Ferdinand von Schirach/Lars Kraume: Gott (ARD/RBB/ORF/SRG) und Hart aber fair, Talkshow mit Frank Plasberg zum Thema „Sterbehilfe“ (ARD/WDR)

Ethikprozess

07.12.2020 •

Nach dem großen Erfolg, den der Schriftsteller und Strafrechtsanwalt Ferdinand von Schirach im Jahr 2015 mit seinem Theaterstück „Terror“ hatte, folgte jetzt mit „Gott“ ein vom Aufbau her sehr ähnliches Stück des Autors. Bei „Terror“, einem fiktiven Gerichtsdrama mit dokumentarischem Anspruch, an dessen Ende die Zuschauer den dargestellten Rechtsstreit per Votum zu entscheiden hatten, hatte es jedoch ein Jahr gedauert, bis es, von Lars Kraume inszeniert, ins Fernsehen kam. Dem am 17. Oktober 2016 im Ersten gesendetem Film „Terror – Ihr Urteil“ (ARD Degeto/RBB) folgte seinerzeit eine Diskussionsrunde über den Film im Rahmen der von Frank Plasberg moderierten Talkreihe „Hart aber fair“ (vgl. MK-Artikel). Diesmal lagen zwischen der Theaterpremiere von „Gott“, die am 10. September gleichzeitig im Berliner Ensemble und im Düsseldorfer Schauspielhaus erfolgte, und der Ausstrahlung einer Filmversion in der ARD zur besten Sendezeit am 23. November nur rund zehn Wochen. (Das hatte allerdings auch mit der Coronakrise zu tun, denn die doppelte Theaterpremiere sollte eigentlich schon am 25. April stattfinden, wurde dann aber wegen der Pandemie in den September verschoben.)

Bei der Verfilmung von „Gott“ führte wiederum Lars Kraume Regie (Produktion: Moovie), auch dieses Mal wurden am Ende die Zuschauer um ein zustimmendes oder ablehnendes Votum zur Problematik gebeten (hier: selbstbestimmtes Sterben) und es gab im Anschluss an den Fernsehfilm auch wieder eine Diskussionsrunde dazu bei „Hart aber fair“. Doch trotz aller Parallelen gibt es einen gravierenden Unterschied: Bei „Gott“ handelt es sich gerade nicht um ein Gerichtsdrama, sondern das Theaterstück und also auch der Film geben eine Debatte im Deutschen Ethikrat wieder, dessen reales Vorbild ein aus 26 Mitgliedern bestehender unabhängiger Sachverständigenrat hierzulande ist.

In von Schirachs Theaterstück, das Kraume in einem Raum der Wissenschaftsbibliothek Berlin verfilmte, hat der Ethikrat aber nicht nur wesentlich weniger Mitglieder, sondern vor allem entspricht auch die dargestellte Diskussion über Fragen der aktiven Sterbehilfe nicht der Form, wie sie in einem solchen Gremium realistisch stattfinden würde. Vielmehr lässt der Autor von Schirach dieses vom Ethikrat veranstaltete Sachverständigen-Hearing wie eine der Strafprozessordnung unterworfene Gerichtsverhandlung ablaufen, eine Unstimmigkeit, die – im Vergleich zu „Terror“ – die Qualität des Stücks mindert.

Aber von Schirachs dramaturgische Stärke ist eben der Gerichtsprozess als Entscheidungsmodell. So lassen sich einige in „Gott“ auftretende Personen auf typische Gerichtsrollen wie Richter, Staatsanwalt, Verteidiger zurückführen, wie sie sich in den Rollen der Ethikrat-Vorsitzenden (Barbara Auer), der Ethikrat-Mitarbeiterin Dr. Keller (Ina Weisse) und des Rechtsanwalts Biegler (Lars Eidinger) spiegeln. Doch lässt sich die Rolle seines Mandanten Richard Gärtner (Matthias Habich) dann nicht ohne weiteres als die des Angeklagten begreifen. Denn nicht die Person Gärtner muss verteidigt werden, sondern der durch sie zum Ausdruck gebrachte Standpunkt soll sich als richtiger durchsetzen. Inhaltlich geht es um die Frage, ob ein gesunder 78-Jähriger, der nach dem Tod seiner Frau, mit der er 42 Jahre lang verheiratet war, keinen Sinn mehr im Leben sieht, von seiner Hausärztin einfordern kann – wie es Gärtner getan hat –, dass sie ihm beim Suizid durch die Beschaffung von entsprechenden Medikamenten behilflich ist.

Was der Autor in seinem wie ein Gerichtsprozess inszeniertem Stück wiedergibt, sind die Positionen von vier Sachverständigen, die dabei von zwei Seiten in eine Art Kreuzverhör genommen werden: durch Dr. Keller und Anwalt Biegler in den Rollen der Klägerin und des Verteidigers. Aktueller Bezug für das Stück ist ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Februar dieses Jahres, das „ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ als Ausdruck des allgemeinen Persönlichkeitsrechts wertet und das von Ferdinand von Schirach in einem Interview mit dem „Spiegel“ als ein „Jahrhunderturteil“ begrüßt worden ist, dem er dann auch in seinem Stück höchste Anerkennung zollt.

In der Verfilmung werden die insgesamt acht Akteure ausnahmslos durch bekannte Schauspieler dargestellt, die den vorgetragenen Positionen (wobei die Ethikrat-Vorsitzende neutral bleibt) ein Gesicht und möglichst auch einen Charakter geben müssen. Das ist angesichts des hohen Abstraktionsgrades der Argumente keine einfache Aufgabe für die Darsteller und man kann sie dafür bewundern, wie einigermaßen gut das dann doch gelingt. Dabei verhält sich Autor von Schirach zu den einzelnen vertretenen Positionen nicht neutral, sondern er verfolgt in diesem fiktiven Stück eine bestimmte Absicht, die umzusetzen ihm offensichtlich geglückt ist, wie die am Schluss erfolgte Zuschauerabstimmung zeigt, die dann ganz in von Schirachs Sinne ausfällt: 70,8 Prozent der abgegebenen Stimmen sprechen sich dafür aus, dass auch ein Gesunder ein Recht auf assistierte Sterbehilfe hat, und nur 29,2 Prozent sind dagegen. Eine solches TV-Voting ist natürlich nicht repräsentativ; niemand weiß, welche Bevölkerungsgruppen daran teilgenommen haben. In einer Pressemitteilung am darauffolgenden Tag nannte die ARD immerhin die Anzahl der Abstimmenden: Rund 546.000 Zuschauer hätten sich beteiligt.

Im Film „Gott“ (3,96 Mio Zuschauer, Marktanteil: 11,3 Prozent) kamen dennoch – auch das einer guten juristischen Tradition folgend – beide Positionen angemessen zu Wort: die zustimmende der rechtlichen Sachverständigen Prof. Litten (Christiane Paul) wie die ablehnenden von Gärtners Hausärztin Dr. Brandt (Anna Maria Mühe), des Ärztekammer-Vorsitzenden Dr. Sperling (Götz Schubert) und des katholischen Bischofs Thiel (Ulrich Matthes). Gerade die Position des Bischofs mit seiner christlichen Sicht auf das fünfte Gebot („Du sollst nicht töten“) ist die mit der größten Distanz zu der vom Autor favorisierten Auffassung.

Dem Bischof, hinzugezogen als theologischer Sachverständiger, gehört der letzte Part im Stück und Rechtsanwalt Biegler ist sein schlagfertiger Antagonist. Dabei lässt Autor von Schirach den (von ihm kreierten) Bischof einen ziemlich voluminösen Text sprechen. Solch ein anspruchsvoller Text dürfte wohl bisher noch nie einem ARD-Zuschauer auf diesem Sendeplatz („Der Film-Mittwoch im Ersten“) ‘zugemutet’ worden sein: von hohem Abstraktionsniveau, kompliziertem Satzbau, mit Rückgriff auf 2000 Jahre Geistesgeschichte. Obwohl Ulrich Matthes das Ganze mit großer Kunstfertigkeit spricht und dabei auch der von ihm gespielten Person durchaus Glaubwürdigkeit verleiht, wirkt dieser Text allein schon aus formalen Gründen wie ein Fremdkörper.

Die um 21.45 Uhr unmittelbar an den 90-minütigen Fernsehfilm anschließende „Hart-aber-fair“-Runde stand dann unter dem Thema „Gottes Wille oder des Menschen Freiheit: Was zählt beim Wunsch zu sterben?“. Dort saßen nun einige der im fiktionalen Stück aufgetretenen Sachverständigen gleichsam in realer Version auf dem Podium, so auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, Bischof von Limburg. Er sprach viel praxisnäher als sein fiktiver Vorgänger, hatte also – vermittlungstechnisch gesehen – den besseren Text. Aber dennoch hatte er in der von Frank Plasberg moderierten Runde eine noch schlechtere Ausgangsposition. Denn seine auf dem christlichen Glauben fußenden Argumente spielten in dieser Diskussionsrunde überhaupt keine Rolle; Bätzing hatte noch nicht einmal – wie der Bischof im Film „Gott“ – einen Antagonisten, der auf ihn hätte eingehen können, um ihm zu widersprechen.

Auf dem Podium bei „Hart aber fair“ (3,36 Mio Zuschauer, Marktanteil 12,5 Prozent) saßen neben dem Bischof eine Vertreterin der Bundesärztekammer, die mit Blick auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts von einem Dammbruch sprach und davon, dass dieses Urteil sie schockiert habe, und eine Professorin für Medizinethik, die der Verfassungsgerichtsentscheidung zustimmte. Als Betroffener war Olaf Sander geladen, der seiner todkranken Mutter zu einem selbstbestimmten Tod verholfen und dies auch filmisch dokumentiert hatte. Sander sprach darüber sehr emphatisch, jedoch ohne dabei irgendeinen christlichen Bezug erkennen zu lassen. Ihm gehörte Plasbergs ganze Sympathie, wie sein Gespräch mit ihm zeigte und die vielen Einspieler, für die er in diesem Zusammenhang Platz einräumte.

Dabei verengte sich die Diskussion in der 70-minütigen Talkrunde wieder auf Sterbehilfe für Schwerkranke, also genau auf das, was das vorangegangene fiktive Stück bewusst vermieden hat. Beim Film „Gott“ ist es ja gerade die Besonderheit, dass eine völlig gesunde Person das Recht auf Nutzung der aktiven Sterbehilfe einfordert, verfassungsrechtlich begründet durch das allgemeine Persönlichkeitsrecht. So fehlte in der „Hart-aber-fair“-Sendung ein Verfassungsrechtler, der diese Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts hätte näher erläutern können. Stattdessen gab es bei Plasberg eine weitere Diskussion über aktive Sterbehilfe bei Todkranken, wie sie schon seit vielen Jahren geführt wird und die damit im Grunde genommen an der Kernthese des Films „Gott“ vorbeiging.

07.12.2020 – Brigitte Knott-Wolf/MK

Im Film geht es um eine Debatte im Ethikrat: Darf der Mensch sich in eine gottartige Rolle begeben und über Todeswünsche entscheiden?

Foto: Screenshot


Print-Ausgabe 1/2021

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