Florian Hager im „Jahrbuch Fernsehen“: ARD und ZDF stärker gemeinsam denken

08.01.2021 •

Florian Hager, von März 2015 bis November 2020 Geschäftsführer des jungen Netzwerks Funk von ARD und ZDF, plädiert dafür, beim öffentlich-rechtlichen System mehr „auf gemeinsame Sehvolumina“ zu schauen. In einem Gespräch, das im neuen „Jahrbuch Fernsehen“ erschienen ist und von der Medienjournalistin Nora Frerichmann geführt wurde, tritt Hager dafür ein, sich in Zukunft von der Einschaltquoten-Kommunikation stärker zu lösen. Es gehe um die Frage: „Wie lange beschäftigen sich Menschen mit öffentlich-rechtlichen Inhalten insgesamt. Es müsste ja unser Ziel sein, diesen Wert möglichst zu maximieren“.

Es sei allerdings „extrem schwer, Menschen zum Umdenken zu bringen, die ihr ganzes Berufsleben lang mit Quoten hantiert haben“, so Hager, der seit Januar 2020 als stellvertretender ARD-Programmdirektor und Channel-Manager der ARD-Mediathek amtiert (bis November 2020 war er parallel dazu auch noch Funk-Chef). Er selbst sei, „viel stärker interessiert an Zielgruppenorientierung“, erklärte Hager, die Streaming-Plattform Netflix mache vor, wie Anbieter „einen Querschnitt der Gesellschaft erreichen: durch viele Programme für viele“.

Corona und das Fernsehen

Zu den Essays im „Jahrbuch Fernsehen 2020“ zählt ein Beitrag des Schriftstellers und Autors Torsten Körner, der in seinem Text („Die Bilder, die wir waren“) den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Fernsehprogramme nachgeht. Die TV-Kritikerin und „Übermedien“-Kolumnistin Samira El Ouassil analysiert in ihrem Essay unter dem Titel „Die mangelnde Widerstandsfähigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien vor rechtem Astroturfing“, wie der WDR und sein Intendant Tom Buhrow mit der sogenannten „Omagate“-Affäre einer rechten Instrumentalisierung auf den Leim gingen.

Unter der Überschrift „Die Dämmerung des dualen Systems“ zeichnet der Produzent und Medienforscher Lutz Hachmeister die Implosion der klassischen Medienpolitik angesichts digitaler Verwerfungen nach und zeigt Wege auf, wie hochwertiges Programm jenseits verkrusteter öffentlich-rechtlicher Strukturen und der nicht minder passiven privaten Sender hergestellt werden könnte. Hans-Jürgen Jakobs, Senior Editor des „Handelsblatts“, weist in seinem Beitrag „In den besten Familien“ über die Verleger- und Mediendynastien der deutschen Bundesrepublik nachdrücklich darauf hin, dass publizistische Medien über Jahrzehnte keine reinen Erwerbsunternehmen waren, die um jeden Preis die Maximierung des Gewinns anzustreben hätten.

Televisionäre Vermessung

Vier Jahre, nachdem 2016 ARD, ZDF und die großen Privatsender ihre erste Diversitätsstudie präsentierten, stellt die freie Journalistin und Fernsehkritikerin Heike Hupertz in ihrem Essay „Der weite Weg zur Gleichstellung“ ernüchtert fest, wie wenig allen Beteuerungen zum Trotz seit dieser Zeit passiert ist. Abgerundet wird diese televisionäre Vermessung wie immer durch die von den Herausgebern zusammengestellte Top Ten der Fernsehsendungen, den Rückblick auf das Fernsehjahr von Dietrich Leder und das Best-of der deutschen TV-Kritik.

Das „Jahrbuch Fernsehen 2020“, nun zum 29. Mal erschienen, ist ab sofort beim Institut für Medien- und Kommunikationspolitik (IfM) erhältlich. Als eines der wenigen Foren für eine unabhängige Medienkritik in Deutschland bündelt das Jahrbuch „die treffendsten Analysen mit den kreativsten Kritiken und zahllosen Hintergrundinformationen zum Genre“ (spiegel.de) und ist mit seinem aufwändigen, mehr als 200 Seiten starken Service- und Adressenteil für die Medienbranche „unverzichtbarer Wegbegleiter durchs Jahr“ („Neue Zürcher Zeitung“). Die Herausgeber des Jahrbuchs – das IfM, das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, die „Medienkorrespondenz“ und das Filmfestival Cologne – stehen für die journalistische Qualität und medienpolitische Unabhängigkeit der Publikation.

Jahrbuch Fernsehen 2020, 416 Seiten, 34,90 Euro, ISBN: 978-3-00-067511-9 (E-Mail-Bestellung möglich unter: info@jahrbuch-fernsehen.de)

08.01.2021 – MK

Print-Ausgabe 1/2021

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