Friedemann Fromm: Tod von Freunden. 8‑teilige Serie (ZDF)

Es greift alles stimmig ineinander

28.02.2021 •

Es hat den Anschein, als seien auf der kleinen Ochseninsel, in der Flensburger Förde zwischen Deutschland und Dänemark gelegen, das Modell der klassischen Familie und das Wohngemeinschaftskonzept erfolgreich zur Deckung gebracht worden. Die Küsters und die Jensens haben sich hier angesiedelt, leben in getrennten Häusern und doch in einem engen Verbund, sind Grenzgänger. Bernd Küster (Jan Josef Liefers) und Charlotte Jensen, genannt Charlie (Lene Maria Christensen), führen auf dem Festland ein erfolgreiches Architekturbüro, das sich auf Brückenbauten spezialisiert hat und im Begriff ist, einen lukrativen Auftrag in New York zu ergattern. Der allerdings den Umzug an den Hudson erfordern würde.

Sabine Küster (Katharina Schüttler), die wegen einer Beinverletzung ihre Ballettlaufbahn aufgeben musste, führt das Tanzstudio namens „Tanzwerft“, in dem ihr Sohn Kjell (Lukas Zumbrock) und Cecile (Milena Tscharntke), die Tochter der Jensens, an einer Tanzchoreografie mitwirken. Bernd Küster trainiert nebenberuflich eine Wasserpolo-Mannschaft, der auch die Söhne der beiden Familien angehören, ausgenommen Karl Küster (Anton Petzold). Karl ist Autist und innerhalb der Familien gut aufgehoben. Man kümmert sich umeinander, die Jugendlichen haben sich das Motto aus dem Musketiere-Roman von Alexandre Dumas zu eigen gemacht: Einer für alle, alle für einen.

Ein perfekter Lebensentwurf, aber die Fugen bröckeln. Charlotte Jensen träumt von New York, insgeheim ist ihr die Inselwelt zu klein. Das bedeutet Zwist mit ihrem Ehemann Jakob (Thure Lindhardt), der ihr als Hausmann bislang den Rücken freigehalten, seine künstlerischen Ambitionen aber nicht aufgegeben hat und seine Zukunft auf der Insel sieht.

Weiteres Ungemach zeichnet sich ab, als Jakobs Bruder Jonas (Jacob Cedergren) nach langer Abwesenheit heimkehrt. Ihn und Sabine Küster verbinden eine frühere Affäre und gemeinsame Aktionen innerhalb der radikalen Linken, bei denen auch Gewalt ausgeübt wurde. Sabine wie Jakob möchten den Störer Jonas auf Distanz halten, doch der kreuzt, ob zufällig oder absichtlich, immer wieder ihren Weg. Die Jensen-Geschwister Cecile und Emile (Oskar Belton) fühlen sich regelrecht angezogen von ihrem Onkel mit der düster-rebellischen Ausstrahlung.

Die verdrängten und kaschierten Konflikte köcheln bereits, ein unerwartetes Unglück bringt sie zur Eruption. Mit Ausnahme des Ehepaars Küster ist die gesamte Gemeinschaft auf einem Segelausflug, als Kjell nachts über Bord geht und auch nach längerer Suche der Behörden nicht gefunden wird. Die Umstände des Vorfalls auf der Yacht bleiben recht unklar. Ein Streit zwischen Charlie und Jakob hatte dazu geführt, dass nicht, wie eigentlich vorgeschrieben, zwei Besatzungsmitglieder Ruderwache hielten. Aber war Kjell wirklich allein? Hat er womöglich absichtlich den Tod gesucht?

Der Autor und Regisseur Friedemann Fromm – der Abspann nennt noch Mette Sø als verantwortlich für die Konzeptentwicklung – erzählt die Vorgeschichte, die tragischen Ereignisse an Bord der Yacht wie auch die dramatischen Nachwirkungen, und das ist das Besondere hier, aus wechselnden Perspektiven: acht Episoden (im ZDF je zwei pro Sendetermin), acht Protagonisten, acht Blickwinkel. Ein Prinzip, das auf den japanischen Filmklassiker „Rashomon“ von Akira Kurosawa zurückgeht und in dieser ZDF-Serie in erweiterter Weise und mit außerordentlicher Raffinesse ausgeführt wird.

Denn mit jeder neuen Folge werden Lücken in der Handlung gefüllt, an denen man sich als Zuschauer, der heutigentags an elliptisches Erzählen gewöhnt ist, wahrscheinlich gar nicht einmal gestört hatte. Manchmal berühren sich die Erzählstränge oder Szenen wiederholen sich, die das Publikum nunmehr buchstäblich mit anderen Augen sieht. Beeindruckend, wie die Szenen über acht Folgen hinweg perfekt miteinander verzahnt werden und dabei kleine Details – bei denen schnell mal ein Anschlussfehler hätte passieren können – Berücksichtigung finden.

Bei dieser Produktion greift alles stimmig ineinander. Die beiden dänischen Ochseninseln, die kleine und die große, gibt es tatsächlich. Die große war vom dänischen Staat verpachtet worden, doch die ursprünglich gut befreundeten Bewohner gerieten untereinander in Streit und verließen das Eiland. Dieser kleine Seitenblick in die lokale Geschichte macht deutlich, dass Friedemann Fromms Handlungsentwurf und sein Personal vor der Realität bestehen können. Seine Protagonisten sind echt, das Ensemble hält gleich für mehrere Zuschauergruppen Identifikationsfiguren bereit. Bei aller Alltagsnähe lassen sich literarische Techniken ausmachen, die Metapher, Repetitio, die gezielte Intertextualität. Andere Kunstformen wie Bildhauerei, moderner Tanz und Literatur werden mit gekonnter Beiläufigkeit integriert.

Der besonderen Erzählform entspricht die Kameraarbeit des Bildgestalters Ralf Noack. Ob intime Dialogszenen oder sportive Aktion, bei Nacht gefilmte Tanzchoreografien, Unterwasseraufnahmen, Trance und Delirium, Karls komplexe Computerwelt – Noack setzt seine Kameratechnik wohlüberlegt und passgenau ein, operiert mit wechselnden Brennweiten, statischer oder beweglicher Kamera, schafft vor allem immer wieder passende Licht- und Farbstimmungen. Abgerundet wird das filmische Spektrum durch animierte Sequenzen, die das Publikum in die Vorstellungswelt des zeichnerisch, mathematisch und mnemonisch hochbegabten Autisten Karl einführen.

Schauspielerisch bietet „Tod von Freunden“ (Produktion: Letterbox) eine Ensemble-Leistung. Neben den gleichberechtigt agierenden erwachsenen Charakterschauspielern beweisen die jüngeren Mitwirkenden Oskar Belton, Lukas Zumbrock und besonders Anton Petzold mit seiner einfühlsamen Gestaltung der Autistenrolle des Karl Küster sowie die dem Nachwuchsstatus bereits entwachsene Milena Tscharntke als psychisch belastete Cecile enorme Begabung. Mit „Tod von Freunden“ legt das ZDF die handwerklich wie inhaltlich wohl ausgereifteste deutsche Serie der letzten Jahre vor. Angemerkt sei noch, dass nicht nur die beteiligten skandinavischen Schauspieler wie Lene Maria Christensen und Thure Lindhardt Deutsch, Dänisch und Englisch sprechen, sondern entgegen sonstigem Usus im deutschen Fernsehen auch die deutschen Kolleginnen und Kollegen dänische und englische Texte zu lernen hatten. In der Presseversion waren die entsprechenden Passagen deutsch untertitelt. Ein kleiner Fortschritt am Rande.

In der ZDF-Mediathek sind seit dem 7. Februar alle Folgen abrufbar, in anderer Portionierung: die ersten beiden Episoden laut Sender gekoppelt zu einer zweistündigen „Pilotfolge“ und alle weiteren einzeln mit einer jeweiligen Länge von rund 60 Minuten.

28.02.2021 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 7/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `