Gabriele Walther/Marcus Hamann/Franziska Meyer-Price/Michael Zens: Pan Tau. 14‑teilige Serie (ARD/WDR/MDR)

Der Magier auf dem E-Scooter

16.11.2020 •

Der Junge auf dem Spielplatz weint bitterlich. Sein Schluchzen ist so herzzerreißend, dass man es bis in den Tiefen des Weltraums vernimmt. Ein elegant gekleideter Herr mit Melone und Regenschirm, der mit seinem kleinen Raumschiff durchs All kreuzt, erhört die Klage. Flugs nimmt er Kurs auf die Erde, um sich nach dem Jungen zu erkundigen. Es stellt sich heraus, dass der kleine Kerl einen prachtvollen Schlitten geschenkt bekommen hat. Aber leider gibt es keinen Schnee! Kein Problem für Pan Tau. Der Magier dreht einmal an seiner Melone, woraufhin der Junge und seine Freunde durch ein Loch in einen Schneehaufen kriechen. Und schwupps befinden sie sich auf einer tollen Rodelbahn.

Mit solch liebenswürdigen Tricks verzauberte der tschechische Darsteller Otto Šimánek als „Pan Tau“ („Herr Tau“) in den späten 1960er und 1970er Jahren das jugendliche Fernsehpublikum (übrigens in beiden deutschen Staaten). Ota Hofman und Jindřich Polák, die Schöpfer der vom WDR koproduzierten Serie, schufen mit dem schweigsamen, nur pantomimisch kommunizierenden Zauberer eine schillernde Kunstfigur, die zwischen der Welt der Kinder und dem von Routine geprägten Alltag der Erwachsenen auf schelmische Weise vermittelte. Die ebenso einfache wie wirkungsvolle Bildsprache der „Pan-Tau“-Serie steht in der Tradition des tschechoslowakischen Kinos, das Größen wie Jiří Menzel und Miloš Forman hervorbrachte.

Nun versucht der WDR (unter Beteiligung des MDR) diese Sternstunde der deutschen (bzw. deutsch-tschechoslowakischen) Fernsehgeschichte neu zu beleben. Die Idee dazu stammt von Gabriele Walther, Chefin der Münchner Produktionsfirma Caligari Film, und deren Producer Marcus Hamann, die auch beide zum insgesamt siebenköpfigen Team der Drehbuchautoren zählen. In der von ihnen neu konzipierten „Pan-Tau“-Reihe verkörpert der 37-jährige britische Zauberkünstler und Illusionist Matt Edwards den stummen Helfer Pan Tau nicht mehr so onkelhaft wie einst Otto Šimánek. Er ist eher so etwas wie der verspielte große Bruder der jugendlichen Protagonisten.

„Pan Tau“ wird im Ersten sonntagvormittags im Rahmen des Kinderprogramms „Check Eins“ ausgestrahlt, jeweils in inhaltlich zusammenhängenden Doppelfolgen. Die Neuausrichtung der Serie, die nun weniger Kinderfernsehen als Familienunterhaltung ist, spielt an einer typischen britischen Schule, an der die Kids Schuluniformen tragen. Vor der Kamera stehen vorwiegend britische Schauspieler. Gedreht wurde auf Englisch. Dies sei, so Gabriele Walther in einem Interview, vorteilhaft für die internationale Vermarktung der aufwendig produzierten Serie. In Episodenrollen sind allerdings auch bekannte deutsche Darsteller zu sehen, darunter Armin Rohde, Bettina Lamprecht und Sophie von Kessel.

Das Problem der Neuadaption, bei der die Grimme-Preisträgerin Franziska Meyer-Price („Berlin, Berlin“/ARD) und Michael Zens Regie führen, springt unmittelbar ins Auge. Die Figur des Pan Tau, die beim älteren Publikum durch die Ursprungsserie noch einen recht hohen Bekanntheitsgrad hat, ist der heutigen Zielgruppe, die mit dem Internet aufgewachsen ist, völlig unbekannt. Daher muss das Konzept bereits im Vorspann miterklärt werden. Wo die Originalserie den Betrachter mit magischem Realismus in eine Parallelwelt entführte, ist in der Neuadaption eine aufdringliche Frauenstimme wie aus einem Werbespot zu hören. Auf plakative Weise erläutert sie, um was es geht: „Wer Pan Tau ist? Manche sagen, er ist ein Alien. Oder ein Zauberer von einem anderen Stern.“

Bereits diese Ansprache wirkt so prätentiös wie die gesamte erste Doppelfolge. Karlotta (Hannah Chinn), die vom Lesen nicht begeisterte Tochter einer Buchhändlerin, wird von Pan Tau in das fiktive Geschehen eines Fantasy-Romans versetzt. Um sich hier zurechtzufinden, gibt es nur eine Möglichkeit: Karlotta muss lesen. Die pädagogische Intention ist löblich. Doch der Versuch, den Melonenmann mit der „Harry-Potter“-Welt zu assoziieren, funktioniert leider nicht. Das Szenario um eine Ritterburg erscheint so unbeholfen wie abgefilmtes Laienspieltheater.

Immerhin etwas flüssiger inszeniert ist die folgende Doppelepisode über die Schülerin Kat (Bethany Billy), die von einer Gruppe zickiger Influencerinnen gemobbt wird. In dieser Folge, in der auch die deutsche Schauspielerin Valerie Niehaus in einer Episodenrolle dabei ist, sind wenigstens die Charaktere etwas sorgfältiger gezeichnet. Allerdings wird auch hier das konzeptionelle Problem der versuchten Modernisierung vollends offenbar: Pan Tau, der Charakter der Originalserie, ist eine Figur aus der analogen Welt. Dort hilft er gepeinigten Seelen, indem er auf wundersame und stets humorvolle Weise für Entschleunigung sorgt.

In der hektischen Welt von Social Media, Vernetzung und Klickzahlen wirkt der Mann im schwarzen Anzug nun aber wie ein Fremdkörper. Wenn Pan Tau 2.0 etwa Kat und ihrer Freundin dabei hilft, den Laptop der bösen Influencerinnen zu hacken, dann wird eines deutlich: Die Schnittstelle zwischen Digitalisierung und Zauberei funktioniert nicht so wirklich, die Magie geht verloren

In einer Szene reicht Pan Tau der Schülerin Kat aus dem Smartphone heraus eine Rose. Und in Folge 13 unternimmt der Zauberer mit einem im Rollstuhl sitzenden Mädchen eine Reise in die Rokoko-Welt eines im Museum hängenden Gemäldes. Für sich genommen sind das charmante szenische Ideen. Ungewollt zeigen sie aber eins umso deutlicher: In der Welt der Pixel, Algorithmen, aufpoppenden Bildschirme, Drohnen und des Smart Home verliert der Melonendreher jegliches Geheimnis. Pan Tau auf dem E-Scooter? Pan Tau als DJ? Der stumme Magier erscheint in der Neuverfilmung der Serie so fehl am Platz wie ein Astronaut am Hof von König Arthur.

16.11.2020 – Manfred Riepe/MK

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