.

Zu Wort kommen auch die Sprecherin einer Organisation, bei der man Abtreibungspillen bestellen kann, so dass der Schwangerschaftsabbruch alleine zu Hause durchgeführt werden kann – was in manchen Ländern legal ist, in Deutschland aber nicht. Eine Frau, die für ihre zweite Abtreibung eine solche Pille eingenommen hat, sagt, sie habe später das „Knübbelchen“, das vermutlich der Fötus gewesen ist, „ins Klo gespült“.

Der Beitrag „Abtreibung? Ich entscheide!“ hebt sich von den anderen beiden Dokumentationen etwas ab, weil die Gesprächspartner hier zu einem geringeren Teil Privatpersonen sind, sondern fast ausschließlich Funktionsträger oder Personen des öffentlichen Lebens – wie die Ärztin Kristina Hänel, die wider Willen zu einer Symbolfigur geworden ist für eine liberale Abtreibungspolitik.

In den Filmen „Schule? Niemals!“ und „Drogen? Legalisieren!“ redet Gülseren Ölcüm mit ihren Gesprächspartnern auf eine ähnliche Weise, wie man das auch als Privatperson tun würde, wenn man Menschen trifft, die „radikale Ideale“ vertreten. In „Abtreibung? Ich entscheide!“ haben die Gespräche dagegen einen stärkeren Interview-Charakter, hier kommt die Fähigkeit der Autorin, Interviews zu gesellschaftspolitischen Themen mit einer eigenen Note zu führen, sehr gut zum Tragen – wie auch schon in der im Mai 2019 im Rahmen der ARD-Reihe „Rabiat“ gezeigten Dokumentation „Deutschland den Deutschen?“ (vgl. MK-Kritik).

Auf der optischen Ebene zeichnen sich alle drei Filme dadurch aus, dass bei den zahlreichen Video­interviews regelmäßig ein Beamer zum Einsatz kommt. Der Effekt ist: Man sieht in den „Radikale-Ideale“-Filmen die Interviewpartner nicht nur auf dem Computerbildschirm, sondern regelmäßig auch in riesenformatigen, vom Beamer auf eine Wand projizierten Bildern. Das trägt enorm dazu bei, dass diese Gesprächssituationen wesentlich abwechslungsreicher wirken als sonst.

25.08.2021 – René Martens/MK

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