Florian Huber: Duell auf hoher See – Der Kampf um die Brent Spar. Reihe „Geschichte im Ersten“ (ARD/NDR)

Ringen um mediale Aufmerksamkeit

03.07.2015 •

Der Titel klingt reißerisch, ist aber in diesem Fall angemessen. Denn „der Kampf“ um die ausrangierte Ölplattform Brent Spar, ist tatsächlich ein „Duell auf hoher See“. Die Filmaufnahmen, die Florian Huber in seiner Dokumentation zitiert, sind spektakulär. Das liegt am Thema. Denn in diesem Beitrag, ausgestrahlt im Rahmen der ARD-Reihe „Geschichte im Ersten“, geht es um ein Ölfass von der Größe des Kölner Doms, das zwischen Norwegen und den Shetland-Inseln in der Nordsee schwamm. Normalerweise hätte der Shell-Konzern es 1995 ohne Aufsehen im Meer versenkt. Umweltschützer von Greenpeace hatten jedoch etwas dagegen. Die Regenbogenkämpfer lockten den ahnungslosen Shell-Konzern geschickt in eine Kamerafalle. So richteten sich plötzlich die Scheinwerfer der Weltöffentlichkeit auf die Entsorgung von Industrieschrott.

Florian Huber beleuchtet in seinem Film den größten Erfolg der Ökopaxe, der im Nachhinein zugleich ihre größte Niederlage werden sollte. Dabei schien das Ganze zunächst ein schlechter Witz zu sein. Als man bei Greenpeace Anfang 1995 noch nach einem Thema für eine wirkungsvolle Kampagne suchte, fragte Gijs Thieme, langjähriger Mitarbeiter der Organisation, einfach mal bei Shell bezüglich der Versenkungspläne für die Brent Spar nach. Worauf man ihm freundlicherweise alle Unterlagen zusandte. Der Konzern hatte nichts zu verheimlichen – es war ja alles legal. Allein Thieme hatte sofort „dieses Bauchgefühl“. Doch sein Plan zu einer Kampagne nach dem Motto „Das Meer ist keine Müllkippe“ stieß zunächst auf Widerstand innerhalb der Umweltorganisation. Da Shell lange Zeit gar nicht auf die Besetzung der verlassenen Plattform durch die Umweltschützer reagierte, befürchtete man, dass das Ganze ein Rohrkrepierer werden könnte. Stell’ dir vor, es gibt eine Greenpeace-Aktion und keiner schaut hin. Danach sah es zunächst aus.

Erst als der Konzern die Regebogenkämpfer gewaltsam von der Plattform entfernen wollte – und dabei den Fehler beging, laufende Fernsehkameras zu ignorieren –, eskalierte die Aktion zu einem weltweit beachteten Spektakel. Informativ und kenntnisreich zeichnet Florian Huber den medialen Dominoeffekt dieser Protestaktion nach, der darin gipfelte, dass Shell-Tankstellen boykottiert wurden und teilweise sogar in Flammen aufgingen. Vom Evangelischen Kirchentag bis hin zum damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) stellten sich alle hinter die Aktion der Greenpeace-Aktivisten, die mit ihrem symbolträchtigen Schlauchbootkampf gegen die Meeresverschmutzer offene Türen einrannten.

In Hubers Rekonstruktion wird aber auch deutlich, dass die Aktivisten nicht nur aufrechte, selbstlose Fighter für die Umwelt waren, die von ihrem humanen Interesse an der Bewahrung der Natur angetrieben wurden. Greenpeace erwies sich hier ebenso als Konzern, als „Öko-Konzern“, der nach Einschätzung des ehemaligen Aktivisten Jochen Vorfelder „kühl, überlegt und professionell“ vorging. Der Propaganda-Krieg gegen einen Ölmulti wurde auch aus wirtschaftlichem Interesse angezettelt. Je mehr Publicity, desto mehr Spendengelder fließen dem vermeintlichen Non-Profit-Unternehmen zu.

Aufschlussreich verdeutlicht Hubers historischer Rückblick, wie Bilder von brachialen Wasserkanonen, die auf winzige Schlauchboote schossen, das griffige Klischee eines Kampfes David gegen Goliath transportierten. Der Shell-Konzern hatte damals mit solchen medialen Situationen noch keine Erfahrung und verstand nicht, dass er in die Rolle des Bösen gedrängt wurde. Was letztlich durch die Instrumentalisierung der Medien möglich wurde, wie der Autor in seinem Film verdeutlicht. So räumt die seinerzeit auf der Brent Spar einbezogene „Spiegel“-Reporterin Michaela Schießl selbstkritisch ein, dies sei eine „embedded situation“ gewesen. Womit sie auf den gelenkten Blick der in Teile der US-Streitkräfte „eingebetteten“ Journalisten während des Irak-Kriegs anspielt.

Die Dokumentation verdeutlicht, dass die Auseinandersetzung um die Brent Spar ein Kampf um mediale Aufmerksamkeit war: „Den Kampf der Bilder beherrscht allein Greenpeace.“ Im Nachhinein erwies sich die gesamte Aktion jedoch als pro­blematisch, weil die Versenkung der Plattform nach Meinung von Experten die ökologisch sinnvollste Lösung gewesen wäre. Eine falsche Mitteilung über die in der schwimmenden Bohrinsel verbliebenen Ölmenge von 5000 Tonnen, die den öffentlichen Aufruhr über die Brent Spar erst Recht schürte, führte während der anschließenden Mururoa-­Kampagne gegen französische Atomtests zu einem erheblichen Verlust an Glaubwürdigkeit bei Greenpeace.

Angesichts derartiger Defizite, die schon vor der Brent-Spar-Aktion in einer „Spiegel“-Titel­geschichte thematisiert worden sind, wirft Florian Hubers Dokumentation (Produktion: Eco Media) einen vergleichsweise versöhnlichen Blick auf die Rolle der Regenbogenkämpfer. Sein konventionell gestalteter Film, der einem die inzwischen üblichen Nachinszenierungen nicht erspart, richtet den Fokus so weit wie möglich auf das Problemobjekt Brent Spar. In den 45 Minuten Sendezeit – was bei dieser Materie eher knapp bemessen schien – wird der Greenpeace-Aspekt zwar nicht ausgespart, letztlich aber nur angeschnitten. So hätte man zum Beispiel auch die Frage aufwerfen können, warum der Protest gegen die Versenkung des Riesenölfasses sich seinerzeit fast nur auf Deutschland beschränkte und den Rest der Welt eher kaltließ. Dass man bei dem Film (770.000 Zuschauer, Marktanteil: 6,0 Prozent) trotzdem neugierig bis zum Schluss dranbleibt, spricht wiederum für die Dokumentation, die ein sehenswerter Beitrag auf diesem ARD-Spätsendeplatz für historische Themen war.

03.07.2015 – Manfred Riepe/MK

` `