Florence Hainaut/Myriam Leroy: #dreckshure (Arte)

Cybermobbing gegen Frauen

26.07.2021 •

Der vom französischsprachigen belgischen Rundfunk RTBF mit Arte koproduzierte Dokumentarfilm „#dreckshure“, den die beiden belgischen Filmemacherinnen Florence Hainaut und Myriam Leroy realisierten (Produktion: Kwassa Films), hatte jetzt innerhalb der Arte-Reihe „Menschen Leben“ seine deutsche Fernsehpremiere. Er beschäftigt sich mit Problemen, die nicht an nationalen Grenzen haltmachen, denn es geht um sexualisierte Gewalterfahrungen von Frauen im Internet, dessen soziale Netzwerke bekanntermaßen weltweit agieren. In dem Film, an dessen Ausstrahlung sich ein zehnminütiges Gespräch mit einem französischen Fachanwalt für Medienrecht anschloss, berichtet rund ein Dutzend Frauen von solchen Erfahrungen. Weil sie es gewagt hatten, in den sogenannten sozialen Netzwerken ihre Meinung zu äußern, wurden sie zu Mobbingopfern. Dazu befragten die Filmemacherinnen einige Expertinnen, die die Fallgeschichten analysierten; unter den Interviewten befand sich auch, als einziger männlicher Experte, ein Soziologe.

Es wird somit sehr viel geredet in diesem ebenso interessanten wie aktuellen Film. Immer nur für wenige Minuten wird der eindringlich auf den Zuschauer einwirkende Redefluss durch kurze Sequenzen unterbrochen, die das Gesagte zu reflektieren versuchen: entweder mit den filmischen Mitteln einer atmosphärisch dichten Bildsprache oder auch mit journalistischen Mitteln, etwa durch die Präsentation von statistisch erhobenem Datenmaterial, das die Einzelschicksale als Teil eines größeren gesellschaftlichen Zusammenhangs begreifbar macht. Bei den Frauen, die unter dem Cybermobbing zu leiden haben, handelt es sich oft um Künstlerinnen, Journalistinnen, Autorinnen, Politikerinnen. Sie sprechen über die Ängste, die das bei ihnen auslöst. „Du versuchst, nicht paranoid zu werden“, sagt eine von ihnen im Film.

Bei der Analyse dieser Fälle liegt der Schwerpunkt auf gesellschaftspolitischen Aspekten. Nur sehr indirekt verweist der Film etwa auf praktische Strategien, wie Betroffene damit umgehen sollten. Allerdings wird deutlich, wie schwer sich generell Strafverfolgungsbehörden dabei tun, Anzeigen angemessen zu verfolgen, die von Frauen in diesem Zusammenhang erstattet werden, ohne dabei auf einzelne nationale Unterschiede einzugehen. Die Befragten sprechen meist Französisch, einige Statements sind auch auf Deutsch und Englisch. Für das hiesige Publikum werden die fremdsprachlichen Statements auf Deutsch übersprochen; der Kommentar aus dem Off erfolgt in dieser Filmversion in deutscher Sprache.

In der Dokumentation wird deutlich, dass der Hass auf Frauen, die sich im Netz öffentlich äußern, kein nationales Problem ist. Es ist eher ein biologisches, insofern es überwiegend Männer sind, die sich hier entsprechend äußern, und überwiegend Frauen, die zu Opfern von Cybermobbing werden. Es ist auch ein politisches Problem, insofern es sich häufig um Äußerungen vom rechten, ja, rechtsextremen Rand der Gesellschaft handelt. Darunter befinden sich jedoch, wie dieser sehenswerte Film ebenso deutlich macht, durchaus auch Männer aus der gehobenen Mittelschicht, die ihre latente Frauenfeindlichkeit auf diese Weise zum Ausdruck bringen. Weil bei Äußerungen im Netz eine geringere soziale Kontrolle herrscht, treten hier solche in der Mehrheitsgesellschaft vorhandenen Ressentiments offener zutage.

Im dem knapp einstündigen Film kommen auch zwei deutschsprachige Betroffene mit interessanten Fallgeschichten zu Wort. Zum einen ist es die Österreicherin Natascha Kampusch, die 1998 als zehnjähriges Kind entführt und dann acht Jahre lang von ihrem Entführer gefangen gehalten wurde, bis sie sich aus eigener Kraft befreit hat. Das hat zunächst großes öffentliches Interesse erregt. Später ist sie dann selbst mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit gegangen: im Fernsehen, in den sozialen Netzwerken, als Buchautorin. Sie schrieb über ihre Entführung, aber auch über Hate Speech und Mobbing, wie es ihr widerfahren ist. Nach anfänglich positiver öffentlicher Resonanz auf das, was mit ihr als Entführungsopfer geschehen war, wurde sie dann später zum Mobbingopfer, dem auf sehr verletzende Weise eigenes schuldhaftes Verhalten unterstellt wurde.

Zum anderen kommt im Film aus Deutschland die Grünen-Politikerin Renate Künast zu Wort, die hierzulande durch ihre inzwischen erfolgreiche Klage gegen Facebook bekannt geworden ist, die das Ziel hatte, die Löschung sie betreffender Hasskommentare und Falschaussagen im Netz zu erreichen. Zunächst hatte das Landgericht Berlin im Namen der Meinungsfreiheit solche Hasspostings (wie „Drecksfotze“) gegen Künast nicht als Rechtsverstoß geahndet, wogegen die Politikerin dann Beschwerde einreichte. Mittlerweile – im Januar 2020 – ist der Landgerichtsbeschluss durch das Kammergericht Berlin, die nächsthöhere Instanz, revidiert worden. Und damit wurde im Fall Künast die Verbalverunglimpfung zur „unzulässigen Schmähkritik“ erklärt.

In diesem Zusammenhang wird als Expertin auch die Journalistin Anna-Lena von Hodenberg befragt, die Gründerin der in Berlin residierenden Beratungsstelle „Hate Aid“ für Opfer von digitaler Gewalt. Sie fürchtet eine Gefahr für die demokratische Kultur, wenn nicht stringenter gegen Hasskommentare im Netz vorgegangen wird. Als einen Grund, weshalb es so schwer ist, hier wirkungsvollen Druck zu erzeugen, nennt sie die Tatsache, dass die Plattformen damit gutes Geld verdienen können: „Hasskommentare laufen besser als Katzenvideos“, sagt Lena von Hodenberg im Film.

26.07.2021 – Brigitte Knott-Wolf/MK

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