Friedrich Ani/Ina Jung/Jan Bonny: Wir wären andere Menschen (ZDF)

Im Sommerloch verstecktes Juwel

17.08.2020 •

Das Dorf liegt zwar am Rhein und bei gutem Wetter kann man von einer Anhöhe aus sogar den Kölner Dom sehen, aber von einer Idylle hat das Kaff rein gar nichts. Die Häuser sind nahezu durchweg schmucklose Zweckbauten mit grauen Fassaden, und wenn die Bewohner abends mal ausgehen möchten, treffen sie sich im Vereinsheim in der Nähe einer Tennishalle und sitzen auf Plastikstühlen an Resopaltischen. Und fast wirkt es, als habe der gesichtslose Ort auf Rupert Seidlein abgefärbt. In grauem Polohemd, ausgebeulter Jeans und mit irgendwelchen Bequemtretern an den Füßen scheint der Fahrlehrer nahezu antriebslos durchs Leben zu schlurfen. Niemand würde in dem wortkargen Allerweltstyp eine tickende Zeitbombe vermuten.

Vor einem Jahr ist Rupert mit seiner Frau Anja in sein Heimatdorf zurückgekehrt und in sein Elternhaus gezogen. In jenes Haus, in dem sich 30 Jahre zuvor eine Tragödie abgespielt hat. Ein eigentlich harmloser Besuch von zwei Polizisten lief völlig aus dem Ruder und am Ende waren Ruperts Eltern und sein damaliger Freund Pjotr tot. Die beiden Beamten, die drei Menschen töteten, beriefen sich anschließend unter fadenscheinigen Behauptungen auf Notwehr und wurden vor Gericht freigesprochen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Rupert als Zeuge des Geschehens bei dem Prozess kein Wort herausbrachte.

Diese Vorgeschichte erzählt der Film „Wir wären andere Menschen“, für den Friedrich Ani und Ina Jung das Drehbuch schrieben (basierend auf Anis Kurzgeschichte „Rupert“) und bei dem Jan Bonny Regie führte, in mehreren knappen Rückblenden. Das Hauptaugenmerk der Geschichte liegt jedoch auf der Tragik des Mannes, den die Ereignisse von damals seit drei Jahrzehnten nicht losgelassen haben. So sehr er sich zumeist gelassen gibt, überrascht er seine Mitmenschen immer wieder mit plötzlichen Aggressionsausbrüchen. Auch seine locker gemeinten Smalltalk-Versuche mit den Dorfbewohnern geraten meist zum hilflosen Gestammel, das er mit fahrigen Gesten untermalt. Rupert wirkt im eigenen Körper seltsam unbehaust.

Als er und Anja eines Abends im Sportheim sitzen, taucht an ihrem Tisch unvermittelt Christoph Horn, einer der beiden Polizisten von damals, mit seiner jungen Freundin auf und schwärmt vom gemeinsamen Urlaub auf Gomera. Der Alkohol fließt reichlich und Horn gibt sich alle Mühe, die Ereignisse von einst vergessen zu machen. Dessen damaliger Kollege Josef Bäumler, der ebenfalls unbescholten weiterhin im Dorf lebt, zeigt sich Rupert gegenüber wesentlich misstrauischer und blockt alle Näherungsversuche seitens der Seidleins kategorisch ab.

Am Ende des Films hat Rupert Horn im Rhein ertränkt und Bäumler und dessen Ehefrau erschossen. Dennoch ist „Wir wären andere Menschen“ alles andere als ein Rachekrimi nach dem Schema von „Ein Mann sieht rot“. Ob Rupert die Taten bereits bei seiner Rückkehr ins Heimatdorf geplant hatte, erfährt man nicht. Womöglich hoffte er aber auch, dort endlich Frieden zu finden. Auch die Morde selbst geschehen eher spontan als sorgfältig geplant. So ist der Film in erster Linie das Drama eines Mannes, der nicht damit fertig wird, dass im Dorf, in dem eigentlich alle wissen, was damals wirklich geschah, alles seinen belanglosen geregelten Gang geht, während er selbst seit drei Jahrzehnten von Alpträumen geplagt wird.

Für diese gruselig-heimelige Provinzatmosphäre finden Jan Bonny und Kameramann Jakob Beurle immer wieder signifikante Einstellungen, Locations und (Neben-)Figuren. Nicht zuletzt ist das Ganze aber der Stil des Regisseurs, der mit seinen bisherigen Filmen eine im deutschen Fernsehen unverwechselbare Handschrift demonstriert hat. Bonny arbeitet kaum mit künstlichem Licht, rückt seinen Figuren mit einer beweglichen, wackligen Kamera dicht auf die Pelle, lässt Dialoge mitten im Satz abbrechen und viele Szenen geradezu dokumentarisch aussehen – was seine Filme authentisch wirken lässt, ihre Rezeption für manche Zuschauer inmitten der konventionellen Dutzendware bisweilen aber auch verstörend macht.

„Wir wären andere Menschen“ (535.000 Zuschauer, Marktanteil: 5,4 Prozent) überzeugt aber nicht zuletzt durch grandiose Schauspielerleistungen. Wie Matthias Brandt jenem Rupert mit stets ungelenker Körperhaltung, unsicherem Blick und gestammelten Dialogen Konturen verleiht, ist schlicht meisterhaft. Kaum minder überzeugend agiert Silke Bodenbender als Anja, die sich angesichts der Unzugänglichkeit ihres Mannes in den Suff geflüchtet hat und ihre Verzweiflung in gekünstelten Lachanfällen zum Ausdruck bringt. Zum hochkarätigen Ensemble gehören zudem Manfred Zapatka (Horn), Paul Faßnacht (Bäumler) und Andreas Döhler, der als Kommissar Wackwitz vergebens versucht, Rupert dessen Morde nachzuweisen.

Er habe, erzählt Rupert eines Abends im Bett seiner Frau, die dahintergekommen ist, was er getan hat, er habe endlich Frieden finden wollen, indem er die beiden pensionierten Polizisten umbrachte, durch deren ungesühnte Taten sein Leben aus der Bahn geworfen wurde. „Peter und ich, wir hätten noch so viel vorgehabt. Wir wären andere Menschen“, meint er – und ist verzweifelt, denn, so habe er jetzt gemerkt, durch den Tod der beiden Polizisten habe sich nichts geändert: „Es ist trotzdem alles wie immer.“

Nachdem dieser Film der Akzente Film & Fernsehproduktion bereits auf mehreren Festivals mit großer Resonanz von Kritik und Publikum gezeigt wurde, versteckte das ZDF ihn nun im Sommerloch und strahlte dieses Juwel erst spät an einem Donnerstagabend um 23.25 Uhr aus. Seitens der ZDF-Pressestelle hieß es zu diesem Kuriosum auf Anfrage lapidar: „Der späte Sendetermin erklärt sich durch FSK 16.“

Das erklärt zum einen nicht den Sommerloch-Termin und wirft zum anderen die Frage auf, nach welchen Kriterien die FSK-Bewertung erfolgt ist. Da es die Gewaltszenen kaum sein können (von denen gibt es in vielen Folgen etwa der ARD-„Tatort“-Reihe weit drastischere), nährt sich der Verdacht, dass man seitens der Filmbewertungsstelle Jan Bonnys unkonventionelle Erzählweise jüngeren Zuschauern und auch dem Rest des Publikums nicht zumuten zu können glaubt. Damit hat der Regisseur bereits Erfahrung. Sein herausragender, vom WDR produzierter Film „Über Barbarossaplatz“ war im März 2017 eigentlich für eine Ausstrahlung im Ersten um 20.15 Uhr geplant, wurde dann aber aufgrund eines Beschlusses der ARD-Fernsehfilm-Koordination auf 22.45 Uhr verschoben worden (vgl. MK-Kritik).

17.08.2020 – Reinhard Lüke/MK

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