Georg Bussek/Bettina Herzer: Der Goldene Tabaluga 2015 – Held ohne Geld. 8-teilige Doku-Soap für Kinder (Kika)

Alltagsbeschreibung mit Gesang

30.10.2015 •

30.10.2015 • Für diese Produktion muss man wohl eine neue Genre-Bezeichnung ersinnen. Musikal-Doku-Soap – ähnlich der Bezeichnung Musikalclown – trifft es am besten. Es ist eine schöne, besonders für Kinder geeignete Formatidee. „Held ohne Geld“ lief im von ARD und ZDF veranstalteten Kinderkanal (Kika) unter der 2011 als Doku-Sendeplatz eingeführten Dachmarke „Der Goldene Tabaluga“ und in Zusammenhang mit dem diesjährigen Kika-Themenschwerpunkt „Kinderarmut in Deutschland“. Als Wiederholungen waren die jeweils 25-minütigen Folgen von „Held ohne Geld“ (Produktion: E+U TV/Alexander Freisberg) im ZDF-Hauptprogramm samstags um 5.35 Uhr im Rahmen von „ZDF tivi“ sowie, ergänzt um weitere Materialien, im Kika-Web-Angebot zu sehen. Die achtteilige Reihe begleitet sechs Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren, deren Familien am Existenzminimum leben und meist auf Arbeitslosengeld II, vulgo Hartz IV, angewiesen sind. Mit entsprechenden Konsequenzen für die Kinder.

Die 13-jährige Fine aus Potsdam beispielsweise registriert ausgesprochen feinnervig, wenn das Geld knapp zu werden beginnt. Sie merkt es an der Reizbarkeit der Eltern, den gehäuften Streitereien, dem verbissenen Schweigen. Der 16-jährige Siby aus Berlin kann sich darüber empören, dass sein aus Kuba stammender Vater, ein Entertainer, viel Kraft aufwendet und dennoch den Lebensunterhalt nicht verdienen kann. Isi aus Mecklenburg-Vorpommern, ebenfalls 16, trägt Punk-Look und Nieten in Lippe und Nase – womöglich trotziges Wappnen gegenüber einer Umwelt, die mit Verachtung auf verarmte Mitbürger herabschaut. Isi kauft ihre auffällige Kleidung in Second-Hand-Läden und näht sie nach eigenem Gusto um.

In späteren Folgen treten noch der 16-jährige Shawn aus Berlin-Hellersdorf, das 13-jährige Zirkuskind Kimberly und die aus dem Libanon stammende 18-jährige Amina hinzu. Alle Kinder haben gelernt, mit wenig Geld auszukommen. Tapfer behaupten sie ihren Status gegen besser gestellte Mitschüler, die ihnen mitunter mit beißendem Spott begegnen. Und doch wird der kindliche Schmerz kenntlich, wenn Fine mit ihrer Cousine auf Einkaufstour durch Hamburg bummelt, auf der Suche nach einer Sommerjacke, die nicht mehr als 15 Euro kosten darf – ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Fine hat schon resigniert, sucht ihre Enttäuschung zu überspielen. Dann aber überredet ihre Cousine sie zum Kauf einer dünnen Jacke, die Fine gefällt, und gibt den fehlenden Betrag dazu. Im Zuge ihres Ausflugs stoppen die beiden Mädchen auch vor dem Schaufenster eines Reisebüros. Fine war noch nie verreist. Und selbst zu Sonderangebotspreisen wird ihr dies auch vorerst nicht vergönnt sein.

Solche Szenen sind ergreifende Momente, aber die Autoren – neben Georg Bussek und Bettina Herzer gehören vier weitere zum Team – zielen nicht auf den Affekt. Es wäre verlogen, den Kindern keine Traurigkeit zuzugestehen, doch schon allein, wie sie sich voller Lebensmut den widrigen Umständen stellen, lässt sie – dem Titel entsprechend – zu Helden des Alltags werden. Umso mehr, als sie sich für andere einsetzen. Isi engagiert sich für Straßen- und Flüchtlingskinder, Siby arbeitet ehrenamtlich in einer Suppenküche. Fine backt mit Freundin Vanessa aus selbst finanzierten Zutaten einen Kuchen für das Schulfest; der Erlös geht an die Klassenkasse. In einer späteren Folge baut sie einen Flohmarktstand auf und verkauft überschüssige Dinge aus eigenem Besitz zugunsten des Jugendtreffpunkts „Arche“. Da streifen sich zwei der sonst getrennt erzählten Handlungsstränge, denn für Shawn ist, wie er selbst sagt, die „Arche“ eine Art zweites Zuhause. Hier geht er essen, weil beide Eltern tagsüber arbeiten.

Erzählt wird nach Art der Doku-Soap in knappen Sequenzen und schnellem Wechsel zwischen den Protagonisten. Den Begriff Doku-Soap darf man hier wohl nicht im engeren Sinn anwenden, denn manche Begebenheit wirkt arrangiert, wenn nicht inszeniert, abzulesen unter anderem an Kameraeinstellungen wie jener, die Siby aus dem Inneren eines Kleiderregals zeigt, während er die passende Garderobe für eine Party auswählt. In die dokumentarischen Alltagsbeschreibungen eingebettet sind Musikclips der Jugendlichen. Darin singen sie maßgeschneiderte, unter ihrer Mitarbeit entstandene Texte zu Kompositionen, die ihrem Musikgeschmack entsprechen. Diese Clips wurden gesondert mit einem eigenen Kameramann gefilmt, nehmen Merkmale des Musikvideos auf, korrespondieren aber stets mit der Lebenssituation des betreffenden Protagonisten. Zum Teil wirken im Hintergrund Freunde oder Freundinnen mit.

Mit diesen musikalischen Einsprengseln lassen sich gleich mehrere Ziele erreichen. Sie erhöhen für die Zielgruppe den Unterhaltungswert, bieten, didaktischer Praxis folgend, eine Art Zusammenfassung und Zuspitzung der dokumentarischen Sequenzen und sie tragen dazu bei, dass die Protagonisten nicht in einer Opferrolle, sondern als selbstbestimmte Akteure wahrgenommen werden – ein wertvolles Moment insbesondere für jene jungen Zuschauer, die sich vielleicht in einer ähnlichen Situation befinden und hier positive Identifikationsfiguren geboten bekommen.

Die achte und abschließende Folge der vorbildlich gemachten Reihe endet mit den Zukunftswünschen der sechs Helden. Sie äußern keine verstiegenen Ansprüche, sondern hoffen auf ein aus eigener Kraft zu finanzierendes auskömmliches, einfaches Leben. Und auf Verständnis für jene, die es in unserer Gesellschaft, aber auch jenseits der deutschen Grenzen weniger gut getroffen haben.

30.10.2015 – Harald Keller/MK

` `