Frédéric Hambalek/Emily Atef: Jackpot (ARD/SWR)

Vielschichtiger Genre-Film

09.04.2021 •

Sie hat schon viele verschiedene Rollen gespielt: Landmädchen im jugendlichen Aufbruch, gemobbte Lehrerin, unsichere Frau auf Sinnsuche, nervige Kindsmutter, starke Kindsmutter oder coole Hackerin (um nur eine kleine Auswahl zu nennen). Und ob in der „Beste-Zeit“-Trilogie von Marcus H. Rosenmüller, „Rufmord“ von Viviane Andereggen, „Grüße aus Fukushima“ von Doris Dörrie, „Unterleuten“ von Matti Geschonneck oder „Eine unerhörte Frau“ von Hans Steinbichler: Rosalie Thomass überzeugt tatsächlich immer, ganz gleich, wie unterschiedlich die Rollenanforderungen auch sein mögen.

Und natürlich ist sie auch im ARD-Fernsehfilm „Jackpot“ (Produktion: Constantin Television) einmal mehr bestechend gut. In der Mischung aus Thriller und Drama spielt sie Maren, die Mitarbeiterin eines Abschleppunternehmens, die in einem von ihr abtransportierten Fahrzeug eine Tasche voller Geld findet und die über eine halbe Million Euro heimlich an sich nimmt.

Als beispielhaft für die Schauspielkunst von Rosalie Thomass sei hier die Szene genannt, in der die von ihr dargestellte Maren am Krankenhausbett ihres übel zugerichteten Chefs Gerhard (Hilmar Eichhorn) steht und mit widerstreitenden Emotionen kämpft. Schuld und Scham, weil sie die Verantwortung für seinen Zustand trägt. Angst vor schlechten Neuigkeiten – und dann Erleichterung, weil er die Prügel wohl ohne große Schäden überleben wird. Rührung, weil Gerhards Frau – die von Marens Verstrickungen nichts ahnt – so freundlich zu ihr ist. All dies spielt im Gesicht von Rosalie Thomass, lässt Mundwinkel zucken, den Blick zögernd hin- und herwandern, die Mimik im Sekundentakt zwischen Weinen und Lächeln changieren.

Das Können der Schauspielerin lässt sich aber auch daran ablesen, dass man ihrer Maren als Zuschauer jederzeit folgt, auch wenn man um die Falschheit ihres Handelns weiß. Zudem ahnt man früh, dass sich der vermeintliche „Jackpot“ als höchst trügerisch erweisen wird. Denn der Besitzer des Geldes ist keineswegs zimperlich. Henning Karoske (Thomas Loibl) ist nicht nur durch brutales Geldeintreiben einschlägig bekannt im fiktiven Tychburg, in dem die Geschichte des Films spielt. Gleich bei seinem ersten Auftritt erschießt er professionell und kaltblütig einen Mann und nimmt kurz danach dessen Freundin als Geisel. Er ist hier eine regelrecht dämonische Figur.

Später im Film aber wird Karoske auch als liebender Ehemann und Vater zu sehen sein, der das Geld für einen Neuanfang mit der Familie braucht. Auch dieser Charakter überzeugt in jeder seiner Facetten, denn Thomas Loibl gibt ihn mit Präzision und dem ihm eigenen Schillern – in Sachen Nuancen und Vielseitigkeit steht der erfahrene Bühnendarsteller seiner weiblichen Gegenspielerin in nichts nach.

Und so entwickelt sich der von Frédéric Hambalek spannend geschriebene und von Emily Atef mit Gespür für Zwischentöne inszenierte Film zu einem Duell zwischen Maren und Karoske, zwei ebenbürtigen Gegnern. Denn auch die junge Frau hat eine kriminelle Vergangenheit, saß für bewaffnete Überfälle eine Haftstrafe ab, ist eine energische Kämpferin. Eigentlich hat sie dem illegalen Dasein längst abgeschworen, aber: Gelegenheit macht eben Diebe…

Zudem können Maren und ihr Freund Dennis (ebenfalls überzeugend: Friedrich Mücke) das Geld gut gebrauchen. Denn Dennis sitzt im Rollstuhl, seit er bei seiner Arbeit als Maurer vom Dach fiel. Weil er dabei betrunken war, will die Versicherung nicht zahlen. Die Kosten für seine Therapien, durch die er wieder laufen lernen soll, müssen die beiden selbst stemmen. Da kommt die gut gefüllte gelbe Sporttasche gerade recht, jedenfalls für Maren. Die Skrupel, die Dennis bei der ganzen Sache hat, wischt sie energisch zur Seite, nimmt das Heft des Handelns in die Hand.

Die klassischen Mann-Frau-Rollenklischees sind hier auf den Kopf gestellt: Impulsiv, stark, taff, aktiv, das sind Marens Attribute, während Dennis schon bedingt durch seine körperliche Versehrtheit eher passiv, aber auch generell ein eher rationaler, zaudernder Mensch ist. Die anderen Frauenfiguren – Marens frühere „Kollegin“ Jenny oder Karoskes Ehefrau – zeichnen sich ebenfalls durch Abgebrühtheit und Zähigkeit aus, freilich ohne dass dies groß thematisiert würde. Denn dies ist kein feministisches Thesenstück. „Jackpot“ (4,07 Mio Zuschauer, Marktanteil: 12,9 Prozent) ist einfach ein Film, der eine packende Geschichte erzählt.

Natürlich steckt ein feministisch-aufklärerisches Bewusstsein dahinter, aber das besagt: Im Grunde ist es völlig egal, welches Geschlecht die Protagonisten haben, jeder und jede kann alles sein. Entscheidend ist, dass die Figuren, und zwar jede einzelne, stimmig entwickelt sind. Und das sind sie. Die von Autor Frédéric Hambalek treffsicher gezeichneten und von sämtlichen Darstellern glaubhaft gespielten Charaktere bilden denn auch die überzeugende Basis des Films. Aus ihnen ergibt sich dann gewissermaßen wie von selbst die vorwärtsdrängende Handlung. Und da die hier auftretenden Figuren fast alle Menschen sind, die in ihrem Leben schon mindestens einmal falsch abgebogen sind, ist es nur konsequent, dass sie sich gegenseitig immer weiter Richtung Abgrund drängen.

„Jackpot“ ist eine Produktion, wie es sie nicht so oft gibt im deutschen Fernsehen: ein Genre-Film, der spannend und vielschichtig ist, reduziert aufs Wesentliche, zurückhaltend, aber effektvoll inszeniert. Von tragischer Tiefe, aber auch mit einem leisen Humor ausgestattet – der nicht zuletzt in der Schlusspointe noch einmal auf grandios-bittere Weise zum Ausdruck kommt. (Der Film begann aufgrund eines ARD-„Brennpunkts“ zur Corona-Krise“ 20 Minuten später als vorgesehen.)

09.04.2021 – Katharina Zeckau/MK

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