Felix Karolus/Florian Iwersen: An seiner Seite (Arte/ZDF)

Ein überaus würdiges Geburtstagsständchen

07.06.2021 •

Eigentlich sollte nun alles ruhig werden. Nachdem der Stardirigent Walter Kler (Peter Simonischek) und seine Ehefrau Charlotte (Senta Berger) über Jahrzehnte ein Nomadenleben rund um den Globus geführt haben, soll München als fester Wohnsitz ihr künftiger Lebensmittelpunkt werden. Er ist dort zum Chefdirigenten berufen worden und sie freut sich vor allem darauf, ihre Tochter Viola und ihr Enkelkind Lisa, die in der Stadt leben, nun regelmäßig zu sehen. Doch dann erfährt Charlotte eher zufällig, dass ihr Mann mit einem vorübergehenden Engagement an der New Yorker Met liebäugelt, wo er Wagners „Ring“ dirigieren soll. Als sie ihm erbost vorwirft, das sei gegen ihrer beider Abmachung, wiegelt er ab und es ist klar, dass sie ihn von seinen Plänen – wieder einmal – nicht wird abhalten können.

Dann steht plötzlich ein älterer Herr, der sich als Martin Scherer vorstellt, mit einem Eimerchen vor der Tür ihres schmucken Münchner Eigenheims und hat eine seltsame Bitte. Seine unlängst verstorbene Frau, erklärt er, habe in diesem Garten glückliche Kindertage verbracht und es sei ihr Wunsch gewesen, ein wenig Erde daraus auf ihrem Grab zu haben. Diesen Wunsch wolle er ihr nun erfüllen.

Charlotte ist gerührt und lädt den Mann (Thomas Thieme) zum Kaffee ein. Bei dem zaghaften Tischgespräch wird schnell klar, dass beide in Parallelwelten leben. „Ich hab’s nicht so mit der Klassik“, sagt Martin. „Sie gehen nie ins Konzert?“, fragt sie ungläubig. Er schüttelt den Kopf. Dann erzählt er, dass er einst Leistungsschwimmer in der DDR war und sich bei den Olympischen Spielen 1972 in München abgesetzt hat. Auf seine Frage, wo sie denn vor dem Umzug nach München gelebt habe, listet Charlotte wie beiläufig, jedoch mit spürbarem Stolz Namen wie Tokio, Sydney und Los Angeles auf.

Martin nickt anerkennend, fügt dann aber hinzu: „Stelle ich mir nicht leicht vor. Hat ihnen das Spaß gemacht?“ Woraufhin sich in ihrem Gesicht eine Mischung aus Erstaunen und Ratlosigkeit breitmacht. So hat ihr diese schlichte Frage noch niemand gestellt. Nicht einmal sie selbst. Und als Martin mit Blick auf den Flügel im Wohnzimmer dann noch fragt, ob sie darauf spiele, hat er mit ein paar Sätzen das ganze Drama seiner Gesprächspartnerin aufgedeckt. Charlotte war einst eine hoffnungsvolle Nachwuchspianistin, hat jedoch für ihren Gatten auf eine eigene Karriere verzichtet.

Der Film „An seiner Seite“ – zunächst bei Arte und drei Tage später im ZDF zu sehen – lebt in erster Linie von solchen Zwiegesprächen. Mal zwischen den Eheleuten, mal zwischen Martin und Charlotte mit ihren jeweiligen erwachsenen Kindern und immer wieder zwischen den beiden Senioren, die aus so ungleichen Welten stammen, sich aber zunehmend sympathisch werden. Es sind wunderbar knappe Dialoge, die nie in Geschwätzigkeit ausarten, sondern den Beteiligten Pausen des Nachdenkens gönnen. Wobei das Mienenspiel der drei Ausnahmeschauspieler (Simonischek, Thieme, Berger) virtuos ist.

Dass bei alldem Senta Berger im Mittelpunkt steht, kommt nicht von ungefähr. Schließlich wurde die Schauspielerin am 13. Mai 80 Jahre alt und der Film ist so etwas wie ein Geburtstagsständchen. Dass man dieses von Felix Karolus und damit einem Regisseur ausrichten ließ, der bis dato lediglich zwei Kurzfilme realisiert hatte, mutet erstaunlich an. Wobei einer dieser beiden kleinen Filme, „Menuett“ aus dem Jahr 2019, ein Vorspiel zu „An seiner Seite“ ist. Auch in dem gerade einmal elfminütigen Werk steht Martin irgendwann mit einem Eimerchen vor Charlottes Eigenheim. Allerdings mit dem Unterschied, dass diese ebenfalls verwitwet ist. Gespielt wurden diese beiden Figuren auch damals von Senta Berger und Thomas Thieme. Als Koautor und Kameramann fungierte Wolfgang Aichholzer, der nun auch beim Geburtstagsfilm (Produktion: Bavaria Fiction) für eine in jeder Hinsicht stimmige Bildsprache sorgte. Letztlich war hier ein bestens eingespieltes Team im Einsatz. Denn wie Aichholzer war auch Florian Iwersen, mit dem zusammen Felix Karolus das Drehbuch schrieb, mehrfach an „Unter Verdacht“ beteiligt, jener erlesenen, von ZDF und Arte ausgestrahlten Krimireihe, in der Senta Berger 17 Jahre lang die Kriminalrätin Dr. Eva Maria Prohacek verkörperte, wobei Karolus regelmäßig als Regieassistent fungiert hatte.

Auch wenn es fraglos von Vorteil ist, wenn sich die Beteiligten an einem Film schon länger kennen, garantiert dies noch nicht automatisch einen bemerkenswerten Film. Hier aber ist es der Fall: „An seiner Seite“ ist ein stilles, kammerspielartiges Juwel geworden. Die (Neben-)Erzählungen und Figurenriege, um die Karolus und Iwersen das Ensemble gegenüber dem Kurzfilm erweitert hatten, waren jederzeit stimmig und zwischenzeitlich gelangen dem Regisseur immer wieder schlicht hinreißende Sequenzen. Etwa, als sich Charlotte unter dem albernen Vorwand wieder bei Martin meldete, weil sie Erde aus seinem Garten wollte, um das bei seinem Besuch hinterlassene Loch in ihrem Rasen zu stopfen, der Witwer dann kurz von ihrem Besuch noch schnell die Wäsche von der Leine nahm und die beiden Senioren sich schließlich gegenübersaßen wie zwei schüchterne Teenager. Nicht minder klug ersonnen, dass Martin Charlotte irgendwann aus ihrer düsteren Villa ins sonnendurchflutete Freibad führte, in dem er lange Zeit als Bademeister gearbeitet hatte, und ihr bewusst wurde, dass sie in den letzten Jahren zwar in allerlei noblen Pools geschwommen war, sie aber seit ihrer Kindheit nicht mehr in einer lauten, öffentlichen Badeanstalt gewesen war.

So sehr Buch und Regie hier zwei Lebenswelten aufeinanderprallen ließen, widerstanden sie souverän der Versuchung, die eine gegen die andere auszuspielen. So wenig wie Charlottes bildungsbürgerliches Jet-Set-Leben als Irrweg gebrandmarkt wurde, kam auch Martins bodenständiges Dasein nicht als allein seligmachende Alternative daher. Unter dem Strich war der Film ein stilles, aber überaus würdiges Geburtstagsständchen für eine große Schauspielerin, bei der man sich innerlich noch immer sträubt, sie eine große alte Dame des deutschen Films zu nennen.

07.06.2021 – Reinhard Lüke/MK

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