Grit Lederer: Grusel, Glaube und Genie – Gotik! (Arte)

Der zweite Blick

15.05.2021 •

Die Gotik – diese Epoche der Architektur und Kunst des Mittelalters verbinden die meisten Menschen mit den Kathedralen in Frankreich und Deutschland. Der Kölner Dom, ein spätes Kind dieses Baustils, weil erst im 19. Jahrhundert fertiggestellt, gilt als das meistbesuchte Baudenkmal der Republik. Weniger bekannt sind die Entwicklungen in den bildenden Künsten, der Malerei und Bildhauerkunst. Die Werke etwa von Stefan Lochner oder Martin Schongauer, die beide im 15. Jahrhundert lebten, entpuppen sich als überraschend innovativ, vor allem in ihrem Spiel mit den Emotionen der Betrachter. Grit Lederer gelingt es in ihrer Dokumentation „Grusel, Glaube und Genie – Gotik!“, einige Geheimnisse dieser Bildwelten zu entschlüsseln und deren oft erstaunlichen Geschichten zu erzählen.

Einerseits greifen Künstler wie Stefan Lochner, bedeutendster Vertreter der mittelalterlichen Kölner Malerei, die geltende kirchliche Lehre auf und veranschaulichen Hölle, Fegefeuer und ewige Seligkeit, andererseits haben sie neue Maltechniken entwickelt, die Emotionen wecken und deshalb besonders eindrücklich wirken. Grit Lederer und die von ihr befragten Experten in Köln, Berlin und Jena veranschaulichen das beispielsweise an Lochners Gemälde „Weltgericht“ (um 1435), auf dem die Seligen, die „Guten“, das Tor ins Paradies durchschreiten können. Dieses Tor ist der Eingang zu einer gotischen Kathedrale. Die Auserwählten zeigen dem Betrachter den Rücken, er kann sich gleichsam in diese Gruppe einreihen. Dagegen werden die Verdammten, die „Bösen“, von Angesicht zu Angesicht gezeigt, in einer gewissen Distanz, aber doch so, dass die Betrachter sich angesprochen fühlen können. Und das unabhängig vom gesellschaftlichen Stand: Vornehme Damen, Adel, Kirche, Krone – vor der Hölle sind sie alle nicht sicher. Die Botschaft: Es ist besser, du bleibst auf dem richtigen Weg und gibst dich nicht der Trink- oder Spiellust, der Habgier oder Wollust hin. Lochner will, da sind sich die Experten einig, emotionale Ergriffenheit erzeugen.

Der Vorzug der Kamera bei dieser Dokumentation ist es, Einzelheiten hervorzuheben, die beim Museumsbesuch schon aufgrund der Distanz zum Objekt verborgen bleiben. Wer geht schon mit dem Opernglas in eine Ausstellung? Durch die Kameraarbeit wird also der zweite Blick auf das Kunstwerk ermöglicht. Wenn sich in einem Edelstein der Krone der Muttergottes ein Fenster spiegelt, wenn die Fliege auf einem Fass naturgetreu abgebildet ist (wobei man zur Zeit der Entstehung des Bildes die Fliege noch den Vögeln zurechnete), wenn die versteckte Spiegelung von Fenstern, die als Teile der ehemaligen Kölner Synagoge identifiziert werden können, einen Hinweis auf den zu jener Zeit herrschenden Antisemitismus gibt, war doch aus dem ehemaligen Gebetshaus der jüdischen Gemeinde nun eine christliche Kapelle geworden, oder wenn sich der Heiligenschein Mariens als eine astronomische Entwicklung der Mondbilder hin zum Vollmond entpuppt – dann schöpft die Filmemacherin aus den Erkenntnissen der Wissenschaft und macht sie dem unvoreingenommenen Zuschauer zugänglich.

Dabei geht es nicht nur um die Verbreitung der christlichen Lehre, die zur damaligen Zeit vorwiegend aus dem Verbreiten von Drohungen bestand, sondern es gab auch durchaus profane, ja, erotische Erzählungen in der Bildsprache der damaligen Zeit, auch Darstellungen, die man heute als derbe Karikaturen bezeichnen würde. In manchen Bildern tauchen beschriftete Bänder auf, die heutigen Sprechblasen in Comics gleichen. Kunst der Spätgotik – also aus einer Zeit, als Amerika noch nicht entdeckt war und viele die Erde für eine Scheibe hielten – zeigt profane und christliche Motive, Liebespaare und Heilige, Erotisches und Furchteinflößendes.

Die deutsche Malerschule war vor allem beeinflusst von dem Niederländer Jan van Eyck, dem es wohl als erstem gelang, optische Phänomene völlig neu auf die Leinwand zu bannen. Licht wurde neu wahrgenommen und genutzt, um Tiefe in die zweidimensionalen Bilder zu bringen. Tatsächlich waren Kupferstiche etwa von Martin Schongauer Vorbild für die Schnitzkunst des Tilman Riemenschneider. Dämonische Figuren Schongauers sollen auch Michelangelo zu einem Gemälde inspiriert haben. Es entstand, das lernen wir, auch so etwas wie ein „Medienmix“: Tafelmalerei, Kupferstiche, Holzschnitzerei. Man beeinflusste sich gegenseitig. Zudem trat durch die neuen Vervielfältigungsmöglichkeiten von Gutenbergs Druckkunst eine Verbreitung von künstlerischen Werken hinzu, die breite Massen ansprechen konnte.

Das alles vermittelt die Autorin in der knappen Zeit ihrer rund 55-minütigen Dokumentation (Produktion: Medea Film Factory) eindrucksvoll und nachvollziehbar auch für den, der nur wenige Vorkenntnisse besitzt. Zudem spielt sie mit dem Kontrast von Schärfe und Unschärfe, ohne letztere immer aufzulösen. Nicht nur Musik begleitet manche Passagen, sondern auch eine Mischung aus Geräuschen, die nicht genau zu definieren, aber einem Schaben ähnlich sind und die gut zu den jeweiligen Bildern passen. Alles in allem ist dieser Film über die Gotik ein erhellender, lehrreicher Beitrag, den der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) zum Arte-Programm beisteuerte.

15.05.2021 – Martin Thull/MK

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