Friedrich Ani/Ina Jung/Vivian Naefe: Das Quartett – Der lange Schatten des Todes (ZDF)

Zwischen Krimikonvention und Interpretation

31.10.2019 •

Zu nachtschlafender Zeit klappert ein blonder junger Mann mehrere Wohnungen ab, sammelt Beifahrer ein. Drei an der Zahl, einen Mann, zwei Frauen. Knappe Grüße, wenig Worte, entschlossene Blicke. Eine konspirative Atmosphäre. Eine Verbrecherbande unterwegs zum nächsten geplanten Coup?

Die Frage bleibt nicht lange in der Schwebe. Bei den Vieren handelt es sich um Kommissare der Leipziger Kriminalpolizei-Inspektion, die zu einer speziellen Einheit, der Mordkommission K14, zusammengefasst wurden. Sie sind unterwegs zu einem Auffindeort. Am Flussufer liegt eine männliche Leiche. Routiniert nehmen die Polizisten ihre Arbeit auf. Sichern Spuren, sprechen mit der Zeugin, die den Toten während einer sportlichen Radrundfahrt entdeckt hatte. Sie will endlich nach Hause, duschen, um acht Uhr muss sie auf ihrer Arbeitsstelle sein. Daraus wird nichts, die Protokollaufnahme geht vor.

Ein Zeitraffer setzt ein und fasst das Weitere zusammen, bis zum Abtransport der Leiche. Die Ermittler sind weg, nur Hauptkommissar Linus Roth bleibt zurück. Er erstellt einen Scan des Umfeldes. Die Basis einer Computersimulation, die es den Kollegen erlaubt, den Schauplatz später noch einmal in Augenschein zu nehmen. Ein nützliches Hilfsmittel, wie sich zeigen wird.

Mit „Das Quartett“ hat das Autorenduo Friedrich Ani und Ina Jung für das ZDF ein neues Krimikonzept für eine Fernsehfilmreihe entwickelt, das laut einer Pressemitteilung des Senders insofern konsekutive Elemente beinhalten wird, als das Publikum erst nach und nach mehr über die Biografien der Hauptfiguren erfahren wird. Der Auftaktfilm mit dem etwas beliebigen Zusatztitel „Der lange Schatten des Todes“ (Regie: Vivian Naefe, Produktion: Akzente) führt die Protagonisten hinreichend ein und schürt Erwartungen auf die Fortsetzung mit dem (Arbeits-)Titel „Immer schön grüßen“, die redaktionsseitig bereits abgenommen ist.

Das Konzept von „Das Quartett“ erinnert ein wenig an „München Mord“, eine seit 2014 ebenfalls am Samstagabend um 20.15 Uhr ausgestrahlte ZDF-Krimireihe, die zwar nicht von Friedrich Ani und Ina Jung erdacht, aber von beiden schon mehrfach mit Episoden-Drehbüchern beliefert wurde. Dort ermittelt eine Trias von Ermittlern mit ausgesprochen spleenigen Charaktereigenschaften. Die Eigenarten der Leipziger Kriminalisten sind demgegenüber weniger schrullig, sondern alltäglicher angelegt, aber nichtsdestoweniger markant. So bedarf etwa Kriminalhauptkommissarin Maike Riem (Anja Kling), Teamleiterin des Quartetts, zwingend der innerlichen und äußerlichen Reinigung in einem Hamam, nachdem sie „einer Leiche nah war“.

Maike Riem ist der Idealtypus für eine Führungsposition, vermag sich gegenüber Vorgesetzten, Zeugen und der Öffentlichkeit diplomatisch zu verhalten und verfügt über Empathie. Sie weiß: „Opfer und Angehörige haben immer lebenslänglich.“ Zweite Frau im Viererbund ist Pia Walther (Annika Blendl). Sie ist taff, bisweilen aufbrausend, greift schnell zur Dienstwaffe. Normalerweise hat sie sich unter Kontrolle. Jedoch wirken leidvolle Erfahrungen aus ihrer Vergangenheit immer noch nach und es gibt Dinge, die sie zu einer Affekthandlung verleiten könnten – ein konstantes Spannungsmoment, das an die Figur gebunden ist und damit über die Einzelepisode hinausreicht.

Die beiden Männer im Kriminalisten-Quartett sind Oberkommissar Christoph Hofherr (Shenja Lacher) und der schon erwähnte Hauptkommissar Linus Roth (Anton Spieker). Hofherr ist russischer Herkunft, ein Familienmensch und bedächtiger Ermittler, dabei nicht frei von Selbstzweifeln. Als ihn eine Zeugin anherrscht, er solle „nicht den Pfau raushängen“ lassen, gerät er wegen des vermeintlichen Fehlverhaltens ins Grübeln und sucht sogar den Rat der Chefin. Roth wird als Techniker der Gruppe gelegentlich Zielscheibe freundlicher Spötteleien. Man sieht ihn selten ohne Kamera; er ist ein gewissenhafter Dokumentarist, oft hochkonzentriert. Weshalb Kollege Hofherr ihn einmal „Rain Man“ nennt, nach dem von Dustin Hoffman gespielten Autisten im gleichnamigen Kinofilm.

Friedrich Ani und Ina Jung kombinieren in „Das Quartett“ realistisch gezeigte Polizeitätigkeit und avancierte Ermittlungstechniken mit einer Konstellation von eindeutiger Künstlichkeit. Wenn es ein Delikt aufzuklären gibt, wird die Dienststelle der eingeschworenen Gemeinschaft zu einer Art Krisenzentrum. Hier essen sie, haben Fitnessgeräte aufgestellt und sie übernachten sogar in den Räumen, wenn es nötig ist – es mutet fast wie eine WG an. Kriminalhauptkommissarin Riem ist geschieden. Es bedarf keiner großen Erklärung. Man kann sich denken, warum.

Kollegen, Zeugen und Verdächtige sind in der „Quartett“-Debütfolge (5,96 Mio Zuschauer, Marktanteil: 20,1 Prozent) allesamt mehr als Staffage. Selbst Randfiguren treten nuanciert in Erscheinung, werden mit biografischen und charakterlichen Details ausgestattet. Mit auffälligen Auswirkungen auf die schauspielerischen Darbietungen: Buch und Regie geben den jeweiligen Darstellern das Material und den Raum, ihre Parts über das gewöhnliche Routinemuster hinaus zu gestalten. Im ersten Fall geht es um einen erdrosselten Mann. Und der Mord hat offenbar etwas damit zu tun, dass dieser Mann fünf Jahre zuvor ein dreijähriges Mädchen überfahren hatte. Das Kind starb, doch vor Gericht wurde der Fahrer freigesprochen, es sei ein nicht von ihm verschuldeter Unfall gewesen.

Es ist etwas undankbar und auch nicht ganz fair, eine Reihe mit Fortsetzungselementen nach nur einem Film zu beurteilen. Auf dieser Basis erscheint „Das Quartett“ als Versuch einer Erzählform zwischen Krimikonvention und spielerischer Genre-Interpretation. Eine interessante, auch unterhaltsame Variante, die Neugier weckt darauf, wie das Konzept künftig weitergeführt und stets aufs Neue ausgefüllt werden soll. In dem Punkt zeigt sich einmal mehr die Crux vieler Krimireihen im 90-Minuten-Format, deren Episoden nur in längeren unregelmäßigen Abstand zu sehen sind und die als Serie mit wöchentlichem Ausstrahlungsturnus größere Wirkung entfalten könnten.

31.10.2019 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 1/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `