Florian Schwarz/Giulia Becker/Nora Cummins/Ninia LaGrande: Abgenabelt. 4‑teilige Miniserie (Amazon Prime Video)

Zur Unterstützung einen veganen Uteruskeks

22.09.2021 •

„Pressen! Sie müssen pressen“, sagt der Arzt. Die Frau schreit. Ihr Gesicht ist schmerzverzerrt. Kurz darauf ist der erlösende Schrei des Babys zu hören. Das kleine Würmchen, in ein Tuch gehüllt, liegt in den Armen der glücklichen Mutter. Unzählige Spielfilme, Fernsehproduktionen und Serien haben diese klischeehafte Darstellung einer Geburt reproduziert. Damit ist nun Schluss. Die Amazon-Miniserie „Abgenabelt“, die dank eines von der „Deutschen Hebammenhilfe e.V.“ gestarteten Crowdfundings produziert wurde, bricht diese Stereotypen auf. Vier 20-minütige Episoden geben einen etwas anderen Einblick in das Berufsbild der Geburtshelferin und den Vorgang der Entbindung.

Die Geschichte nach einer Idee des Regisseurs und Drehbuchautors Florian Schwarz kreist bzw. „kreißt“ um die Hebammenstudentin Laura. Paula Kroh, bekannt unter anderem aus der ARD-Fernsehserie „Tierärztin Dr. Mertens“, verkörpert die Studentin. Sie ist im dritten Jahr ihrer Ausbildung und steht kurz vor dem Examen. Eigentlich brennt Laura für ihren Beruf, in dem sie ihre Berufung gefunden hat. Im praktischen Bereich und bezüglich der Einfühlung in die Situation werdender Mütter macht ihr auch keiner etwas vor.

Trotzdem ist ihre Prüfung gefährdet. Denn in der Theorie hapert es bei ihr. Laura hat nämlich nicht genug Zeit zum Lernen des anspruchsvollen medizinischen Fachwissens. Um die Miete für ihre Wohnung aufzubringen, muss die alleinerziehende Mutter eines kleinen Jungen neben dem Studium noch arbeiten. Sie jobbt spät nachts in einer Disco als Garderobiere. Tagsüber ist sie dann zu müde für den Unterricht – sehr zum Missfallen ihrer strengen Dozentin.

Auf ihren Mitbewohner Adrian (Jakob D’Aprile), den Kindsvater ihres Jungen, ist kein Verlass. Der junge Mann, der sein Geld für teure Computerspiele ausgibt, ist ein Schlaffi wie er im Buche steht. Auch auf ihre ebenso wohlhabende wie selbstsüchtige Mutter (Mai Horlemann), die ihre Tochter ungern als Babysitterin unterstützt, weil sie ihre Zeit lieber im Wellness-Center verbringt, kann Laura nicht zählen. Zum Glück gibt es aber ihren gutmütigen Vater (Meinolf Steiner), der sich nach der Trennung von seiner Gattin bei der Tochter einquartiert, um sie etwas zu entlasten.

Die in Berlin angesiedelten Irrungen und Wirrungen, bei denen die unvermeidliche Diversity glücklicherweise nicht allzu penetrant wirkt, basieren auf einem Drehbuch, das Florian Schwarz gemeinsam geschrieben hat mit Giulia Becker, die unter beim „Neo Magazin Royale“ (ZDFneo) tätig war, Nora Cummins (Mitarbeiterin der ZDF-„Heute-Show“) und der Poetry-Slammerin Ninia LaGrande. Die zuweilen schon etwas holzschnittartig erzählte Geschichte zählt nicht zu den Stärken der Serie, bei der man aber – und das ist das Erstaunliche – trotz zum Teil etwas unscharf ausgeleuchteter Nebenfiguren interessiert und neugierig dranbleibt.

Interessant und teilweise mitreißend wird „Abgenabelt“, weil hier das Wissen zahlreicher junger Hebammen in die Serie mit eingeflossen ist: Rückenlage bei der Entbindung? Die gibt es erst seit etwa 200 Jahren. Eine Geburt kann unter sehr vielfältigen Voraussetzungen erfolgen, je nachdem, ob es sich um eine Erst- oder Zweitgebärende handelt, eine bodenständige Mama oder eine verblendete Latte-Macchiato-Lifestyle-Mutti, die sich in erster Linie darum sorgt, ob die Klinik einen Glasfaseranschluss hat. Die Lifestylerin möchte nämlich die Geburt ihres Kindes als Livestream ins Netz stellen.

Obwohl die Serie – bedingt durch das sichtbar niedrige Budget – zuweilen etwas hölzern anmutet, entfaltet sie ihre Stärken durch eine so noch nie gesehene Vielfalt an Details aus der alltäglichen Praxis von Hebammen. Gezeigt wird, dass Frauen ihre Kinder auf recht unterschiedliche Weise zur Welt bringen. Da gibt es Mütter, die aufstehen und umherlaufen, sich an die Wand stützen, die in der Hocke, im Stehen, auf allen Vieren oder in einer Wanne mit warmem Wasser gebären. Erschwert werden kann eine Geburt durch die Anwesenheit einer besserwisserischen Großmutter – die aber von der lebensklugen Geburtshelferin glücklicherweise mal kurz rausgeschickt wird, um Kaffee zu trinken.

Man spürt, dass es die Mitarbeit zahlreicher Hebammen am Drehbuch ist, die den zuweilen herrlich skurrilen Humor dieser Serie ausmacht. So lernt der Zuschauer, dass eine Geburtshelferin auch chirurgische Fertigkeiten besitzen muss, um beispielsweise einen bei der Niederkunft nicht seltenen Scheidenriss versorgen zu können. In einer der schönsten Szenen ist daher zu sehen, wie diesbezüglich angehende Hebammen zu Übungszwecken mit Nadel und Faden zugange sind – und zwar an Hühnerkeulen. Und um Männer zu beruhigen, die ihre Frauen bei diesem wichtigen Ereignis im Kreißsaal unterstützen, reicht ihnen die erfahrene Hebamme vorher „einen veganen Uteruskeks“.

Zu einem kleinen Ereignis wird die Serie, weil sie eben nicht nur komödiantische Einblicke in die vielfältigen Formen der Niederkunft gibt. So erahnt man, dass eine Geburt durchaus auch tragisch enden kann. In einer beklemmenden – zugleich auch herzzerreißenden – Szene begleitet Laura eine junge Mutter, bei der der Fötus kurz vor Einleitung der Wehen verstorben ist: Mit Tränen in den Augen bringt diese tapfere Frau ihr totes Kind zur Welt. Und zwar auf natürliche Weise, ohne Kaiserschnitt. Spätestens in diesem Moment hat „Abgenabelt“ den Zuschauer voll überzeugt. Es ist, gewiss, eine durchwachsene Serie, die neben humorvollen und düsteren Momenten interessante und vielfältige Einblicke in das Tätigkeitsfeld der Hebamme gibt, deren Beruf nun auch in Deutschland – als letztem EU-Staat – akademisiert wurde. Die Serie lässt erahnen, welch vielfältige Probleme sich dadurch für angehende Geburtshelferinnen ergeben.

Es ist wohl kein Zufall, dass „Abgenabelt“ (Produktion: Pepe Film zusammen mit Deutsche Hebammenhilfe e.V.) bei einem Streaming-Anbieter zu sehen ist, in diesem Fall Amazon Prime Video. Die Serie hat, wie erwähnt, nicht die Anmutung einer hoch budgetierten Produktion. Doch sie lebt vom Charme des Unperfekten. Dadurch entsteht eine ganz eigene Form von Authentizität, die viele Produktionen des auf ein Massenpublikum ausgerichteten linearen Fernsehens nicht haben.

22.09.2021 – Manfred Riepe/MK

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