Florian Dedio: Panzer! Der Erste Weltkrieg / Panzer! Der Zweite Weltkrieg. Teile 1 und 2 einer insgesamt 4‑teiligen Dokumentationsreihe (ZDFinfo)

Zwischen Technikschau und Geschichtsstunde

20.12.2017 • Panzer sind todbringende Waffen, aber zumindest für viele männliche Zivilisten auch von einer seltsamen Faszination. Wobei es dann nur bedingt um den militärischen Kontext geht. Eher rührt das Interesse – ähnlich wie bei Baggern und Lokomotiven – aus einer Begeisterung für Spielzeuge für große Jungs. Weshalb es nicht nur in Deutschland Abenteuerparks gibt, in denen Männer gegen Bares in ausgemusterten Panzern durch die Landschaft rattern können. Auch private Nachrichtenkanäle wie N24 und n-tv mit ihren überwiegend männlichen Zuschauern machen sich dieses Phänomen vor allem an Wochenenden zunutze und zeigen regelmäßig auf dem Weltmarkt eingekaufte Panzer-Dokumentationen, die oft mit martialischem Kommentar und schmissiger Musik unterlegt sind.

Wenn ein öffentlich-rechtlicher Spartensender wie ZDFinfo sich als Koproduzent an einer auf vier Teile angelegten Dokumentationsreihe über Kampfpanzer beteiligt, darf man vielleicht doch ein wenig mehr erwarten als röhrende Motoren im Gelände – ein Anspruch, dem die ersten beiden Folgen der Reihe „Panzer!“ in großen Teilen durchaus gerecht wurden. In diesen beiden direkt hintereinander gesendeten Folgen ging es um Panzer zunächst im Ersten und dann im Zweiten Weltkrieg. Laut ZDF-Pressemitteilung handelte es sich um Filme von Florian Dedio und Barbara Necek. Im Abspann der beiden Beiträge hieß es dann jeweils: „Ein Film von Florian Dedio in Zusammenarbeit mit Barbara Necek, Tatiana Ushenko, Anna Kwak-Sialelli“. Bemerkenswerterweise waren bei diesem Thema also drei Frauen beteiligt. (Als gemeinsame Produktionsfirmen wurden im Abspann Imagissime, Looks Film und Format TV genannt und die Zusammenarbeit mit Planète plus angeführt.)

Das Filmteam jedenfalls versuchte in den beiden Folgen einen dann auch ordentlich gelingenden Spagat zwischen Technikschau und Geschichtsstunde, bei dem die verschiedenen Panzertypen in den historischen Kontext eingebunden wurden. Und mit dem Beginn der ersten Panzerschlacht der Weltgeschichte am 20. November 1917, also vor genau 100 Jahren, im französischen Cambrai hatte die Ausstrahlung dieses Doku-Doppelpacks sogar so etwas wie einen geschichtlichen Anlass. Gleichwohl mutete das Projekt, die gesamte erste Folge dem Ersten Weltkrieg (1914 bis 1918) zu widmen, etwas kühn an. Schließlich spielten die stählernen Kolosse in den kämpferischen Auseinandersetzungen dieser Zeit eine allenfalls untergeordnete Rolle. Obwohl die Briten rund 400 Panzer der Typen Mark I bis Mark IV ins Feld schickten, denen auf deutscher Seite lediglich ein paar untaugliche Prototypen gegenüberstanden, war die neue Waffe kaum kriegsentscheidend.

Interessanter als die grundsätzlichen Überlegungen zur Kombination von Schutz und Mobilität und die Archivbilder aus dem Ersten Weltkrieg nahmen sich da schon jene Sequenzen aus, die dokumentierten, wie der deutsche Heeresoffizier und sogenannte Panzerpionier Heinz Guderian, nachdem den Deutschen im Versailler Vertrag die Entwicklung von Panzern untersagt worden war, zunächst mit Attrappen aus Pappe und mit Gummireifen üben ließ und später ausgerechnet mit der Sowjetunion einen Partner fand, der ihn in Kasan an der Wolga echte Panzer bauen und testen ließ.

In der Folge über den Zweiten Weltkrieg ging es in erster Linie um die Kämpfe zwischen der Deutschen Wehrmacht und der Roten Armee unter besonderer Berücksichtigung der jeweiligen Panzerwaffen, wobei nachvollziehbar unterschiedliche Strategien geschildert wurden. Während die Deutschen beispielsweise auf ihr hochgerüstetes, aber technisch anfälliges und sündhaft teures Modell „Tiger“ setzten, fertigten die Sowjets ihren ebenso schlichten wie robusten T34 in Massenproduktion. Es gehörte zu den Qualitäten dieser Dokumentation, dass da nicht nur die tragische Lebensgeschichte des T34-Konstrukteurs Michail Iljitsch Koschkin erzählt wurde, sondern auch der Hinweis nicht fehlte, dass die Kunststoffummantelungen des „Tigers“ im eigens für diesen Zweck errichteten, zum KZ Auschwitz gehörenden Lager III gefertigt wurden, in dem 25.000 Häftlinge den Tod fanden.

So hielten die beiden je 45-minütigen Filme seriös die Balance zwischen der historischen Nachzeichnung der Ereignisse und den Informationen, wie sie ‘Technik-Freaks’ erwarten. Dabei wurde nicht nur jedes genannte Panzermodell in Schautafeln in puncto Gewicht, Besatzung und Feuerkraft vorgestellt, sondern mittels Animationen ließ sich auch nachvollziehen, wie etwa das Geschoss einer Panzerfaust funktioniert. Dazu boten die Filme eine überschaubare Zahl von kompetenten Experten und Zeitzeugen auf, darunter ehemalige Panzerfahrer, die auch überwiegend Informatives beizusteuern hatten. Und auf Emotionalisierungen im Kommentar oder in Form musikalischer Dramatisierungen wurde hier wohltuend verzichtet.

Gleichwohl kann man der Produktion ankreiden, in Anbetracht des Titels zumindest in der zweiten Folge eine höchst selektive Auswahl getroffen zu haben. Während die amerikanischen Sherman-Panzer immerhin noch in der letzten Viertelstunde des Films zur Sprache und ins Bild kamen, blieben die Waffen anderer am Zweiten Weltkrieg beteiligter Nationen gänzlich unerwähnt. Hatten etwa die Japaner gar keine Panzer?

Doch womöglich gibt es dazu in den beiden noch ausstehenden Folgen der Reihe weitere Informationen. Bei den Folgen 3 und 4 hat man sich allerdings von der historischen Chronologie verabschiedet. So tragen diese Episoden dann die Titel „Panzer! Werkzeug der Unterdrückung“ und „Panzer! Gefecht und Geschäft“. Wie ein Sprecher von ZDFinfo auf MK-Nachfrage sagte, sollen die zwei verbleibenden Folgen im Februar 2018 ausgestrahlt werden.

20.12.2017 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 12/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren