Gero von Boehm: Helmut Newton – The Bad and the Beautiful (3sat)

Die Geschichte eines Freundes

23.11.2020 •

Am 31. Oktober 2020 wäre der Fotograf Helmut Newton 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass zeigte der Kultursender 3sat auf den Tag genau einen 90-minütigen Dokumentarfilm über den Anfang 2004 im Alter von 83 Jahren in Los Angeles verstorbenen Künstler. Um 20.15 Uhr, einem Sendeplatz, an dem abendfüllende Dokumentarfilme rar geworden sind. „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ entstand als Koproduktion von 3sat mit dem ZDF und wurde in Zusammenarbeit mit der Helmut-Newton-Stiftung von der Produktionsfirma Lupa Film hergestellt, zu deren Geschäftsführertrio auch Filmautor Gero von Boehm zählt.

Mit Gero von Boehm zeichnet ein ausgewiesener Newton-Kenner für diesen Dokumentarfilm verantwortlich. Er interviewte Helmut Newton für sein Buch „Begegnungen. Menschenbilder aus drei Jahrzehnten“ (Collection Rolf Heyne, München 2012), er widmete Newton eine Ausgabe seiner früheren 3sat-Sendereihe „Gero von Boehm begegnet…“, drehte 2002 den Porträtfilm „Helmut Newton – mein Leben“ (Arte/ZDF). Boehm verfügt also bereits über einen beachtlichen Materialfundus; zudem hat er Newton und dessen Ehefrau und enge Mitarbeiterin June Newton in wechselnden Lebensphasen unmittelbar begleiten können. Eine eher ungewöhnliche Nähe zwischen Dokumentarfilmer und Hauptfigur. In der Ankündigung zu einem in der ZDF-Mediathek zu findenden Beitrag des Kulturmagazins „Aspekte“ heißt es dementsprechend: „Der Dokumentarfilmer Gero von Boehm erzählt nun in ‘The Bad and the Beautiful’ die Geschichte seines Freundes Helmut Newton.“

Der Film beginnt mit einem Fototermin. Hoch über Los Angeles, vor Nachthimmel und haushohen Leuchtreklamen, setzt Helmut Newton eine unbekleidete Frau in Szene. Aus dem Off ist June Newton zu hören: „Er liebt große Frauen. Statuen. Gemälde. Skulpturen. Lebende Frauen. Vor allem lebende. Denn die kann er steuern. Jeden einzelnen Muskel kann er kontrollieren.“ Dann der Originalton, die Anweisung des Fotografen für sein Modell: „Du schaust freundlich. Das ist das Letzte, was ich will.“

Das Thema ist gesetzt: Helmut Newton und seine Aktaufnahmen. Newton fotografierte Werbemotive und Mode, auch porträtierte er – in einem kurzen Bilderreigen wird darüber informiert – prominente Zeitgenossen wie die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher, den Schauspieler, Regisseur und Fotografen Dennis Hopper, die Schauspielerinnen Elizabeth Taylor und Isabelle Huppert, den Sänger und Musiker David Bowie, die Regisseurin und Fotografin Leni Riefenstahl.

Seinen Bekanntheitsgrad und seine Notorietät aber verdankte Newton seinen Aktfotos. Und das nicht zuletzt deshalb, weil er, was Gero von Boehm mit passenden Szenen veranschaulicht, mit bübischer Freude provozierte. Newton beschrieb sich gern als „Schlingel“, seine Frau June, die unter dem Namen Alice Springs ebenfalls vorzügliche Foto­arbeiten vorlegte, nennt ihn „unartig“. In der Fotografie, so eines von Helmut Newtons Bonmots, gebe es nur zwei „schmutzige“ Begriffe: „Kunst“ und „guter Geschmack“.

Schon zu Lebzeiten stand Newton in der Kritik, wenn er Frauen mit einem Sattel auf dem Rücken fotografierte, in Ketten oder, angelehnt an die altgriechische Sage von Zeus und Leda, in zweideutiger Pose mit einem (ausgestopften) Schwan. Dennoch erscheinen die Frauen oft streng, stark und überlegen – das Newtonsche Paradox, ein Ausweis seiner Meisterschaft. Diese Aktfotos waren nur ein Teil seines Schaffens, aber der spektakulärste und umstrittenste.

Gero von Boehm vermeidet den geschlechterpolitischen Diskurs und konzentriert sich auf die Ästhetik, dabei um den jeweiligen persönlichen Kontext bemüht. Zu Wort kommen im Film prominente Frauen, die für Newton vor der Kamera standen, die Schauspielerinnen Charlotte Rampling, Hanna Schygulla, Isabella Rossellini, Grace Jones und Marianne Faithfull, ferner die früheren Star-Models Claudia Schiffer und Nadja Auermann. Die Gesprächspartnerinnen stimmen darin überein, dass sie sich nicht degradiert fühlten. Für Grace Jones entsprach die Arbeit mit Newton der Schauspielerei. „Wie im Film“ sei es gewesen, wenn Newton die richtige Pose und, Merkmal seiner Arbeiten, nach dem richtigen Licht suchte. Auch berichten alle von Newtons Leichtigkeit und seinem Humor, die den Aktaufnahmen jede Peinlichkeit und jede Anrüchigkeit nahmen.

Kenntnisreich und analytisch äußert sich Marianne Faithfull. Sie erinnert an Newtons Sozialisation in der Weimarer Republik und vergleicht ihn, der 1920 in Berlin geboren wurde und ursprünglich Helmut Neustädter hieß, mit George Grosz. Isabella Rossellini erkennt den Einfluss der Filmemacherin, Fotografin und NS-Propagandistin Leni Riefenstahl. Durch Boehms geschickte Montage passenden Archivmaterials liefert Newton selbst eine Antwort. Der Nachhall der Riefenstahl-Ästhetik sei „normal“. „Ich bin damit aufgewachsen“, sagt er: „Und mit dem Bewusstsein, dass einen die Nazis in ein Konzentrationslager bringen konnten, wenn man bei Rot die Straße überquerte.“

Newton hat später die hochbetagte Riefenstahl porträtiert. Eine pikante Konstellation, die im Film keine Vertiefung erfährt. Stattdessen nimmt Boehm den biografischen Faden auf. In Berlin, wo Newton heute auf eigenen Wunsch begraben liegt, absolvierte er ab 1936 eine Ausbildung bei der Fotopionierin Yva alias Else Neuländer-Simon, die 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet wurde. Newton, ebenfalls Jude, floh über Triest nach Singapur, wo er als Pressefotograf versagte, weil er, so sein eigenes Urteil, als gelernter Studiofotograf für Reportage-Aufträge zu langsam war. In Australien lernte er seine Ehefrau und Geschäftspartnerin June kennen und eröffnete sein erstes Fotostudio.

Den Weg von dort zum international gefragten Star-Fotografen spart Gero von Boehm leider aus. Ein weiteres Manko: Es kommt keines jener weniger namhaften Fotomodelle zu Wort, die für Newton gearbeitet haben. Ob sie in ähnlicher Weise empfinden wie Charlotte Rampling, Isabella Rossellini oder Grace Jones?

Eines vermittelt der Film primär auf der Bildebene, für Laien wäre eine ergänzende Erläuterung vielleicht hilfreich gewesen: Newtons Arbeiten verdanken ihren besonderen Charakter nicht zuletzt dem Umstand, dass er, wie in Deutschland Charles Wilp, vorzugsweise mit natürlichem Licht arbeitete, ebenso der Materialität analoger Filme und Fotopapiere, die erkennbar in Kontrast steht zur oft aseptisch wirkenden, eher künstlichen denn künstlerischen Ästhetik digital aufgenommener und bearbeiteter Fotografien.

„Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ ermöglicht eine erste Begegnung mit den Werken und den Biografien der Fotokünstler Helmut und June Newton alias Alice Springs, erklärt deren fotografische Besessenheit, die auch das eigene Leben inklusive intimster Momente wie Klinikaufenthalte mit einbezog, bleibt aber bruchstückhaft und lässt noch Raum für intensivere Auseinandersetzungen. Als Kino-Koproduktion ist „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ nicht in der 3sat-Mediathek abrufbar. Das ZDF hat die Ausstrahlung einer kürzeren Version des 90-minütigen Films (der inzwischen auch auf DVD erhältlich ist) für das Frühjahr 2021 in Aussicht gestellt.

23.11.2020 – Harald Keller/MK

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