Frederik Hunschede/Tobias Wiemann/Wolfgang Groos: Think Big! 10‑teilige Dramedy-Serie (Sat 1)

Zwischen Slapstick und Satire

31.03.2020 •

Da hatte sich Sat 1 überschätzt. Im August 2019 verkündete der Sender per Pressemitteilung: „In der neuen Comedy-Serie ‘Think Big’ (AT) macht SAT.1 vor, wie’s geht!“ Ein Irrtum, soweit es die Eroberung des Publikums betrifft. Mit Blick auf die Qualität der Serie aber – tragischerweise – gar nicht so wahrheitsfern. Denn mit „Think Big!“ fand Sat 1 zurück zur Qualität früherer Vorzeigeserien wie „Edel & Starck“, „Auf Herz und Nieren“ und vor allem „Danni Lowinski“.

Eine gewisse Verwandtschaft mit der tragikomischen Serie „Danni Lowinski“, die von 2010 bis 2014 lief und dem Sender Kritikerlob, diverse Fernsehpreise wie auch den gebührenden Zuschauerzuspruch einbrachte, ist nicht von der Hand zu weisen. Dort absolviert die von Annette Frier gespielte Titelheldin, eine aus einem Kölner Problemviertel stammende gelernte Friseurin, ein Jura-Studium, findet keine Anstellung und macht sich in einem Einkaufszentrum, wo sie ein Minibüro mietet, als Rechtsanwältin selbständig. Mit gesundem Menschenverstand, Mutterwitz und der Unterstützung treuer Freunde kann sie sich in ihrem neuen Metier behaupten (vgl. hier die Kritik zu „Danni Lowinski“).

In „Think Big!“ (Produktion: ITV Studios Germany) möchten sich die Freundinnen Nicole „Nicki“ Pütz (Hanna Plaß) und Ebru (Yasemin Cetinkaya) mit einem Nagelstudio selbständig machen. Keine der beiden hat einen Schulabschluss. Ihre Herkunft aus, da ist es wieder: einem Kölner Problemviertel, in dem es laut Nicki nur „Faustnehmer“ und „Faustgeber“ gibt, trägt dazu bei, dass ihnen der benötigte Bankkredit verweigert wird. So schnell gibt eine Nicki Pütz indes nicht auf. Sie kauft sich für 70 Euro ein gefälschtes Abiturzeugnis und schreibt sich an der Kölner Universität ein. Originalton Nicki: „BWL – das kann doch wohl nicht so schwer sein.“

Ist es anfangs natürlich doch. Nicki hat Schwierigkeiten, den Hörsaal zu finden und kommt gleich am ersten Tag zu spät. Sie weiß nicht, was eine Mensa ist und hat noch nie vom Bafög gehört. Soweit die Exposition. Ab da hätte es fürchterlich werden können. Klamaukig, albern, dumpf. Doch dem Autorenteam um Headwriter Frederik Hunschede gelingt es, die Charaktere immer wieder in aberwitzige Situationen zu manövrieren, ohne ihnen je die Würde zu nehmen.

Urteilt man auf den ersten Blick, wirken die Maniküren Nicki und Ebru mit ihrer auffälligen Kleidung, dem ausgeprägten Make-Up und ihrer derben Sprache wie Karikaturen von der Comedy-Bühne. Doch es lohnt sich, bei den Dialogen genauer hinzuhören. Die insgesamt zehn Autoren parodieren nicht einfach die einschlägigen Soziolekte und Slangs, sondern verstehen sich darauf, gekonnt deren Originalität und Sprachwitz und im selben Zug die popkulturelle Sachkenntnis der Heldinnen herauszuarbeiten.

Nicole und Ebru mag es an einer klassischen Schulbildung fehlen, aber sie sind alles andere als dumm. Sie und ihr Umfeld – dazu zählen unter anderem Nickis gerissene jüngere Schwester Tiffany (Vivien Sczesny), ihr etwas schlichter Bruder Dennis (Anselm Bresgott) und deren lebensuntüchtige und bei der Partnersuche notorisch glücklose Mutter (Milena Dreißig) – haben ihre speziellen Strategien entwickelt, um in einer Gesellschaft zu überleben, die ihnen nur Almosen zugedacht hat, um die sie auch noch im Wettstreit mit anderen Ausgestoßenen kämpfen müssen. Die gar nicht abwegige These: Wären sie in einem anderen Milieu aufgewachsen, hätten sie es mit den gleichen Fähigkeiten weit gebracht.

Diese sozialpolitische Konnotation wird nie fahnenschwingend propagiert, sondern federleicht eingearbeitet. Nebenschauplätze wie das Systemrestaurant „Babba’s Pizza Palace“, das von Ebrus Bruder Tarik (Serkan Kaya) geleitet wird und wo Nicole das Geld fürs Studium verdient, erlauben die Ausweitung dieser unterschwellig eingebetteten Thematik.

Humoristisch lebt die Serie nicht zuletzt von Nickis Erlebnissen und Erfahrungen an der Universität. Wie in den besten Screwball-Komödien liefert sich Nicki gepfefferte Wortgefechte mit dem aus reichem Hause stammenden Alexander (Nicolas Wolf). Derart lästerlich und bissig, dass aus dem genüsslich zelebrierten Hass gewiss irgendwann Liebe werden wird.

An anderer Stelle erreicht die Serie gar die Qualität einer Satire auf den akademischen Betrieb. Bei einer Hausarbeit schreibt Nicki aus einem zufällig entdeckten Büchlein ihres strengen, sich elitär gebenden Professors Rüdiger Amling (Holger Stockhaus) ab. Natürlich wird sie ertappt, kommt aber gerade noch einmal davon, weil sie Amling nachweisen kann, dass der selbst die Quellenangabe ‘vergessen’ hat. Dennoch wird Amling nicht als Buhmann abgestempelt, im Gegenteil, der Professor hat große Momente, so wenn er Nicole seine Sicht der Welt erklärt: „Unser globales Gemeinwesen besteht im Wesentlichen aus vier Personen: dem Politiker, dem Beamten, dem Unternehmer und dem Arbeiter. Letzterer hat dafür zu sorgen, dass es den anderen Dreien gut geht.“

Eigentlich hätte dieses Serienkonzept aufgehen müssen. Es bietet liebenswerte Identifikationsfiguren und denunziationsfreien Humor zwischen Slapstick und Satire. Die Regisseure Tobias Wiemann und Wolfgang Groos beweisen ein exzellentes Gespür für szenische Komik, die nuancierten Drehbücher, die stets Raum für eine tragische Note lassen und den Figuren Entwicklungen zubilligen, halten durchgängig einen hohen Standard. Aus der Milieusicherheit der Serie spricht die Handschrift der ITV-Producerin Christiane Ruff. Ruff betreute einst für RTL bestens beleumundete und erfolgreiche Dramedy-Serien wie „Ritas Welt“, „Nikola“ und „Mein Leben & ich“. In diese Aufzählung reiht sich „Think Big!“ nahtlos ein.

Dennoch nahm das Publikum „Think Big!“ nicht an. Angesichts niedriger Quoten verlor Sat 1 nach nur zwei Wochen die Geduld und krempelte das freitägliche Programm gründlich um. Begonnen hatte man am 7. Februar mit je zwei rund 30-minütigen Episoden von „Think Big!“, an die sich zwei Folgen der Sitcom „Die Läusemutter“, eine leicht vergröberte Eins-zu-eins-Adaption des niederländischen Vorbilds „De Luizenmoeder“, anschlossen. Ab dem 21. Februar sendete Sat 1 um 20.15 Uhr jeweils eine Kinokomödie, „Think Big!“ lief zu wechselnden Anfangszeiten dann im Anschluss (weiter mit je zwei Folgen hintereinander). „Die Läusemutter“ wurde an den Sender Sixx abgegeben, wo zudem „Think Big!“ jeweils dienstags nach der Erstausstrahlung bei Sat 1 wiederholt wurde.

Über die Ursachen des Misserfolgs lässt sich nur spekulieren. Einige Indizien: Der Titel der Serie wirkt eher verwirrend als aussagekräftig, zumal in einem programmlichen Umfeld, das von Sat 1 als „Fun-Freitag“ propagiert wird. Wer unter solchen Vorzeichen auf kleinteilige, schnell getaktete Sketch-Comedy, Blödelrevuen und Kalauer eingestellt war, hatte möglicherweise Schwierigkeiten, sich auf Charakterentwicklungen und größere Erzählbögen einzustellen. Und, unter fachlichen Gesichtspunkten: Sat 1 war offenbar nicht in der Lage, eine alle Informationen umfassende Pressemappe zur Serie zu erstellen; Ansichtsfolgen gab es, im Metier eher ungewöhnlich, nur auf schriftliche Anfrage.

Die erste Staffel von „Think Big!“ endete mit Nickis erfolgreich absolviertem ersten Semester und dem Versuch, Kontakt zu ihrem ihr bis dahin unbekannten Vater aufzunehmen. Ein Cliffhanger. Es gäbe also noch einiges zu erzählen. Vielleicht findet sich dafür ein Sender, der ein solches Kleinod besser zu pflegen weiß.

31.03.2020 – Harald Keller/MK