Gätjens großes Kino. Monatliches Kinomagazin mit Steven Gätjen (ZDF/ZDFneo)

Instanzverlust

19.09.2018 • Eigentlich keine schlechte Idee: Das deutsche Fernsehen braucht mal wieder eine Instanz in Sachen Kino. Lang ist’s her, dass ein Hellmut Lange in dem Quiz- und Informationszwitter „Kennen Sie Kino?“ (ARD, 1970 bis 1980) vom Charakterdarsteller zum Gesicht und zur Instanz in Sachen Film und Filmgeschichte avanciert war. Kaum noch jemand weiß, dass der große Literaturkritiker Helmuth Karasek auch im Fernsehen gerne zurate gezogen wurde, wenn es darum ging, mal etwas Fundiertes zum Thema Kino zu sagen. Und die Zeiten, dass ein Hans-Ulrich „Pöni“ Pönack im „Sat-1-Frühstücksfernsehen“ polarisierend, aber medien­wirksam über Wohl und Wehe eines Neustarts polterte, sind seit 2015 ebenfalls vorbei. Warum also nicht „Gätjens großes Kino“ im ZDF?!

Der 1972 in den USA geborene, hierzulande im Musikfernsehen MTV und bei Pro Sieben groß gewordene Moderator Steven Gätjen hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er im Filmgeschäft mit den Großen will und kann. Der Kinofilm ist seine Leidenschaft und als Live-Reporter (Pro Sieben) vom roten Teppich der alljährlichen Oscar-Verleihung hat er ein ums andere Mal bewiesen, dass er selbst mit den Megastars auf Augenhöhe smalltalken kann. Und als er Moderator war bei „Schlag den Raab“ (Pro Sieben, 2011 bis 2015), durfte man wohlwollend zur Kenntnis nehmen, dass er auch einer „Diva“ wie Stefan Raab gut Contra geben kann. Beste Voraussetzungen also für eine eigene Kinosendung, die mit Interviews und Analysen einmal im Monat eine Auswahl der Neustarts dem geneigten Publikum kredenzt.

Seit seinem 2016 vollzogenen Wechsel zum ZDF ist klar, dass Steven Gätjen zu einem der Vorzeigegesichter des öffentlich-rechtlichen Senders aufgebaut wird. Und so ist natürlich auch ein Kinomagazin mit Gätjen nur zum Teil ein Magazin über Kino. Schon im Sendetitel und somit auch im Vorspann von „Gätjens großes Kino“ wird ersichtlich, dass hier ein bisschen auch der Moderator der Star sein soll. Personality-Show mit Samstagabend-Unterhaltungswert, das ist hier der Kniff. Angesichts der gerade einmal zwanzigminütigen Lauflänge des Magazins ist das aber auch ein mutiges Unterfangen, wenn man dabei noch über eine Handvoll Filme berichten will.

Doch das Konzept ist durchaus praktikabel. Gätjen fungiert gleich mehrfach sozusagen als roter Faden. Zum einen spricht er mit den Filmemachern, er formuliert die Kritiken und begleitet durch Geschäft und Glamour. Und zum anderen gestaltet er stets einen Schwerpunkt in jeder Ausgabe, indem er in „Sendung-mit-der-Maus“-Manier jeweils Standards aus der Filmbranche erklärt. So darf er an einem Set ein klein wenig mitschauspielern, darf bei den Synchronisationsarbeiten eines Trickfilms glänzen, darf in einem Fan-Film eine tragende Rolle einnehmen und er darf auch mal zeigen, wie das so geht, wenn Journalisten nach Paris oder London geflogen werden, um dort fließbandgleich „exklusiv“ in noch exklusiveren Hotelsuiten auf die Tom Cruises der Branche zu treffen.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie der Moderator mit der Branche auf Du und Du ist. Das ZDF bewirbt die Sendung nicht umsonst mit dem Slogan: „Er kennt die Stars – und die Stars kennen ihn.“ Es ist zudem ja durchaus interessant, mal einen sehr plastischen Blick hinter die Kulissen zu bekommen. Doch wo bleibt der eigentlich auch postulierte kritische Blick? Der kommt zwar vor, doch in erster Linie durch die rosarote Brille des Boulevards. „Steven Gätjen ist der Mann fürs Kino. Für die Liebe zum Film“, so das ZDF. In seinen aus dem Off formulierten Texten zum von den Verleihfirmen autorisierten Bildmaterial geht der Film-„Anchorman“ durchaus schon mal hart ins Gericht mit einer Produktion. Da ist von dünnen Storys, von überforderten Schauspielern und dem gegenüber dem Original flacheren zweiten Teil die Rede. Dabei ist es jedoch bemerkenswert, wie der Journalist chronisch über die kurz angemerkten Schwächen hinwegerörtert und er am Ende versöhnend ein höchst amüsanter, mitreißender, toll performter, actiongeladener oder nachdenklich stimmender, irgendwie unterhaltsamer und sehenswerter Film herauskommt.

Am Ende siegt eben doch immer wieder die besagte „Liebe zum Film“. Oder das Marketingkonzept der Verleiher? Denn kritischer Journalismus ist schwer, wenn man auch weiterhin, wie immer betont wird, „exklusiv“ vom Set berichten und mit den Großen sprechen will. Da ‘kleines Kino’, sprich Filmkunst per definitionem, bei Gätjen eher eine Randnotiz darstellt und man es sich mit den Großen nicht verscherzen will, bleibt eben nur die Berichterstattung im Stil der bunten Blätter. Dazu passt, dass die Ausgaben von „Gätjens großes Kino“, nach ihrer nächtlichen Erstausstrahlung im ZDF-Hauptprogramm (mal dienstags, mal donnerstags), vom Spartensender ZDFneo zu den unterschiedlichsten Sendezeiten wiederholt werden, bis zu zwölfmal im Monat wird das Neo-Programm so noch ein bisschen bunter. Die nächste neue Ausgabe im ZDF gibt’s am 27. September (Donnerstag) um 0.30 Uhr.

Bezeichnenderweise „verrät“ eine ausländische Kollegin beim Interview-Junket in Paris zu „Mission: Impossible – Fallout“ Steven Gätjen ungewollt ihr Geheimnis, warum sie auf gut 200 Reisen dieser Art im Jahr kommt. Das Zauberwort heißt „Promotion“! Und das hat nun mal bekanntlich nichts mit kritischer Auseinandersetzung zu tun. So haben wir also in der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung übers Kinos zwar endlich wieder ein Gesicht, doch auf die Instanz müssen wir weiter warten.

19.09.2018 – Jörg Gerle/MK