Florian Huber/Carsten Oblaender: Trump – Der unterschätzte Präsident. Reihe „ZDFzeit“ (ZDF)

Die Experten und der kleine Mann

30.09.2020 •

Als Beobachter aus der Ferne fragt man sich eigentlich schon seit Beginn der Amtszeit von US-Präsident Donald Trump, wie seine Anhänger eigentlich ticken. Sie lieben ihn, obwohl ihr Präsident via Twitter nahezu täglich abstruse Kommentare absondert, falsche Behauptungen in die Welt setzt und sich regelmäßig lächerlich macht. So zuletzt, als er angesichts der verheerenden Feuer in Kalifornien die Forstangestellten ermahnte, die Wälder gründlicher zu fegen und die „explosiven Bäume“ zu beseitigen. Als er dann auch noch die Österreicher als positives Gegenbeispiel ins Feld führte, weil sie „in Waldstädten“ lebten und trotzdem kaum von Großbränden heimgesucht würden, war Trump der weltweite Spott wieder einmal sicher. Angesichts solcher absurden Äußerungen fragt man sich unwillkürlich, wie seine nach wie vor treuen Anhänger auf so etwas reagieren? Sollten die womöglich nur eine ungefähre Vorstellung von Österreich und den dortigen klimatischen Bedingungen haben und ihrem Idol, der 2016 auch einmal Belgien als „wunderschöne Stadt“ tituliert hatte, den blanken Unsinn einfach glauben?

Wer sich von der 45-minütigen ZDF-Dokumentation „Trump – Der unterschätzte Präsident“ Antworten auf solche Fragen erwartet hatte, wurde enttäuscht. Denn echte Trump-Fans aus dem Volk kamen hier so gut wie kaum zu Wort. Zu Beginn waren da ein paar (weiße) Männer in der Provinz von Alabama, die bei ihren Freizeitvergnügungen den derzeitigen Herrscher im Weißen Haus in höchsten Tönen priesen, ohne dafür allerdings Gründe anzuführen. Und irgendwann im Lauf des Films trat noch ein Bergmann aus Pennsylvania auf den Plan, der dem Präsidenten durch die von ihm bewirkte Wiedereröffnung einer Kohlemine seinen Arbeitsplatz verdankte und verständlicherweise schon deshalb für ihn war.

Ansonsten hatten hier einmal jene das Sagen, die man als Experten bezeichnet. Da gab es Äußerungen von (ehemaligen) Weggefährten und Mitarbeitern des 45. US-Präsidenten, von politischen Analysten, Biografen und Politikern, mit deren Hilfe die Autoren Florian Huber und Carsten Oblaender in ihrem Film eine Bilanz der ersten Amtszeit Trumps zu ziehen versuchten. Dabei wurde in verschiedenen Kapiteln die Frage erörtert, welche seiner Wahlversprechen Donalds Trump gehalten hat und welche nicht. Und die Antworten fielen teilweise durchaus überraschend aus.

Seinen größten Erfolg konnte der Präsident demnach bei seinem, wie er es bei seinem Amtsantritt nannte, „Kampf gegen das Establishment“ verbuchen. Gern nannte er das Projekt auch „den Sumpf trockenlegen“. So ist es ihm offenbar gelungen, seinen Fans in den meist ländlichen Regionen, die das politische Geschehen in Washington schon lange als abgehoben oder elitär empfunden haben, das Gefühl zu vermitteln, er sei einer von ihnen, denke und rede wie sie. Was schließlich alle Populisten machen, wenn sie vorgaukeln, für komplexe Probleme ganz einfache Lösungen zu haben.

Warum die schlichten Botschaften bei vielen US-Amerikanern noch immer auf fruchtbaren Boden fallen, vermochte die Dokumentation jedoch allenfalls ansatzweise zu vermitteln. Denn diese Menschen traten hier mit ihrer Sicht der Dinge kaum in Erscheinung. Immerhin legten die Autoren dar, dass Trump seinen Versprechungen, den Sumpf des Establishments auszutrocknen, durchaus Taten folgen ließ, indem er eine Vielzahl hochrangiger Beamter in Washington, deren Namen hier als Crawl über den Bildschirm liefen, vor die Tür setzte und 200 neue, erzkonservative Bundesrichter ernannte.

Ähnliche Erfolge hat Trump aus Sicht seiner Anhänger beim Kampf gegen illegale Einwanderer erzielt. Zwar steht von seiner angekündigten Einwanderer-Abwehr-Mauer an der Grenze zu Mexiko bislang nur ein Bruchteil, aber durch Abkommen mit dem südlichen Nachbarstaat ist es ihm gelungen, wie es im Film hieß, die Zahl der illegalen Grenzübertritte um 80 Prozent zu reduzieren. Auch hinsichtlich seiner Parole „America first!“ kann der seit Januar 2017 regierende Trump durchaus Erfolge verbuchen. So nötigte er die europäischen Staaten, ihren Anteil bei der Finanzierung der NATO zu erhöhen, mit dem Argument, dass Amerikaner nicht mehr einsähen, warum sie für den Schutz ferner Länder bezahlen sollten. „Da hat er recht“, kommentierte der frühere Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) diesen Streit. Zwar sei es Trump trotz der von ihm angezettelten Zoll-Querelen mit Europa und China nicht gelungen, so erfuhr man aus dem Film weiter, das Handelsdefizit der USA zu reduzieren, aber immerhin sei die Zahl der Arbeitslosen im Land auf den niedrigsten Stand seit 53 Jahren gesunken – bis Corona den Aufschwung zunichte gemacht habe.

Es ist fraglos ein Verdienst dieser Dokumentation, die Politik von Donald Trump, der im November wiedergewählt werden will, in einer Art bilanziert zu haben, die verstehen ließ, warum sie zumindest in den Augen seiner Anhänger als Erfolg erscheint. Von dem Preis dafür (Reduktion von Klimaschutzauflagen, internationale diplomatische Verwerfungen oder Spaltung der amerikanischen Gesellschaft) war in dem Film allerdings eher selten die Rede. Und wie dieser Präsident tickt, machten die Autoren durch viele, gut gewählte Archivbilder von Trump-Auftritten und Statements ehemaliger Mitarbeiter wie Sean Spicer, Ex-Pressesprecher des Weißen Hauses, oder seiner Biografin Gwenda Blair deutlich.

„Auf der Suche nach Antworten begeben sich die Filmautoren tief ins ‘Trump-Land’, ins Amerika des kleinen Mannes in den Hochburgen der alten Industriereviere“, hieß im Pressetext des ZDF zu dieser Dokumentation, die im Rahmen der Reihe „ZDFzeit“ ausgestrahlt wurde. Doch beim „kleinen Mann“ haben Florian Huber und Carsten Oblaender nur mal ganz kurz vorbeigeschaut. Warum man, abgesehen von den anderen Dingen, die man erfahren hatte, am Ende dieses Films (3,16 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,0 Prozent) auch weiterhin nicht wusste, wie Trump-Fans eigentlich ticken.

30.09.2020 – Reinhard Lüke/MK

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